Mit Schwarz-Gelb haben wir nun jene Regierung, die energiepolitisch zu befürchten war, wie ich schon einmal genauer erklärte. Was kommt da auf uns zu?

Kernfusion als Erneuerbare Energie?

Wir können das gut sehen anhand des “Konzepts für ein integriertes Energieforschungsprogramm für Deutschland”, das schon im Stadium seiner Vertraulichkeit an die Öffentlichkeit gelangte.

Die Arbeit an diesem Konzept läuft bei der “Deutschen Akademie der Technikwissenschaften” als normales Projekt, aber der Umgang mit dem Ergebnis sorgte für einiges Aufsehen.

Als “brisantes Atom-Gutachten” würde ich das Papier nun nicht gerade bezeichnen, sondern als ganz normalen “Wunschzettel” der technokratischen Wissenschaftselite.

Natürlich unterscheidet sich dieses Konzept auf den ersten Blick in die Gliederung von jenen, die von Umweltverbänden (wie Greenpeace) in den letzten Monaten erarbeitet wurden und immer wieder betonen, dass ein mittelfristiger Wechsel hin zu Erneuerbaren Energien möglich ist.

Hier haben andere die Feder geführt. Anscheinend besonders neutral und objektiv betonen sie zu Beginn die Notwendigkeit eines “systemischen Ansatzes”, was hier auch bedeutet, Vollständigkeit zu demonstrieren. Es werden beinah alle derzeit verwendeten und entwickelten Energietechniken einbezogen, eben auch Kernkraft. Dass viele Wissenschaftler solch eine Sicht haben und ein Teil der Politik sich gern darauf stützt, sollte niemanden verwundern, der nicht Traumtänzer ist. Im Übrigen haben sich auch die Vertreter der Institute für Erneuerbare Energien nicht lumpen lassen, in dieser Studie als Autoren zu zeichnen. Wenns Geld geben könnte, sind halt alle dabei…

Werfen wir einen genaueren Blick ins Ergebnis:

1. Als Projektion der Energieverbrauchsentwicklung wird ohne Alternative nur ein Szenarium aus einer Quelle gezeigt, bei dem der Energieverbrauch sich bis 2030 verdoppelt und natürlich auch die Kernenergie noch leicht ansteigt, Kohle sogar sehr und die Erneuerbaren Energien nur leicht ansteigen. Schon das ist wissenschaftlich höchst fragwürdig, bildet aber die Voraussetzung für das Weitere.

2. Nach recht sinnvollen Aussagen über die vernetzte Komplexität der Energiefrage und der Notwendigkeit einer flexiblen Netzentwicklung werden drei “Extremszenarien” (S. 16) vorgestellt: die regenerative, die fossile und die nukleare.
Wenn es nicht so blöd wäre, wäre es ja fast belustigend: Die Kernfusion wird hier den erneuerbaren Energien zugerechnet !!! (S. 26, 32) Als Grund wird angegeben, dass die Brennstoffe (Deuterium und Tritium) “faktisch unbegrenzt” zur Verfügung stünden. Vom Problem der rein thermisch-entropischen Aufheizung der Atmosphäre durch unbegrenzte Energieumwandlung (Meyer-Abich, Dürr) haben diese WissenschaftlerInnen anscheinend noch nichts gehört.

Auf jeden Fall steht schon im “Extremszenario Regenerative Energien” der Satz: “Fossile und möglicherweise nukleare Energiequellen werden deshalb mittelfristig noch eine wesentliche Rolle spielen.” (S. 27). Scheinbar objektive und unparteiische wissenschaftliche Aussagen sind insbesondere vom Mitautor A.Voß bekannt, für den “nachhaltige Energieversorgung” schon immer eher “Pro Kernkraft” bedeutet.

Interessant ist auch zu vermerken, dass die seit kurzem so hochgepriesen Elektromobile laut dieser Studie auch Elektroenergie aus Kohlestrom brauchen und deshalb eine Umstellung auf Elektromobilität Projekte zur Entkarbonisierung wie CCS braucht (S. 43). Damit haben sie technisch Recht – eine elektromobile und auch sonst weiterhin wie gewohnt energieverbrauchende Lebensweise ist mit regenerativen Energiequellen nicht aufrecht zu erhalten, wie z.B. eine kleine Rechnung zeigt.

3. Nun zum Eingemachten, zur Kern(spaltungs)kraft: Ich zitiere einen längeren Absatz:

Abhängig von politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen könnte sich Deutschland aber in der Zukunft wieder an der Entwicklung und dem Bau von neuen Kernkraftwerken beteiligen, um einen erheblichen Teil des Energiebedarfs mit Kernenergie zu decken. [...]
Ein Wiedereinstieg in die Entwicklung von Kernkraftwerken wäre dann denkbar, wenn Deutschland die geltenden hohen Sicherheitsstandards
auch bei der Entwicklung von ausländischen Kraftwerken der dritten und vierten Generation mit Nachdruck implementieren wollte, oder wenn sich in Deutschland im Verlaufe der Zeit, die Einsicht durchsetzen sollte, daß die Kernkraft trotz der unbestreitbaren Risiken eine kostengünstige und konsensfähige Grundlast-Stromversorgung ohne CO2-Ausstoß bietet.”

Rein technisch zur Klarstellung: Eine Kernkraft-Grundlastversorgung bremst den Ausbau der Erneuerbaren Energien aus Sonne, Wind und Wasser, weil sie nicht flexibel genug ist. Die Entscheidung für Kernkraft wäre keine “Ergänzung”, sondern ein Stopp für die Erneuerbaren. Und weiterhin: Auch Kernkraftwerke erzeugen klimarelevante Treibhausgase (in der Menge mindestens vergleichbar mit jener der Windkraft), wenn man alle Tätigkeiten, die mit ihr in Verbindung stehen, mit betrachtet und nicht nur den reinen Kraftwerksbetrieb.

4.
Die Probleme bei der Endlagerung liegen “weniger in technischen oder geologischen Fragen begründet” (S. 46) – sondern wo wohl? Im “Fokus der Auseinandersetzungen” um Bestimmungen und Genehmigungen des Standorts. Hier wird dann wieder die Systemhaftigkeit, speziell der Zusammenhang der technischen Wissenschaften mit den Kulturwissenschaften beschworen. Letztere sind dazu da, die “Akzeptanzverweigerung” zu bearbeiten. Es soll z.B. “historische soziologische Forschung” geben, um “Ansätze [zu] entwickeln [...], mittels derer die Technologie gegebenenfalls umgesetzt werden könnte, ohne Widerständen zu begegnen oder – für die Fall, das dies nicht möglich ist – mit diesen Widerständen konstruktiv umzugehen.” (S. 47)

Wenn dies die Art und Weise ist, “ethische Aspekte stärker mit zu berücksichtigen”, (S. 50) dann kann ich darauf verzichten. Und mein Widerstand gegen diese Pläne wird nicht “konstruktiv” sein, sondern kritisch und kreativ.

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