
Schwerer lesbar als das gestern vorgestellte Buch fanden wir beim Herbstwochenende der „Zukunftswerkstatt Jena“ in Bad Sulza den Text von Roswitha Scholz „Der Wert ist der Mann“.
Ich hatte dazu schon früher etwas geschrieben, aber so richtig habe ich später dann nie wieder etwas damit anfangen können. Damals bezog ich mich auf das Buch „Das Geschlecht des Kapitalismus“ (R. Scholz 2000), jetzt haben wir ihren früheren Text von 1992 als Grundlage genommen.
Was wir verstanden und auch so sehen, ist, dass es in gesellschaftlichen Verhältnissen, bei denen gesellschaftliche Beziehungen nicht direkt durch menschliche Koordination und Kommunikation, sondern über den Wert (marxistisch bestimmt) vermittelt werden, entgegen dem Anschein eben nicht nur diese wertförmigen Strukturen, Verhaltensweisen und Denkformen gibt, sondern menschliches und gesellschaftliches Leben auch auf anderen Dimensionen wie Sinnlichkeit, nicht wertförmigen Denkformen (auch „Irrationalität“) und Natürlichkeit beruht. Diese sind nicht wirklich beseitigt – sie werden für eine wertförmig vermittelte Gesellschaftsform zu seinem Schatten, der jedoch in der positiven Selbstreflexion verleugnet wird.
Warum nennt Roswitha Scholz diese Verleugnung „Abspaltung“? Das Wort „Abspaltung“ wird in der Psychoanalyse verwendet, um vor allem die psychische Dimension von Dissoziation zu beschreiben. Dissoziation wiederum ist der „teilweise oder völlige Verlust der normalen Integration von Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der unmittelbaren Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen“ (Wikipedia)
Das bedeutet hier: wertförmiges Verhalten impliziert eine Abspaltung der nichtwertförmigen Anteile in 1. der Persönlichkeit und 2. auch der Gesellschaft selbst. Damit wird ein psychologischer Begriff auf die Gesellschaftstheorie übertragen, will aber auch gelten – soweit ich das verstehe – für das Geschehen für die Subjekte selbst.
Hinzu kommt nun noch die „Projektion“, die „unbewusste Verlagerung eigener Wünsche, Gefühle oder Vorstellungen auf andere Personen oder Objekte“ (Wikipedia) Freud schreibt: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“
Alles, was dem Wertförmigen entgegen steht, wird demnach abgespalten und auf Anderes projiziert: das Sinnliche, Irrationale, Natürliche… und aus der Erfahrung wissen wir, dass mit Sinnlichkeit, Irrationalität und (abgewerteter) Natürlichkeit sehr oft das Weibliche assoziiert wird. Roswitha Scholz will darauf hinaus, dass nicht nur der Wert thematisiert werden muss, sondern dass er nur zusammen mit seinem abgespaltenen „Schatten“ existiert und dass dabei nicht wirklich eine Trennung geschieht (wie das Wort „Abspaltung“ meinen könnte), sondern sich zeigt, dass beide Seiten aufeinander angewiesen sind.
Historisch war es tatsächlich so, dass die abgespaltenen Aspekte (Sinnlichkeit, Irrationalität, Natürlichkeit) oft mit dem „weiblichen Prinzip“ verbunden wurde. Das andere „männliche Prinzip“ wird eher mit den für den Kapitalismus typischen wirtschaftlichen, politischen und allgemeinen Handlungsweisen in Verbindung gebracht. Für Roswitha Scholz bietet sich damit eine ausgezeichnete Gelegenheit, feministische Konzepte mit der Wertkritik zu verbinden.
Da gibt es nur ein kleines Problem: Natürlich ist Roswitha Schulz über kruden Biologismus hinaus, sie bestimmt das „Mann-Sein“ nicht biologisch, sondern ein Mann ist bei ihr ein „historischer Träger der wertförmigen Versachlichung“ (19) und das „männliche Prinzip“ ist verwendet „im Sinne einer kulturell-historisch gewordenen sozialen Tatsache“. Damit definiert sich das Mannsein über das „wertförmige Versachlichung Tragen“. Genau genommen sollte es diese kulturelle Bedeutung des „Mannseins“ dann wirklich auch erst unter kapitalistischen Bedingungen geben.
Was ist da nun methodisch passiert? Die Kritik am Patriarchat (an der Herrschaft des „männlichen Prinzips“) wurde mit der Wertkritik verbunden, indem der Gegenstand der Kritik identifiziert wurde. Das Wertförmige wird mit dem Männlichen identisch („Der Wert ist der Mann.“). Welcher Aussagewert steckt außer dem Tautologischen dahinter? Wird dadurch das Patriarchat über den Wert begründet oder der Wert durchs Patriarchat? Es scheint, als wolle Roswitha Scholz letzteres. Es ist bei ihr das Geschlechterverhältnis, welches das „gesellschaftliche Syntheseprinzip [...] zentral strukturiert“ (3). Da diese Geschlechterverhältnisse aber wiederum im Kapitalismus eine ganz besondere Qualität annehmen, begründen sich beide Momente hier wiederum gegenseitig.
Auf irgend eine Weise klingt das zwar dialektisch, aber mir erschließt sich das nicht als großer Erkenntnisgewinn.
1992 passte das Abspaltungs-Theorem noch in ein Konzept, bei dem die Distanz des Weiblichen zum Wertförmigen als „Krisenmoment der Warenform“ gedacht wurde:
„Die Abspaltung eines weiblichen Lebenszusammenhangs, der für die wertförmig nicht erfaßbare Seite des menschlichen Lebens “zuständig” ist, wird so zur “Bedingung der Möglichkeit” für die Entfesselung der Warenform – und die von der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung blind erzeugte Möglichkeit einer weiblichen Rollendistanz somit zum Krisenmoment der Warenform als solcher.“ (Kurz 1992)
Diese Funktion, ein Krisenmoment zu begründen, dürfte das Konzept für die „Wertkritik“ inzwischen verloren haben.
In der Diskussion um diesen Text fielen uns auch immer wieder Beispiele aus aller Welt ein, für die viele Grundannahmen der Plausibilisierung nicht stimmen. Wo in aller Welt ist/war es denn wirklich massenhaft üblich, dass die Frauen für die Männer den gemütlichen Haushalt als Rückzugsort aus der harten Wirtschaftswelt bereit stellten? Doch nur im privilegierten Mittelstand einiger weniger hochkapitalistischen Länder. Allerdings fällt schon auf, dass dieses Biedermeyer-Idyll tatsächlich viele Köpfe und Herzen zu bewegen scheint, das Muster ist also durchaus sehr dominierend (aber vielleicht auch nur hier, in Afrika dürfte das völlig anders sein).
Trotzdem würden wir uns viel lieber erst einmal umschauen in vielen Regionen der Welt, ob eine solche Zuschreibung von „männlichem/weiblichen“ Prinzipien überhaupt stimmig ist und nicht nur begrenzte historische Erfahrungen verallgemeinert.
Nehmen wir noch einmal eine zusammenfassende Darstellung auf:
„Alle Momente der gesellschaftlichen Reproduktion, des persönlichen Lebens und der sozialen Beziehungen, die nicht in der abstrakten Logik des Werts aufgehen oder sich nur widerwillig und unter Verlust ihres ganz eigenen Charakters in die abstrakte Logik des Werts einordnen lassen (Kinderbetreuung, „Hausarbeit“, „Liebes- und Beziehungsarbeit“, sozio-psychische Pufferfunktionen usw.), wurden vom ökonomisch-politischen Universum abgespalten und historisch als „weiblich“ definiert. Kapitalismus ist also nicht bloß der Zusammenhang seiner kategorialen Formen, sondern immer auch ein Prozess der Abspaltung. Das Verhältnis des Werts ist gleichzeitig ein Verhältnis der Abspaltung bestimmter Momente der sozialen Reproduktion, und erst beides zusammen kann den kritischen Begriff der modernen Gesellschaft bilden. Der Wert und sein Subjekt sind strukturell männlich bestimmt.“
Bis auf den letzten Satz finden wir die Aussage ganz überzeugend. Wir müssen noch darüber nachdenken, was das für andere Zusammenhänge bedeutet.
November 25, 2009 at 8:10 nachmittags
Die europäische Entwicklung hat da ja aber schon einen analytischen Sonderstatus, weil ja der Kapitalismus nun mal in Europa entstanden ist und nicht in China oder sonstwo. Wenn man also irgendwo sonst auf der Welt andere Strukturen findet, bedeutet dass noch nicht, dass damit die Scholzsche These widerlegt wäre. Interessant wäre vielleicht, sich matriarchale Völker anzugucken und was bei denen im Kontakt mit dem Kapitalismus passiert.
November 25, 2009 at 10:16 nachmittags
Ja, historisch ist der Kapitalismus in Europa entstanden und wieviele verschiedene Faktoren da zusammen kamen, kann man z.B. in dem informativen Buch von Michael Mitterauer: Warum Europa? nachlesen.
Ansonsten geht es mir nicht darum zu zeigen, dass “irgendwo sonst auf der Welt andere Strukturen” existieren (wie Matriarchate), sondern dass in anderen Regionen auch der Kapitalismus bezüglich der üblichen Geschlechterordnung nicht unbedingt den Mustern folgt, die wir als weiße, privilegierte Länder kennen. Wenn in Afrika z.T. vorwiegend auf Kleinkredite für Frauen gesetzt wird, bedeutet das systematisch etwas. Man kann dann leicht sagen: Okay, dann verkörpern dort eben die biologischen Frauen das “männliche Prinzip” – aber das zeigt dann eben auch das Problem mit der aus meiner Sicht tautologischen Bestimmung des Mann=Wertseins.
Insgesamt wäre ich auf jeden Fall dafür, wenn schon, dann die These erst einmal als “Forschungshypothese” zu betrachten und dann eben wirklich ernsthafte Untersuchungen anzustellen. Ich hab mich bei der ganzen Diskussion immer wieder erinnert an die überlieferten Erfahrungen aus internationalen Frauentreffen, wo die Frauen aus aller Welt den weißen Industriestaatenfrauen sehr oft gesagt haben, dass sie nicht in ihrem Namen reden können. Die Lebensrealität ist viel differenzierter als in den holzschnittartigen Zuschreibungen und was die Zuschreibungen dann noch analytisch zum Begreifen der Lage und als praktische Handlungshilfe nützen, wird fraglich.
November 26, 2009 at 10:01 nachmittags
Das Abspaltungstheorem halte ich für analytisch sinnvoll; ob aber die Gleichsetzung des Abgespaltenen immer mit »dem Weiblichen« identifiziert werden muss, ist auch für mich fragwürdig. Sinnvoll finde ich das Theorem, weil sich dadurch die Perspektive der Aufhebung nicht nur auf die Arbeit (aka Verwertungslogik), sondern auch auf die Nicht-Arbeit (aka agspaltener Bereich) richtet.
Noch ein Tipp zur Kritik des Theorems: http://www.streifzuege.org/2008/zur-immanenten-kritik-am-wert-abspaltungstheorem und http://www.streifzuege.org/2008/zur-immanenten-kritik-am-wert-abspaltungstheorem-2
November 28, 2009 at 9:31 vormittags
Ich hatte noch vergessen zu ergänzen, dass seit 1992 es in emanzipativen Kreisen auch unüblich geworden ist, zwischen nur zwei Geschlechtern und das überhaupt so eindeutig zu trennen. Insofern wäre das Abgespaltene wohl auf keinen Fall mit “weiblich” zu konnotieren. Es bleibt dann eventuell, das Wertförmige mit “männlich” zu assoziieren und “der Rest” ist dann das Abgespaltene.
Dezember 1, 2009 at 12:22 vormittags
Karl Mai statt Karl Marx?
Ist es nun mein “Mannsein” das mich zwingt, den abgrundtief empfundenen Ekel abzuspalten, der mich bei esoterisch-phsychologistischen Kurzsschlüssen á la “Abspaltung des Weiblichen im “Mann=Wert” befällt, oder ist es die schlichte Tatsache, dass dieses Gefühl (so rational es auch sein mag) hier weder Erklärungs- noch Überzeugungswert haben dürfte und niemanden weiter hilft. Und ist der vorsichtige Hinweis auf die nun in mir glücklich “abgespaltene” Sinnlichkeit etwa der Beweis meines eigentlichen Frauseins?
Ok, ich finde die mittels “feministischer” Interpretation begrifflich verewigten und so als Tatsachen anerkannten sexistischen Zuschreibungen von “Rationalität / Irratioalität” “Sinnlichkeit / Abstraktheit”, (die mit ihrer Kritik nur reproduziert werden), so ärgerlich, weil das nach meinem Gefühl das Nachdenken darüber blockiert, auf welche Formen der Teilung von Arbeitsmühen und Genüssen, Risiken, Schäden und Verantwortung (wie) hingearbeitet werden soll.
Das setzt voraus, dass die Wohlstand mehrenden Effekte der “Abstraktion” von zu langsamer, schlechter oder vom Gebrauchswert her sinnloser lebendiger Arbeit gesehen wird, die durch die Konkurrenz privateigentümlicher Reproduktion und Bereicherung entstehen – um von dort aus den Blick auf die mit Geld = Zugriffsvermögen auf Käufliches nicht ausdrückbaren sozialen bzw. ökologischen (Preise des Erfolgs zu richten – und durch welche Maßnahmen ersteinmal der Raubbau und dessen Billigung im Einkaufsverhalten aufgehoben werden kann.
Gruß hh