Allgemeininteressen

Wir haben im vorigen Teil gezeigt, dass die Vereinzelung und Isolierung von Menschen als Folge aus bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen entsteht. Deshalb sind auch die Interessen von Menschen nicht grundsätzlich einander entgegen gerichtet. Alle Menschen, jeder besondere Mensch für sich, hat das Interesse, dass seine Bedürfnisse auf menschliche Weise befriedigt werden. Das ist wohl ein Ausgangspunkt, der kaum negiert werden kann. Menschlich ist die Bedürfnisbefriedigung nur, wenn sie durch kooperative Teilhabe an der Erzeugung der benötigten Güter erfolgen kann. Die Teilhabe des Individuums an der gesellschaftlichen Lebensgewinnung ist also das Interesse, das jedes Individuum mit allen anderen teilt. Und dieses Interesse kann von seiner inhaltlichen Bestimmung her gar nicht gegen andere gerichtet sein.

Auf zwischenmenschlicher Ebene finden sich Folgen dieser geteilten Interessen z.B. in Methoden wie der Gewaltfreie Kommunikation, , bei denen gemeinsame Grundbedürfnissen wie Anerkennung und Zugehörigkeit angenommen werden. Auch Sören Kierkegaard, der sich mit aller Kraft als Sprecher der individuellen Existenz gegen abstrakte Allgemeinheiten stellte, die er bei Hegel zu finden glaubte, erkannte für jeden Menschen eine Einheit von Einzelheit und Allgemeinheit:

Wenn der Mensch ethisch lebt, wird er zum allgemeinen Menschen. Er drückt das Allgemein-Menschliche in seinem individuellen Leben aus (Kierkegaard EO: 620).

All diese Überzeugungen sind letztlich keine idealistischen Konstruktionen, sondern sie lassen sich begründen durch ihre materielle Verankerung im Lebensgewinnungsprozess der Menschen. Rein formal zeigt sich die Allgemeinheit von Interessen im zwischenmenschlichen Bereich darin, dass sie nicht gegen die Interessen von anderen Personen oder Gruppen gerichtet sein können (Holzkamp 1980: 210). In der gesamtgesellschaftlichen Dimension zeigt sich das Allgemeininteresse als „Interesse an der Überwindung der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, d.h. gerichtet auf die Verfügung der Menschen über ihre eigenen Angelegenheiten“ (ebd.: 212) und meint letztlich „Freiheit von fremder Willkür, Freiheit bewußter kollektiver Verfügung über die eigenen Angelegenheiten“ (ebd.).

Durch die Allgemeinheit dieser Interessen werden individuelle Interessen nicht ersetzt, sondern die individuellen Interessen lassen sich am Maßstab ihrer Verallgemeinerbarkeit unterscheiden (ebd.: 211). Verallgemeinerbar sind „individuelle Interessen, die auf die gemeinschaftliche Verfügung über individuell relevante gesellschaftliche Lebensbedingungen, also auf kollektive Selbstbestimmung, gerichtet sind“ (ebd.: 212). Um von den rein zwischenmenschlichen Beziehungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu kommen, brauchen wir also die „individuell relevanten Lebensbedingungen“ als Zwischenglied.

Dieses Allgemeine wird unterdrückt und verschleiert, wenn die Lebensbedingungen der Menschen ihnen strukturell ein gegeneinander gerichtetes Verhalten aufdrängen (nicht ausweglos aufzwingen). Erst unter Bedingungen, „unter denen niemandes Interessen unterdrückt werden“ (ebd.: 211) kann es sich vollständig entfalten. Deshalb erfordert ein Ausweiten von am Allgemeinen orientierten individuellen Interessen den Kampf gegen Verhältnisse von Unterdrückung, Ausbeutung und Entwürdigung. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1/KHR: 385).

Zivilisationsgeschichtlich besteht zumindest angesichts der gegenwärtigen akuten Einschränkungen für die Menschen, eine „bewußt-vorsorgende Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen“ (vgl. Holzkamp 1980: 10) zu realisieren, die Herausforderung darin, sich diese Kontrolle zu erkämpfen und eine darauf basierende neue Lebens- und Produktionsweise zu entwickeln. Eine „bewußt-vorsorgende Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen“ vereinigt die Herstellung der zu einem guten Leben notwendigen Güter ebenso wie die Berücksichtigung bzw. Bereicherung ökologischer Zusammenhänge.

Gegen die Pluralität des Partialen

Solange unter den gegebenen Bedingungen das Allgemeine in „verkehrter Form“, d.h. in Form einer Gesellschaft als „ein dem Individuum äußerlicher Rahmen […]“ (MEW 1/JF: 366) konstituiert wird, kann dieses Allgemeine sich nicht im massenhaften praktischen Erleben unmittelbar zeigen, sondern es muss denkend antizipiert werden und daraus muss eine andere Art Praxis entstehen.

Ohne den denkenden und praktischen Widerstand setzt sich eine „Vorstellung von dem pluralistischen Kräftespiel zwischen organisierten Partikularinteressen“ (Holzkamp 1980: 212) durch. Die lateinische Wortherkunft (lat. inter = zwischen und esse = sein) scheint auch darauf hinzudeuten, dass Interessen zwischen etwas vermitteln, was erst einmal als voneinander getrennt unterstellt wird. Dann wäre ein „Allgemeininteresse“ ein Widerspruch in sich. Wie das Wiktionary zeigt, verschob sich die inhaltliche Bedeutung des Wortes „Interesse“ schon mehrfach und die Verwendung der lateinischen Bezeichnung ist zu einseitig. Wenn wir dagegen das menschlich Allgemeine, wie schon mehrfach ausgeführt, im gesellschaftlichen Lebensgewinnungsprozess gefunden haben, wird die Beschränktheit der Vorstellung einer äußeren Vermittlung zwischen Getrenntem bzw. Vereinzeltem deutlich.

Wichtig ist es auch, den Unterschied von gemeinsamen und allgemeinen Interessen zu beachten. Wenn sich Individuen zusammen tun und unter trennenden Bedingungen ihre Kraft zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen stärken, ist die Logik von Partialinteressen (als Gegenbegriff zu allgemeinen Interessen) noch nicht durchbrochen, sondern bestätigt. Auch gemeinsame Interessen sind Partialinteressen, wenn sie sich nicht am allgemeinen Interesse der Verfügung aller Menschen über ihre Lebensbedingungen orientieren.

Die Frage einer allgemeinen Richtungsorientierung zeigt sich gerade auch im zwischenmenschlichen kooperativen Bereich. Menschen tun sich in vielen Bereichen zusammen – aber das „zusammen“ sagt noch nichts aus über die Orientierung ihrer Bemühungen. Handeln die Menschen gemeinsam in der bürgerlichen vereinzelten Form, als „bürgerliches Konkurrenz-Verhältnis“ (Holzkamp 1983: 374), so entstehen Instrumentalverhältnisse.

Dieses Wort beschreibt, dass hierbei der gesamte Zusammenschluss und auch die jeweils anderen Menschen als „Instrumente“ zur Verwirklichung der privat-individuellen Ziele verwendet werden (Holzkamp 1983: 374f.). Oft ist es wohl auch so, dass sich das Ziel des Zusammenschlusses gegenüber den Beteiligten verselbständigt und das Engagement der Einzelnen „um der gemeinsamen Sache willen“ erpresst wird. Obwohl das auf den ersten Blick besonders uneigennützig aussieht, geht es auch dann meist um individuelle „Vorteile“, z.B. die Suche nach Anerkennung und nach Sinnerfüllung unter Bedingungen, die keine andere Befriedigung dieser Bedürfnisse ermöglichen. Die eigenen Anstrengungen für das Gemeinsame sollen dabei kompensiert werden durch die erreichten Vorteile (vgl. Holzkamp 1979: 17). In solch einer Beziehung geht es nicht um die kooperative Durchsetzung von allgemeinen Interessen durch eine auf die gesellschaftlichen Strukturen gerichtete Bedingungsänderung, sondern um die Stärkung der gemeinsamen Partialinteressen gegen andere Partialinteressen (ebd.: 15). Letztlich zeigt sich die Beschränktheit dieser Beziehung auch daran, dass die Beteiligung jederzeit aufgekündigt werden kann, wenn die eigenen Vorteile nicht in ausreichendem Maß erfüllt werden (die „Freie Kooperation“ nach Christoph Spehr ist demnach auch solch eine partialinteressen-bezogene Gemeinschaft). Und auch bei „Kompromissen“ geht es um eine spezielle Regulierung von instrumentellen Beziehungen (ebd.: 17) bei ungefähr ausgewogenem Kräfteverhältnis, sie weisen nicht in Richtung von Allgemeininteressen.

Ein wichtiges Merkmal instrumenteller Verhältnisse ist es, dass sich je eigene Interessen immer nur auf Kosten von anderen durchsetzen lassen. Diese von Stefan Meretz „Exklusionslogik“ genannte Struktur ist eine Konsequenz der bürgerlich-kapitalistischen trennenden gesellschaftlichen Verhältnisse (mehr zur Alternative, der Inklusionslogik, im Teil III).

(Meretz 2008, Folie 18)

Die Exklusionslogik kann nicht willkürlich umgangen werden. Unter der Voraussetzung, dass Menschen ihr individuelles Leben strukturell nur „auf Kosten“ jeweils anderer, die im Konkurrenzkampf weniger Erfolg haben, fristen, ist jede Vereinigung im Sinne lediglich gemeinsamer Interessen, die nicht selbst an der Beseitigung der ausschließenden Struktur orientiert sind, lediglich ein Mittel zur Erweiterung der eigenen Handlungsmacht auf Kosten anderer. Diese Partialität zeigt sich auch nach innen darin, dass die anderen Menschen instrumentalisiert werden, um die gemeinsame Handlungsmacht zu maximieren. Das ist der Grund, warum man sich bei der Beteiligung an linken Strukturen oft nicht besser fühlt, als im Rest der Konkurrenzwelt.

Diese Beschreibung soll keine Anklage sein, sondern zeigen, wieso ein Handeln entsprechend der durch die gesellschaftlichen Strukturen nahe gelegten Logik für die Akteure „Sinn macht“. Die Alternative kann nicht lediglich im Versuch gefunden werden, anders, nämlich „menschlicher“ miteinander umzugehen – sondern es geht darum, das Gemeinsame am Allgemeinen auszurichten. Der gute Wille des menschlichen Umgangs miteinander wird sonst ständig konterkariert von strukturellen Zwängen. In der Politik, häufig auch der linken und emanzipativ sein wollenden, werden den „Traumtänzern“ dann ständig die Anforderungen der „Realpolitik“ entgegen gehalten. Der Unterordnungszwang wird dann als Forderung, „sich politisch zu verhalten“ oder „politisch zu entscheiden“ umformuliert. In Bezug auf Manipulierungen, Unterordnung unter Zwänge und gegenseitige Instrumentalisierung spürt man dann kaum Unterschiede zu Herrschaftsverhältnissen in solchen Zusammenhängen.

Es gilt nicht nur für die direkt herrschenden Interessen, dass sie sich gern als „Allgemeininteressen“ darstellen (vgl. Holzkamp 1983: 376). Für Deutschlands Position im Weltmarkt kann natürlich nur Sorge tragen (als angebliches „Allgemeininteresse“ der Deutschen), wer die globalen Konkurrenzbedingungen grundsätzlich anerkennt (also die Exklusionslogik). Es scheint aber auch nur ein linkes „Allgemeininteresse“ zu sein, durch gute Wahlergebnisse mehr Einfluss auf die Politik zu gewinnen, solange als politischer Imperativ das Gegeneinander der Partialinteressen innerhalb nicht in Frage gestellter Unterdrückungsstrukturen (gemeinhin auch genannt „bürgerliche Demokratie“) gilt.

Wenn es um die „angestrebte kollektive Selbstbestimmung aller Menschen über ihre eigenen Angelegenheiten“ (Holzkamp 1979: 17) geht, gibt es keinen Ausschluss anderer und keine Kompromisse.

Das Vertreten von Privatinteressen und auch von gemeinsamen Partialinteressen soll hier nicht normativ kritisiert werden. Es ist unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen oft unumgehbar. Es gibt unter diesen Bedingungen gute Gründe, solche Interessen zu vertreten – aber es gibt auch gute Gründe, diese Bedingungen in Frage zu stellen und zu bekämpfen, um nicht mehr in dieser Art Interessenvertretung verhaftet zu bleiben.

Das Problem, mit dem Instrumentalverhältnisse behaftet sind, ist die unmittelbare Selbstschädigung, die damit verbunden ist: Wenn darauf verzichtet wird, die konkurrenzförmigen bornierten Bedingungen in Frage zu stellen, wirken sie auf einen selbst unmittelbar ein – man liefert sich ihnen aus, unterstellt sein eigenes Leben ihrer Logik und hintergeht damit die Anteile des Allgemeinen in den eigenen Interessen. Man wird diesen allgemeinen Anteilen in sich selbst zum Feind, es entsteht „Selbstfeindschaft“ (Holzkamp 1983: 376f.), mit welcher es sich nicht gut lebt und die letztlich auch zu vielen psychischen Störungen führen kann. Auf jeden Fall verliert man die „Potenzierung der eigenen Möglichkeiten durch Teilhabe an kollektiver Bestimmung der Lebensverhältnisse“ (Holzkamp 1979: 11).


Dieser Beitrag wurde am 20.1.11 minimal verändert.

Morgen gehts weiter…

About these ads