Ich kann es nicht lassen, immer wieder alte Bücher und Broschüren zu lesen anstatt nur in den schnelllebigen Neuen Medien zu surfen. Weil wir uns gerade mal wieder mit dem Thema Produktivkräfte/Technik beschäftigen, fiel mir die Broschüre „Neue Technik und Sozialismus“ in die Hände. Die Beiträge entstanden vor immerhin 30 Jahren und trotzdem

fand ich sie durchweg spannend.

Produktivkraftentwicklung und Technik in sozialen Wechselbeziehungen

Als wir gleichzeitig im Marxismus-Leninismus noch ziemlich unkritisch von den „Produktivkräften als dem revolutionärste Element der Produktion“ (mein Staatsbürgerkundebuch) sprachen, hatten die Marxist_innen im Westen dies längst kritisch hinterfragt.

Technik und auch die Produktivkraft im weiteren Sinne ist kein Naturphänomen und auch der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen kein naturgesetzlicher Ablauf. Technische und gesellschaftliche Möglichkeiten befinden sich in umkämpften Feld, in dem neue Kräfte entstehen und miteinander ringen (Plotke, S. 59).

Wissenschaft und Technik als Elemente der Produktivkräfte sind nicht unbeeinflusst von den Produktionsverhältnissen, speziell den kapitalistischen. Wie vor allem Vertreter_innen aus den sog. unterentwickelten Ländern feststellen, „transportieren (sie) eine besondere Ideologie, nämlich einen allgemeinen Entwicklungsdiskurs und zugleich die besonderen, sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen ihres Herkunftslandes“ (Shafiq, S. 116).

Wie sehr „kapitalistische Verhältnisse in die Maschinerie eingebaut sind“, beschreibt Donna Haraway in ihrem Beitrag: „Militarisierung des Wissens“ (S. 67 ff.). Schon bei der wissenschaftlichen Analyse der Natur verwenden wir eine militarisierte Sprache, es geht ums „Meistern“ und „Beherrschen“. Am Beispiel von Forschungen in den USA im zweiten Weltkrieg, die den wissenschaftlich-technischen Vorsprung der USA begründeten, zeigte sie, wie auch die Wissensobjekte militarisiert auftraten. Menschliches Verhalten interessierte wegen dessen Fehlfunktionen als Element in Radarsystemen; Tiergesellschaften wurden als „reine Kommando-Kontroll-Systeme“ betrachtet und auch an die Untersuchung von Kommunikationssystemen ging man heran, „als seien es Probleme der Artillerie“.

Ebenso wurde in dieser Zeit die „wissenschaftliche Forschung in eine nach dem Modell der Industrie organisierte Tätigkeit“ umgewandelt (Cini, S. 74). Speziell der US-amerikanische Aufstieg verdankt sich einer deutlichen Fusion von wissenschaftlicher Forschung und dem Produktionsprozess, der natürlich von den kapitalistischen Grundlagen nicht abgelöst ist. Offensichtlich ist die Vorstellung, „die Wissenschaft als eine unvoreingenommene Tätigkeit“ zu sehen, spätestens seit damals höchst unrealistisch.

Die wissenschaftlich-technische Entwicklung ist auch „sozial konstitutiv“: „Die Wahl von Wissenschaft und Technik berührt die Form, das Maß und die inneren Beziehungen der Klassen selbst.“ (Plotke, S. 52).

So beeinflussen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse Inhalt und Form der Technikentwicklung, diese wirkt zurück auf soziale Beziehungen usw.. Letztlich ist die Lohnarbeit in der Produktion einerseits immer Element des Kapitalverwertungsprozesses UND andererseits Akteur der Gebrauchswertproduktion (Haug, S. 32).

Diese Widersprüchlichkeit äußert sich auch in der Realität. Für die Automationsarbeit, auf die ich noch zurückkommen werde, schreibt W.F. Haug:

„Unterschiedliche Kompetenzen und ihre Schranken überlagern und überkreuzen einander. Wir brauchen ein Widerspruchsmodell, um lohnabhängige Automationsarbeit zu denken.“ (S. 32)

Im Übrigen wurde bereits damals die Besonderheit des Produkts „Information/Wissen“ thematisiert. Ein Widerspruch entsteht hierbei dadurch, dass der Gebrauchswert von Information „im wesentlichen in der Neuheit der Nachricht, besonders aber in ihrer Einzigartigkeit“ besteht (Cini, S. 76), während der Fluß der Informationsproduktion „im Rahmen einer gegebenen Planung und der gegebenen Ziele“ meß- und standardisierbar gemacht werden muss. „In diesem Fall sind wir gezwungen,die Unvoraussagbarkeit und Einzigartigkeit durch vorherbestimmte und serienmäßige Information zu ersetzen.“ (Cini, S. 77) Damit erklärt sich übrigens auch das Phänomen, dass Barbara McClintock als Biologin mit ihrer Methode „das Material sprechen (zu) lassen“ und ihm zu erlauben „einem zu sagen, was als nächstes zu tun sei“ (Quelle) so völlig neben dem Methoden-Mainstream war.

Über weitere Themen aus dem Heft werde ich in den nächsten Tagen berichten:

Literatur:

  • Neue Technik und Sozialismus. Argument-Sonderband AS 95, Berlin 1982. Beiträge zur Konferenz „Sozialismus, Wissenschaft, Technologie, Entwicklungsstrategien“ in Cavtat.
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