Auch dieser Beitrag gehört zum Thema “Zum Problem des Allgemeinen in der Gesellschaft und seine Bedeutung für den Befreiungskampf”

Ich komme noch mal zu einer zusammenfassenden Betrachtung zu den Allgemeininteressen. In ihnen steckt die Verbindung zwischen Individuellem und Zwischenmenschlichem zum Gesellschaftlichen.

Beginnen wir auch hier wieder mit Vordenkern. Rousseau traf die Unterscheidung, die zwischen dem „Volonté générale“ (frz. allgemeiner Wille),der das Allgemeinwohl repräsentiert, und dem „Volonté de tous“, also der Summe der Einzelwillen. Nach Taurek will er mit dem „Volonté générale“ die „anthropologische Interesseneinheit der Menschen [...], die auf Dauer von ihren bisherigen politischen Deformationen zu befreien ist“ (Taurek 2009: 108, kursiv A.S.), hervorheben.

Diese „anthropologische Interesseneinheit“ ist letztlich auch die Grundlage für Hegels Begriff der „Sittlichkeit“. Hier geht es nicht nur um eine abstrakte formell widerspruchsfreie Allgemeinheit, sondern die inhaltliche Orientierung an der Vernünftigkeit. Das Allgemeininteresse ist dann durch die Teilhabe des Individuums an der vernünftigen Ordnung der Welt, durch die Erhaltung und Gestaltung dieser Vernunft in den gesellschaftlichen Zuständen gegeben. Diese vernünftige Ordnung ist dabei nichts dem Individuum Fremdes, sie Einschränkendes, sondern die Basis ihrer Verwirklichung.

Der frühe Karl Marx verwendet als Maßstab seiner Kritik an der gegebenen Gesellschaftsform ebenfalls noch in abstrakter Weise ein überhistorisches „Gattungswesen“. Auch Klaus Holzkamp, der den Inhalt dieses Wesens noch etwas konkretisiert, bleibt auf dieser anthropologisch-überhistorischen Abstraktionsebene. Für ihn ist das Allgemeininteresse eine Richtungsbestimmung, die inhaltlich durch die Teilhabe des Individuums an der gesellschaftlichen Lebensgewinnung bestimmt ist. Sie richten sich auf „Verfügung über individuell relevante gesellschaftliche Lebensbedingungen, also auf kollektive Selbstbestimmung“ (Holzkamp 1980: 212).

Holzkamp entwickelt eine weitere für das Thema wesentliche Argumentationsstruktur, die er selbst bei dieser Thematik nicht verwendet: Es geht um die „Möglichkeitsbeziehung“, welche menschliche Individuen aufgrund der Gesellschaftlichkeit ihrer Re-Produktion haben. Unter dem Motto „Was für das Ganze notwendig ist, hat für den Einzelnen nur Möglichkeitscharakter“ ist das Handeln der einzelnen Menschen nicht durch marionettenartiges Reagieren auf äußere Reize zu erklären, sondern jedes Individuum handelt entsprechend Gründen, die für dieses Invidiuum in der gegebenen Lebenslage, Position und Situation sinnvoll sind (Holzkamp nennt es „subjektiv funktional“). Dies ist eine wesentliche Bestimmung des Menschlichen auf anthropologischer Ebene, auf die wir zurück kommen werden.

Folgen wir jetzt dem Entwicklungsweg von Karl Marx, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht ausreicht, nur das abstrakt-anthropologisch Allgemeine zu Rate zu ziehen. Das für den Kapitalismus spezifische konkret-Allgemeine hat Marx im „Kapital“ analysiert. Das die Gesellschaftsform kennzeichnende Wort „Kapital“ sagt eigentlich schon alles: Hier erscheinen die gesellschaftlichen Verhältnisse als „Verhältnisse von Dingen“ (MEW 23/Kap: 68). Das Kapital als „automatisches Subjekt“ (ebd.: 169) setzt die gesellschaftliche Bewegung in Gang, in der es sich reproduziert und vermehrt. Nun sind zwei Sichtweisen möglich:

  1. Das Kapital ist wirklich das gesellschaftliche Subjekt. Die Erscheinung der dinglichen Beziehung, in der die gesellschaftliche Bewegung nur noch als Kapitalbewegung gilt, wird als alleinige Wirklichkeit gesetzt. Dann würden wir das Allgemeine dieser Gesellschaftsform als totes, abstraktes, nicht mehr in sich widersprüchliches sehen. Eine Abschaffung wäre dann nur noch denkbar über das Einwirken äußerer Gegenmächte, beispielsweise aus dem irgendwie äußerlich gesetzten anthropologischen Gattungswesen der Menschen heraus. „Eigentlich“ sind die Menschen ja kooperativ-unentfremdet, es käme nur noch darauf an, diese Entfremdung abzustreifen, um dem „eigentlichen“ (also abstrakt-anthropologischen) Menschen auch die wirkliche Existenz zu ermöglichen.
  2. Das Kapital bzw. die dinglichen Beziehungen sind selbst durchzogen vom Widerspruch zwischen „Kreuz“ und „Rose“ (vgl. Hegel). Das will heißen: Die Erscheinung (dass die Gesellschaft durch Verhältnisse von Dingen strukturiert wird) wird nicht für die ganze Wahrheit genommen, sondern als Erscheinungsform von spezifischen Verhältnissen, die letztlich durch die lebendige Praxis von Menschen erzeugt werden. Auch die kapitalistischen Verhältnisse stehen den Menschen im Kapitalismus nicht fremd und äußerlich gegenüber – sondern sie sind die Vergegenständlichung ihrer Handlungen. Diese Handlungen tragen jedoch eine spezifische Widersprüchlichkeit in sich:

Diese Handlungen werden von Menschen vollzogen, die selbst innerhalb der Verhältnisse erzeugt und von ihnen bestimmt werden. Es sind aber Handlungen, d.h. Menschen haben stimmige Gründe genau so zu handeln, wie sie handeln. Sie sind nicht lediglich Marionetten oder Reaktionsmaschinen, die automatisch auf Reize reagieren. Diese anthropologische Allgemeinheit nimmt im Kapitalismus spezifische Formen an. Die Frage ist nun nur, wie die jeweils individuellen Handlungsgründe mit den strukturellen Handlungsvoraussetzungen zusammen hängen. Das kann aber niemand über die Köpfe der anderen Menschen hinweg aussagen, sondern man kann es nur gemeinsam mit ihnen ermitteln (und bei sich natürlich).

Vom Standpunkt des Subjekts aus kann es keine anderen emanzipativen Ursachen für die Abschaffung einer Gesellschaftsform und die Schaffung einer neuen geben als die Gründe der Menschen. In Strukturen, in denen die Menschen vereinzelt werden, in denen sie sich unter der Bedingung des strukturellen Gegeneinander entwickeln, werden sie viele Gründe haben, ihre Vorteile in diesen Bedingungen als bedeutsamer einzuschätzen als die Risiken, wenn diese Gesellschaftsform aufgegeben wird. Dazu kommt die Wirkung der „Demoralisierungsstrategien, mit denen die Menschen dazu gebracht werden, die Behinderungen ihrer Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten zu leugnen, um nicht persönlich für sie verantwortlich gemacht zu werden“ (Osterkamp 2003: 176).

Letztlich geht es darum, bei sich selbst und wenn möglich auch im Gespräch mit anderen jene Anteile zu suchen und aufzuzeigen, die in die eher allgemeine Richtung tendieren. Das anthropologische Allgemeine kommt nicht „von außen“ in die „Festung“ Kapitalismus, sondern sie steckt in jeder konkreten Gesellschaftsform – aber je anders erscheinend. Auch der Kapitalismus ist „gesellschaftliche Lebensgewinnung“ für die Individuen. Auch im Kapitalismus lebe ich durch die Beiträge der anderen und bringe mich ein. Allerdings beziehen sich die Beiträge nur über ein äußerlich angelegtes Maßsystem (den ökonomischen „Wert“: meine Leistung gegen Lohn gegen Ware) aufeinander. Worin finde ich nun den Widerspruch zwischen dem Allgemeinen und der konkreten Realisierung? Welche Widersprüche ergeben sich dadurch, dass sich die Beiträge nur „äußerlich“ aufeinander beziehen? Wenn ich dies für mich herausfinde und mit anderen Menschen spreche, die unter der gegenwärtigen Art und Weise, miteinander zu leben und zu arbeiten, in irgend einer Weise auch leiden, so werden wir heraus bekommen, welche Bewegungsformen diese Widersprüche gegenwärtig haben und wo die immanenten Schranken dieser Bewegungsform liegen.

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