
Einkaufen zu müssen, macht mir keinen Spaß. Ich habe deshalb in den letzten 20 Jahren das Nötige meistens aus Katalogen bestellt.. Natürlich ist mir bewusst, dass ich damit völlig anders ticke als die große Mehrheit der Menschen um mich herum. Shoppen wurde zu einer Freizeitattraktion. Äußerlich wurde dies befördert durch die Ausgestaltung der Orte des Kaufens zu schieren Erlebnisparadiesen. Wir im Osten haben diese Wunderwerke ja gleich nach 1990 in Massen hingestellt bekommen. Kinderspielwelten, Wasserkunst, farbige marmorierte Böden und Wände… das macht schon was her. (Was gäbe ich für diese Räume, um sie als Bibliotheken, Skaterbahnen oder Gesprächs- und Veranstaltungsräume nutzen zu können!)
Aber nicht nur die Äußerlichkeiten geben mir zu denken. Was bedeutet das Shoppen für die Menschen? Es ist wohl nicht nur die Gier nach den Sachen, das wurde mir irgendwann klar. Es ist eine Form von Beteiligtsein an der Gesellschaft. Aus der Produktion sind viele ausgeschlossen und für jene, die noch drin sind, ist der Job meist grad nicht das, was ihre Identität ausmacht, worin sie sich entfalten können. Die Warenfülle, die Vielfalt, die Möglichkeit, sich und das eigene Umfeld mit verschiedensten Mittelchen als etwas anscheinend Besonderes zu inszenieren, erfüllt dieses menschliche Bedürfnis, wie begrenzt es mangels Zahlungskraft auch sein mag. „Ich shoppe, also bin ich…“ schreibt Zygmunt Baumann in seinem neuen Buch „Leben als Konsum“.
Durch den Kongress „Make Capitalism History“ angeregt, habe ich mir das Buch „Warenästhetik“ von Wolfgang Fritz Haug besorgt und gelesen.
Das Kapitel über das „Kaufhaus des Westens“ (S. 156) brachte mich dann dazu, zum ersten Mal in meinem Leben das KaDeWe zu besuchen, zu Studienzwecken natürlich
Etwas baff war ich zuerst schon einmal darüber, dass mich nicht wie sonst in den üblichen Kaufhäusern knallige Farben erdrückten, sondern distinguierte Spiegelästhetik vorherrschte. Beim Schlendern durch die Abteilungen wurde mir immer wieder mein unangemessenes Bekleidetsein entgegen geschleudert. Uninteressiertes Naserümpfen ist für mich in Parfüm-, Schmuck-, Bekleidungs- und vielen anderen Abteilungen wirklich nicht schwer. Aber dann habe ich mich doch dabei ertappt, Interesse zu zeigen. Die haben doch wirklich auch eins meiner Bedürfnisse erwischt… Glücklicherweise gelang es mir, die heiligen Hallen ohne Kauf wieder zu verlassen.
Siehe auch: Die Warenästhetik im Konsumismus
Oktober 18, 2009 at 6:09
[...] wachsende Rolle der Warenästhetik und des Gebrauchswertversprechens wird offensichtlich bei jedem Kaufhausbesuch. „Die Waren stecken in einer Art Gelee aus Prestige, Gesundheit und Schönheit.“ (S. 156) [...]