Praxen der selbstbestimmten Technikentwicklung

Die eben geschilderte konkrete Utopie einer Gesellschaft, in der die Menschen ausgehend von ihren Bedürfnissen auf Grundlage individueller Selbstentfaltung die Produktion der notwendigen Güter selbstbestimmt-koordiniert organisieren, braucht und entwickelt auch neue Techniken, d.h. Beziehungen zur Umwelt, zu sich selbst und innerhalb ihrer Gemeinschaften.

Beginnen wir an einer Stelle, die schon praktiziert wird: In Umsonstläden werden Dinge, die von ihren Besitzern nicht mehr benötigt werden, kostenlos an andere Nutzer weiter gegeben. Damit soll zumindest auf der Eben des Nehmens und Gebens die Geldlogik ein Stückchen aufgehebelt werden.

Selbstverständlich wird darum gebeten, dass die Dinge nicht danach weiter verkauft werden. Es wird in den meisten Läden mitgeteilt, dass dies unerwünscht ist – eine klare rechtliche Festlegung wie sie bei immateriellen Gütern durch die GPL-Lizenz bzw. Creative Commons entwickelt wurde, fehlt für gegenständliche Dinge noch. Die Freie Software Foundation hat gerade Kriterienvorschläge für Freie Hardware veröffentlicht, die beziehen sich aber vorwiegend auf die immateriellen Anteile von Dingen (Software, Konstruktionsunterlagen) (zum Problem der Lizensierung für Freie/Offene Hardwareprojekte siehe auch Christian Siefkes 2009 und ein Vorschlag von Thomas Kalka 2008).
In den Büchern aus Umsonstläden gibt es oft wenigstens einen Stempel, der die Herkunft aus dem Umsonstladen dokumentiert.

Aber noch viel spannender ist natürlich die Frage: Schaffen wir es, auch noch die Herstellung der kostenlos verteilten Güter in die eigene Regie zu übernehmen?

Der Umsonstladen Hamburg ist Bestandteil des Arbeitskreises Lokale Ökonomie Hamburg, einer Projektgemeinschaft gegenseitiger, solidarischer Hilfen. Hier gibt es neben einem Kleinmöbellager auch eine Fahrradwerkstatt und eine Kreativ- und Textilwerkstatt sowie eine Gartengruppe zur Pflege eines Stadtgartens. Damit werden erste Ansätze von gemeinsamer Produktion, wie sie aus der Solidarischen Ökonomie bekannt sind, mit dem Umsonstladenkonzept verbunden. In Hamburg geht es zum größten Teil um die Wiedernutzbarmachung von benutzten Gütern; für Computer gibt gibt es beispielsweise in Berlin das Projekt „ReUse Computer“.

In Bremen setzt sich das Projekt SaHNE (Sanfte Hochtechnologien in der Nahrungsmittel- und Energieproduktion) für eine globale Energiewende durch Bürgerbeteiligung ein, wobei ein Teil der Gewinne in weitere Projekte der Solidarischen Ökonomie fließt. An diesen Stellen bewegt sich nun die Solidarische Ökonomie auch in Richtung High-Tech-Nutzung und Entwicklung.

Mein Text „Technik als Megamaschine und Mittel kooperativer Selbstorganisation“ (2000) zeigt im Kapitel „Allgemeine Produktionstechnologie“ , dass derzeitig auch in der industriellen Produktion die Voraussetzungen für neuartige dezentral-vernetzte Organisierungsformen der Produktion entstehen.

Kommen wir nun aber zu neuen technischen Entwicklungen im High-Tech-Bereich. Hier sind wohl als erstes zu nennen die sog. FabLabs. Diese entstanden aus dem Gedanken heraus, dass die gegenständlich-technischen Neuentwicklungen im Bereich des Rapid Prototyping das Potential mitbringen, ebenso wie einst die Personalcomputer mit wachsender Verbreitung auch wesentlich billiger und deshalb auch für Gruppen oder sogar Einzelpersonen erschwinglich zu werden.

Kosten vs. Marktdurchdringung für Fabrikatoren (Quelle)

Diese „Digitalen Fabrikatoren“ können aus einem homogenen Ausgangsmaterial beliebige komplexe 3D-Strukturen quasi „drucken“ und werden deshalb auch oft „3D-Drucker“ genannt. Tatsächlich haben sich, seitdem um die Jahrtausendwende unter dem Motto „Atome durch Bits“ die ersten Überlegungen dazu veröffentlicht wurden, weltweit fast 50 FabLabs entwickelt. Über einige dieser Projekte hat auf dem Treffen „Selbstbestimmte Technikentwicklung und -nutzung“ http://ak-anna.org/selbstbestimmte_technikentwicklung.html Niels Boeing berichtet (siehe auch diese Präsentation von ihm dazu).


Aus dem Konzept des FabLabs für St.Pauli (Quelle)

Diese FabLabs brauchen natürlich materielle Ressourcen und zur Beschaffung dieser heutzutage Geld. Die erzeugten Konstruktionsunterlagen und Designs sollen nicht verkauft werden, sondern sie werden im Sinne von „Create and Share“ wie Freie Software behandelt. Aber nach dem Ablaufen einer zeitweisen Anschubfinanzierung sind derzeit viele FabLabs auf der Suche nach „Geschäftsmodellen“, die es ihnen ermöglichen, offene soziale Werkstätten zu bleiben und trotzdem Geld zu verdienen (siehe dazu Peter Troxler 2010, den ich auf der Free Culture Research Conference kennen lernte).

Auf jeden Fall wurde auf die Frage nach der Übertragung der Prinzipien Freier Software auf Freie Hardware inzwischen vielfältig geantwortet. Auch SPIEGEL online berichtete bereits darüber. Eine Übersicht gibts z.B. auf der entsprechenden Wikipedia-Seite und im Peer-Ökonomie-Wiki.

Während die „Freie Hardware“ sich zum größten Teil darauf bezieht, dass sie auf freiem Wissen basieren und mit Freier Software laufen sollte, hat das Konzept der „Peer-Ökonomie“ einen weitergehenden Anspruch. Im Projekt keimform.de berichtet Christian Siefkes davon, „wie man nützliche Dinge herstellt – freiwillig und ohne Boss.“ Das Wort Peer-Ökonomie könnte mit „Partnerschaftliche Produktion“ übersetzt werden. Es geht um eine freiwillige Kooperation zwischen Gleichberechtigten.

Viel weiter will ich hier gar nicht gehen. Auf einer Coforum-Seite sammle ich alle Links, die ich in Bezug auf dieses Thema finde – daran können sich alle Interessierten gern beteiligen.


Fablab-Haus(Quelle)

Rückblickend können wir uns nun fragen: „Technik ist eine Antwort – was war eigentlich die Frage?“ Es geht in der gegenständlichen Technik, den zwischenmenschlichen Beziehungen wie auch der Konstitution der Gesellschaft um Beziehungen, bei denen „alles alle stärkt“ (Bergmann).

„Erfindung hat erst dann wieder wirkliche Utopie im Leibe, wenn Bedarfswirtschaft statt Profitwirtschaft betrieben wird.“ (Bloch PH: 771)

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