Unterschied und Zusammenhang: zwischenmenschliche Beziehungen – gesellschaftliche Verhältnisse

Dieser Beitrag gehört zum Thema “Zum Problem des Allgemeinen in der Gesellschaft und seine Bedeutung für den Befreiungskampf”

Im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen können wir uns leicht vorstellen, wie wir unser Miteinander lebenswerter gestalten können. Auch Hegel hatte beispielsweise die Beziehungen der Liebe versucht, gesellschaftlich zu verallgemeinern. Unter Liebe versteht Hegel eine Beziehung, in der „ich mich im anderen gewinne“. Aber Hegel unterscheidet eindeutig zwischen dem nur familiären Bereich solcher Beziehungen und dem, wodurch ein gesamtgesellschaftlicher Zusammenhang gebildet wird, und was bei ihm „Sittlichkeit“ genannt wird.

Die Kritische Psychologie hat für die Beschreibung von Beziehungen in Gemeinschaften und zwischen Menschen die Begriffe „instrumentell“ und „intersubjektiv“ zur Verfügung gestellt (z.B. Holzkamp 1979). Auf den ersten Blick kann man sich leicht vorstellen, was darunter gemeint sein könnte. Deshalb geschieht allzu leicht, dass diese Bezeichnungen nur auf den zwischenmenschlichen Bereich angewandt werden, ohne ihre gesellschaftlichen strukturellen Voraussetzungen zu beachten. Denn die zwischenmenschlichen Beziehungen werden in diesem Konzept als gesellschaftlich vermittelt betrachtet.

Auch von der Gesellschaftstheorie her entsteht das Interesse, zumindest für das politische Handeln diese Begriffe fruchtbar zu machen. Dann entsteht die Frage, inwieweit diese für den zwischenmenschlichen Bereich entwickelten Begriffe für Handeln in gesellschaftlicher Reichweite überhaupt relevant ist. Rein praktisch zeigt sich das an der Frage, ob emanzipative politische Kooperationen durchaus auch mit- und untereinander instrumentelles Handeln „vertragen“ können oder ob sie ihre Aufgabe nicht besser erfüllen, wenn sie sich auch an Intersubjektivität orientieren.

Tatsächlich bestehen gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur aus der Summe der menschlichen Beziehungen. Sie entwickeln eine systemische Eigengesetzlichkeit („Emergenz“). Beziehungen sind relational, die aufeinander Bezogenen würden auch ohne die Beziehungen existieren, sie gehen als diejenigen, die sie sind, die Beziehungen ein. Verhältnisse jedoch sind die Basis für die Konstitution der Individuen, wobei menschliche Individuen „natürlich gesellschaftlich“ sind. Dies gilt für die überhistorisch-abstrakten Momente des Menschseins (die Potenz zur Entwicklung von Vernunft zu haben, ihr Leben durch die Teilhabe an der gesellschaftlichen Produktion zu reproduzieren), wie auch dafür, dass diese Momente nur in jeweils konkret-historischen Formen wirklich sind. Die Gesellschaftlichkeit des Lebens ist nicht aufkündbar – aus Beziehungen können sich Menschen auch heraus bewegen (deswegen bezieht sich das Konzept der „Freien Kooperation“ nach Christoph Spehr auch lediglich auf die Beziehungsebene).

Auf die Notwendigkeit der Unterscheidung von zwischenmenschlichen Beziehungen und gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen macht auch die Entwicklung von Marx aufmerksam: In den Frühschriften bestimmte er Emanzipation als „Rückführung der Verhältnisse auf den Menschen selbst“ (MEW 1/JF: 370), also quasi als Aufhebung des Gesellschaftlich-Systemischen in Richtung der bloßen Beziehung (vgl. die entsprechende Kritik daran durch Wagenknecht 1997: 184). Marx zeigt in den Frühschriften, dass solche Gegebenheiten wie das Privateigentum durch das Handeln der Menschen selbst erzeugt sind, aber er zeigt noch nicht die strukturellen Voraussetzungen für genau dieses Handeln. Später erkennt er die Bedeutung der wirklichen Verhältnisse. Es gilt, dass sich das Handeln der Individuen und die gesellschaftlichen Strukturen wechselseitig bedingen (Im übrigen ist das auch „nur“ die wesenslogische Betrachtung, noch nicht die begriffslogische; diese lässt sich jeweils nur gewinnen aus der Betrachtung der konkret-historischen Gesellschaftsformation, nicht auf abstrakt-anthropologischer Ebene).

Für die systemisch-gesellschaftliche, d.h. auch strukturell bedingende Seite dieses Verhältnisses entstehen („emergieren“) systemische Eigengesetze. Dies gilt für alle Gesellschaftsformen – keine gesellschaftliche Lebens- und Produktionsweise ist auf die Summe von zwischenmenschlichen Beziehungen reduzierbar. Die Frage ist jeweils nur, wie die Menschen in ihrem Handeln die Gesellschaft erzeugen und wie diese erzeugte Struktur auf sie und ihre Selbsterzeugung einwirkt. Ich versuche im Folgende eine Unterscheidung, die die Unterscheidung der strukturierenden Logiken als „Exklusionslogik“ und „Inklusionslogik“ von Stefan Meretz verwendet:

Die Inklusionslogik war bisher eher im zwischenmenschlichen Bereich angesiedelt, soweit die gesellschaftlichen Verhältnisse sie ermöglichten. Es ist nun die Frage, ob es Sinn macht, auch für die Gesamtgesellschaft eine inklusive Logik als Handlungs- und Entwicklungsziel zu sehen. Wir müssen weiterhin den Unterschied zwischen zwischenmenschlicher Beziehung und gesellschaftlich-strukturellen Verhältnissen berücksichtigen. Was bedeutet Inklusivität auf gesellschaftlichem Niveau? Es bedeutet, gerade solche Strukturen und Verhältnisse zu schaffen, die inklusive kooperative Beziehungen nahe legen und in denen exklusives Verhalten nicht mehr sinnvoll ist.

Was sind das für Strukturen? Strukturen ohne Privateigentum an wichtigen Ressourcen, Lebens- und Produktionsmitteln. Strukturen, in denen Individuen sich autonom an der gesellschaftlichen Re-Produktion beteiligen können.

Und wie kommen wir zu solchen Strukturen? Man muss deutlich sagen, dass sich die Gesellschaftsformen des Kapitalismus und der wechselseitigen Selbstentfaltung gegenseitig ausschließen, also gegeneinander exklusiv sind. Die Ausweitung des Bereichs des Inklusiven ist damit automatisch auch eine Praxis der Exklusion der Exklusion. Diese Exklusionslogik wird durch eine Orientierung auf Klassenkämpfe betont. Seit den ersten Ansätzen der Alternativ- und Solidarökonomie wird jedoch auch auf eine andere Praxis gesetzt: diejenige des „Aus-Kooperierens“, also der Ausweitung der nichtkapitalistischen Kooperation auf Kosten der Einbindung in die kapitalistischen „Märkte“. Dies ist ein inklusives Vorgehen gegen die Exklusion. Seit diese Praxis auch hochproduktive Bereiche der gesellschaftlichen Re-produktion erfasst (Freie Software, Freie Kultur, erste Ansätze Freies Design, Freie Hardware…), erhält sie eine neue Dynamik und trägt die Chance der Aufhebung der bisher herrschenden Gesellschaftsform in sich.

Meines Erachtens sind beide Momente, die der Exklusion und der Inklusion, notwendig. Bei der einen liegt der Fokus auf der Abschaffung des Kapitalismus, aber die andere ist unabdingbar zur Erzeugung der neuen Gesellschaftsform.

Was bedeutet das für die eigene Kooperation? Ohne etwas besseres Neues gibt es keine Chance, das Alte abzuschaffen. Wenn das Neue besser als das Alte in der Lage ist, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, wird es keine Macht mehr geben, die das Alte aufrecht erhält. Dass sich das Alte hält, liegt weder an dessen Macht, gegen Neues vorzugehen, als daran, dass das Neue noch nicht stark genug ist, um den Menschen eine bessere Bedürfnisbefriedigung nachzuweisen. Das Hauptaugenmerk muss deshalb auf die Entwicklung des Neuen, also die Inklusionslogik, gerichtet sein. Es kommt nicht nur darauf an, das Alte hinwegzufegen, sondern es müssen „sich innerhalb der alten Gesellschaft die Elemente einer neuen gebildet haben“ (Marx MEW 4/Man: 480).

Politisches Handeln gegen das Alte darf nicht genau so frustrierend, andere und sich selbst schädigend sein, wie das übliche politische Handeln. Es muss sich „anders anfühlen“, es muss in sich selbst Freude und Befriedigung tragen, dann können sich mächtige gesellschaftliche Bewegungen entwickeln.

Und wirklich „anders anfühlen“ können sich Beziehungen in Kooperationen und Gemeinschaften nur, wenn sie die exkludierenden realen gesellschaftlichen Bedingungen nicht ausblenden, sondern in Frage stellen und letztlich bekämpfen. Es ist ein durchaus Kampf – aber mit anderen als rein kämpferischen Mitteln: „Es wird ein Lachen sein, das sie besiegt.“

Theoretisch wurde die Verbindung von Individuellem und Allgemeinem, das auch eine Bedeutung für die zwischenmenschlichen Beziehung hat, im Begriff der Verallgemeinerbarkeit individueller Interessen gefunden: Nach Holzkamp sind demnach jene Interessen verallgemeinerbar, „die auf die gemeinschaftliche Verfügung über individuell relevante gesellschaftliche Lebensbedingungen, also auf kollektive Selbstbestimmung, gerichtet sind“ (Holzkamp 1983: 212). Das Bindeglied zwischen der individuellen bzw. der zwischenmenschlichen Ebene und der gesellschaftlichen Ebene sind also die „individuell relevanten gesellschaftlichen Lebensbedingungen“. So weit muss der Horizont gespannt sein, darunter geht es nicht – nur „lieb zueinander sein“ oder „gewaltfrei kommunizieren“ reicht nicht aus.

Ich habe früher mal selbstverständlich aufgeschrieben: „Inzwischen ist es fast nicht mehr fraglich, daß die Wege, auf denen ein Ziel erreicht werden soll, den Strukturen der angestrebten Vision nicht widersprechen dürfen.“

Die Praxis in vielen linken Praxen belehrt mich da inzwischen eines Besseren. Je härter die Auseinandersetzungen werden, desto mehr kehrt eine Art „Verbissenheit“, Härte, ablehnendes Verhalten gegen andere, Herabwürdigung anderer usw. zurück, bzw. setzt sich gegen andere Tendenzen durch.

Was sich da durchsetzt, sind aber eindeutig nicht die eben genannten verallgemeinerbaren Interessen, sondern gerade wieder jene, die die eigentlich bekämpfte gesellschaftliche Logik reproduzieren und damit bestärken. Dass sie sich selbst „auf die Füße treten“, führt dann zu ihrer verbreiteten Erfolglosigkeit, was leider i.a. nur dazu führt, sich wiederum noch überheblicher und elitärer gegenüber den dummen, faulen und bequemen „Leuten“ zu gerieren.

Das vermittelnde „Scharnier“ zwischen Individualität, Zwischenmenschlichkeit und Gesellschaftlichkeit ist das „unter Bedingungen begründete Handeln“. Wir leben unter strukturellen Bedingungen, die der konkret-historischen Gesellschaftsform entsprechen. Diese können z.B. gesellschaftstheoretisch erkannt werden, aber auch subjektwissenschaftlich zeigen sich diese objektiven Verhältnisse als gemeinsamer Hintergrund unserer je individuellen Erfahrungen. Unser Verhalten ist aber nicht einfach ein auswegloses Reagieren auf diese Bedingungen, sondern wir verhalten uns begründet. Das heißt: Wir haben stets mehrere Möglichkeiten zu handeln und dabei sind zwei unterschiedliche Dimensionen zu unterscheiden: A) in die Richtung der Erweiterung der Verfügungsmöglichkeiten von „je mir“ über die Lebensbedingungen (d.h. letztlich in Richtung der Abschaffung von Ausbeutung, Unterdrückung, Entwürdigung etc., von „inklusiven“ Strukturen) und B) der Verzicht auf den Versuch dieser Ausweitung der Verfügung, u.U. deshalb, weil das Risiko, die bisher gegebenen Lebensmöglichkeiten zu verlieren, als zu groß eingeschätzt wird.

Das Einnehmen des Subjektstandpunkt erfordert den Verzicht darauf, das Verhalten entsprechend dieser Tendenzen von „außen“ her, von einer „besseren Position“ her zu be- oder zu verurteilen. Wir können uns „nur“, als Mensch zu Mensch, miteinander verständigen und dabei durchaus darauf dringen, uns bezüglich der Verdrängungen zu befragen, die geschehen, wenn sich jemand beim Verzicht auf die Ausweitung der Verfügung seine Behinderung unter den gegebenen Bedingungen verleugnet etc. (vgl. dazu auch den Abschnitt „Subjektwissenschaftliches Erkennen“ im Text)

Es geht dabei nicht um die Problematisierung des Menschen oder seines Verhaltens, sondern darum, „die objektiven Bedingungen offenlegen, die zur Veränderung der interpersonalen Beziehungen im Interesse der Betroffenen geändert werden müssen.“ (Holzkamp 1983: 330)

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