Selbstentfaltung

In den Teilen I und II dieses Beitrags wurde aus der gesellschaftlichen Vermitteltheit der individuellen Existenz geschlossen, dass Menschen nicht nur gegeneinander gerichtete Partialinteressen haben, sondern allgemeine Interessen sich auf die „Erweiterung der bewussten Verfügung über gesellschaftliche Lebensbedingungen, und damit die Erhöhung der Selbstbestimmung jedes einzelnen“ richten (Holzkamp 1979: 13-14). Damit verschränken sich auch die Perspektiven:

„Ich weiß nicht nur von dem jeweils anderen, daß er mit den seinen auch meine Interessen verfolgt, ich weiß [...] auch vom anderen, daß dieser weiß, daß ich mit den meinen auch seine Interessen verfolge.“ (ebd.: 14, fett A.S.)

Es entsteht ein „wechselseitiges Interesse an der Subjektentwicklung des anderen, da seine erweiterten Fähigkeiten der Teilhabe an [...] gesellschaftlicher Subjektivität auch jeweils mir notwendig zugute kommen.“ (ebd., kursiv A.S.) Für mich als menschliches Individuum bedeutet dies, dass ich mich zwar privat und partial gegen andere richten kann – dass ich aber mehr Handlungsfähigkeit und Entfaltungspotential erlange, wenn ich mich am Allgemeininteresse orientiere. Im Unterschied zur individualistischen „Selbstbestimmung“, die auch unter kapitalistischen Verhältnissen dem isolierten Individuum zukommt, sprechen wir dann von „Selbstentfaltung“ – ein Begriff der neu gesetzt wird, um das Neue gegenüber der bürgerlichen bornierten Form festzuhalten.

Interpersonale Subjektbeziehungen

Wenn ich weiß, „daß der andere aus seinem ureigensten Interesse heraus sein Bestes für mich geben muß“ (ebd., kursiv A.S.), kann ich mich ihm angstlos und offen zuwenden. Gegenseitige Belauerung, Unterstellung von Übervorteilung und die ängstliche Abwehrstellung gegen Angriffe wären dann sinnlose Kraftverschwendung. Wenn das, wofür wir uns gemeinsam einsetzen, die Erweiterung der bewussten Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen ist, dann erweitert dies auch die Möglichkeit meiner eigenen Selbstbestimmung. Das Eigene und das Gemeinsame sind in gleiche Richtung orientiert: das Allgemeine.

In den Beziehungen zwischen den beteiligten Menschen zeigt sich dies darin,

  • dass das Gemeinsame sich nicht gegen andere richtet, sondern sich mit anderen gemeinsam für gesellschaftliche Verhältnisse ohne Ausbeutung und Unterdrückung einsetzt;
  • dass die Individuen dem gemeinsamen Ziel nicht untergeordnet werden, sondern ihre persönlichen Interessen im gemeinsamen Tun realisieren können;
  • dass die Beteiligten sich nicht gegenseitig instrumentalisieren, sondern sich jedes Individuum gerade dadurch selbst entfalten kann, dass seine Entfaltung die anderen bereichert und von ihnen bereichert wird;
  • dass die Beziehungen nicht durch Abhängigkeit, Kompensation, Kompromisse, Manipulation, Unterdrückung oder mehr oder weniger subtilen Zwang reguliert werden, sondern durch Angstlosigkeit, Freiheit, Offenheit und Eindeutigkeit der gegenseitigen Zuwendung. (vgl. Holzkamp 1979)

Organisierung des Allgemeinen?

Klaus Holzkamp diskutierte die Folgen seiner theoretischen Analyse für die praktische Politik im Jahr 1980 noch unter dem Ziel einer „Organisierung des Allgemeinen“, wobei er letztlich „hierarchisch strukturierte Entscheidungsprozesse“ (Holzkamp 1980: 222) für nötig erachtete. Unter Organisierung versteht er die „Mitwirkung an kollektiver Selbstbestimmung“ (ebd.: 216). Unter der Voraussetzung, dass es keine „mythischen Einzeit zwischen der Privatperson und dem Kollektiv“ gibt, muss das Verhältnis aktiv und bewusst gestaltet werden. Es macht sicher durchaus Sinn, emanzipative und in diesem Sinne fortschrittliche Gemeinschaften in Richtung des Allgemeinen auszurichten. Dabei stehe es jedoch nie und nirgends endgültig fest, was das Allgemeininteresse sei und ob die Organisation es optimal vertrete (ebd.: 219). Deshalb darf sich auch hier nie eine Verselbständigung des anscheinend Allgemeinen gegenüber den Individuen entwickeln. „Disziplin und Verbindlichkeit darf von mir nur übernommen und praktiziert werden, wenn ich die Notwendigkeit dazu einsehen kann.“ (ebd.: 219) Der Allgemeinheitsanspruch muss permanent kritisiert werden gegen Mystifikationen, bei denen Privatinteressen als allgemeines Interesse ausgegeben werden. Eine fortschrittliche Organisation muss „permanent den Zusammenhang zwischen dem durch die Organisation vertretenen allgemeinen Interesse und den wesentlichen individuellen Interessen für jedes ihrer Mitglieder durchschaubar machen“ (ebd.).

Im Spannungsfeld von Instrumentalisierung und Intersubjektivität

Menschliche Beziehungen unter strukturellen Verhältnissen des gegenseitigen Ausschlusses (siehe Teil II) werden immer im Spannungsfeld zwischen den beiden Richtungsbestimmungen: „Instrumentalisierung“ und „Intersubjektivität“ agieren. Als Richtungsbestimmungen können diese Bestimmungen nicht in reiner Form zur Bewertung von Gruppierungen und Organisationen verwendet werden. Holzkamp schlägt vor, jene Beziehungen als „Subjektbeziehungen“ zu bezeichnen, „bei denen der Subjektaspekt innerhalb des widersprüchlichen Verhältnisses zum Instrumentalaspekt der bestimmende ist“ (Holzkamp 1979: 19).

Aber diese beiden Extrembegriffe können helfen, die Beziehungen in den verschiedenen Gruppen und Situationen zu verstehen. Wenn wir uns innerhalb von konkurrenzförmigen, vereinzelnden Strukturen für das Allgemeine einsetzen wollen, können wir den Widerspruch zwischen Partialem und Allgemeinem nicht außer Kraft setzen. Wir bewegen uns mitten drin und unterliegen den Auswirkungen. Als reflektierende und handelnde Wesen können wir jedoch mehr als nur unmittelbar reagieren, sondern begreifen und uns für oder gegen verallgemeinerte Tendenzen entscheiden.

Wenn wir alles, was ich jetzt in so großer Breite ausgearbeitet habe, für unsere Praxis in den Gruppen, Kooperationen, Vernetzungen und Bewegungen nutzen wollen, so ergeben sich folgende Hinweise:

  1. Weg von Personalisierungen! Es kommt darauf an, im Konfliktfall nicht einzelnen Menschen und ihren Charakteren eine Schuld zuzuschieben, sondern zu verstehen, d.h. mit ihnen gemeinsam zu klären, welche Bedingungen für sie der Ausgangspunkt sind, unter dem es für sie Sinn macht, sich so zu verhalten.
  2. Weg von der „guten Position“! Solange die gesellschaftlichen Verhältnisse vereinzelnd wirken, werden die beiden Dimensionen der Partialität/Instrumentalisierung und Allgemeinheit/Intersubjektivät stets beide und in widersprüchlicher Verflochtenheit auftreten. Niemand kann quasi von außerhalb anderen ein Bewertungsschild anheften mit der „Note“: „instrumentalisierend“ vs. „intersubjektiv“. Diese beiden Begriffsbestimmungen sind Mittel für jedes Individuum in jeder Gemeinschaft, seine eigenen Beziehungen besser zu verstehen, zu begreifen und damit gemeinsam mit anderen Ansätze für Veränderungen zu finden. Die Sinnhaftigkeit einer tendenziellen Orientierung in Richtung des Allgemeinen/Intersubjektiven ergibt sich nicht aus theoretischen Lehrsätzen oder moralischen Vorsätzen, sondern daraus, dass ein partial und instrumentell ausgerichtetes Handeln „auf Kosten anderer“ auch dem jeweils eigenen Anliegen und nicht zuletzt auch Wohlbefinden schadet.
  3. Weg von der Setzung von Bedingungen und Zielen für andere! Es wäre ein Widerspruch in sich, Bedingungen und Ziele für die Selbstbestimmung anderer fremdsetzen zu wollen. „Dadurch werden [...] die Abhängigkeit und Fremdbestimmtheit der Betroffenen, um deren Überwindung es doch gerade gehen soll, durch Trennung zwischen denjenigen, die bestimmte Bedingungen schaffen und denjenigen, die diesen Bedingungen auszusetzen sind, festgeschrieben.“ (Holzkamp 1990: 6 f.) Auch Christina Kaindl betont, vor allem in Bezug auf Bildungsprozesse, die „Unmöglichkeit, emanzipatorische Ziele für Andere zu setzen“ (Kaindl 2009: 135). Solange Ziele und Bedingungen von außen, von anderen gesetzt werden, „bedeutet ihre Übernahme eine Aufgabe eigener Selbstbestimmung“ (ebd.: 144). Ein solches „vormundschaftliches“ Verhalten konstatierte Rolf Henrich (1989) insbesondere als Hintergrund für stalinistische Praktiken. Es ist erstaunlich, in wie vielen neuen Gewändern diese Haltung auch heute noch praktiziert wird.
  4. Morgen gehts weiter, mit Hegel und Marx…

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