Im Zuge der Vorbereitung eines Kongresses „UTOPIA NOW 2010“ wurde gefragt, ob und inwiefern Linke (z.B. die Partei DIE LINKE) überhaupt Utopien brauchen. Schließlich wissen wir doch wohl seit Marx und Engels, dass es eher darum gehen soll, weg von Utopien hin zu Wissenschaft zu gelangen und außerdem könnte sich eine Politik, die sich aus Utopien speist, auch diktatorisch verhalten und allen Menschen ihre Utopie aufzwingen wollen.

Dabei sollen genau diese Themen während des Kongresses thematisiert werden. Deshalb habe auch ich die Antwort noch nicht fertig vorliegen, sondern bin gespannt, was die Beteiligten gemeinsam erarbeiten werden.

Ich weiß nicht, wie sich bis zum Mai nächsten Jahres die wirtschaftspolitische Großwetterlage entwickeln wird – ein langer und stabiler Aufschwung ist das unwahrscheinlichste aller möglichen Szenarien. Die nächste Krise kommt bestimmt und mit ziemlicher Sicherheit werden die Einschnitte immer tiefer und werden immer mehr das Erträgliche angreifen, das uns derzeit noch ziemlich ruhig stellt. Einer Linken sollte dann nicht mehr hämisch nachgesagt werden, dass sie ja nicht mal von der Krise profitieren kann, weil sie keine eigenen alternativen Vorschläge hat.

Aber schon aus sich selbst heraus: Wofür sollte eine Linke stehen, wenn nicht für grundsätzliche Alternativen zu den derzeit herrschenden global und lokal ausbeutenden, entwürdigenden und naturzerstörenden wirtschaftlichen und politischen Strukturen? Und woher sollen diese Alternativen kommen? Aus ThinkTanks wie der ehemaligen Hauptverwaltung „Ewige Wahrheiten“ (Havemann)? Oder nicht doch aus einem ständigen Prozess der Debatte, der Praxis und der gemeinsamen Reflexion dieser Praxis?

Besonders wichtig ist für mich auch eine Haltung der Neugier: Wir wollen in diesem Kongress keine fertigen Antworten bieten, sondern auf Suche gehen; denn, wie es Raul Zelik in einem Gespräch mit Elmar Altvater so schön sagt: „Die gesellschaftliche Alternative […] wird nicht unbedingt dort geboren, wo es Linke erwarten.“

Über den Zusammenhang von Linken (und LINKEN) und Utopien gibt’s bereits mehrere Papiere. Eins ist veröffentlicht als Standpunkte-Papier der RLS 20/2009 von Dieter Klein. Hier geht es um den Zusammenhang von 1989 und 2009. Während 1989 die Defizite der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ausgeblendet blieben, und die Übernahme seiner wirtschaftlichen und politischen Formen ziemlich alternativlos hingenommen wurde, kommt es nun, da sich die Krisenhaftigkeit auf allen Gebieten verschärft, endlich auf eine darüber hinaus gehende Perspektive an. Nach Dieter Klein „bedarf die Linke einer transformatorischen Perspektive der eigenen Antworten auf die Krise, die sowohl realisierbare Lösungen für die dringlichsten Alltagssorgen besonders der sozial Schwächeren in der Gesellschaft umfasst als auch Vorstellungen von einem Prozess, der über die Grenzen des Kapitalismus hinausweist.“ Gerade im alltäglichen Kampf der Zurückdrängung der Krisenfolgen darf der Horizont nicht zusammen schrumpfen:

„Zukunftsvorstellungen, die progressive Interessen artikulieren, dürfen nicht mit dem Verweis auf ihre Nichtrealisierbarkeit unter den gegebenen Umständen aufgegeben werden.“ (Klein)

Einen weiteren interessanten Text (von 2006) mit historischem Bezug fand ich in der Zeitschrift „UTOPIE kreativ“ von Ernst Wurl. Im Jahre 2006 bezog er sich auf die versäumten historischen Möglichkeiten von 1956 und machte besonders den Utopieverzicht, der sich gerade in der Ablehnung des Denkens von Ernst Bloch deutlich zeigte, dafür verantwortlich. Seiner Einschätzung nach „mangelt es der politischen Linken teilweise an Selbstgewissheit über den Umgang mit Utopien.“ Aber sozialistisches Denken kann schon „aus sich heraus auf Utopien nicht verzichten“. Denn „blanker Pragmatismus […] würde zur Handwerkelei ohne Perspektiven entarten“. Es „steht jedoch unter den qualitativ sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen vor dem Problem, Zukunftsdenken in die eigene Politik so einzuordnen, dass es der Fernorientierung dient, zugleich aktuell verfügbar und operabel ist“.

„Visionen, Entwürfe und Konzepte heute nicht realisierter und/oder möglicher, vielleicht aber auf Grund unserer Erfahrungen denkbarer anderer Gesellschaftsmodelle vermögen das programmatische und strategische Denken der Politiker gewiss zu stimulieren und ebenfalls der Gesellschaftstheorie Ideen offerieren.“ (Wurl)

Nun geht es mir persönlich nicht um die Stimulation der Politiker und auch nicht um Ideen für den Elfenbeinturm. Sondern es geht um „Werkstätten alternativen Lebens, Arbeitens und der Kultur“, die Ernst Wurl dann ebenfalls noch nennt.

Besonders freue ich mich, dass wir als Hauptreferenten für den Freitagabend Christoph Spehr gewonnen haben, ich empfehle bis dahin schon mal seinen Text „Social Fiction und Utopie“.

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