Wie schon angekündigt, war ich vorige Woche in Berlin und habe die Gelegenheit genutzt, mehrere Veranstaltungen zu besuchen und mich mit vielen Menschen, die grad in Berlin leben, zu treffen. Sogar etwas abenteuerlich war diese Reise…

Das Abenteuer begann, als ich vor der Wohnheimtür stand, wo ich übernachten wollte und bemerkte, dass ich das falsche Schlüsselbund mit hatte. Ich fuhr und marschierte also mit meinem ganzen Gepäck zum ersten Veranstaltungsort, dem „Haus der Demokratie“ und wurde von dem Spruchband „Keine Revolution ist auch keine Lösung“ begrüßt. Das passte zum Thema der Veranstaltung der Gruppe „Wege aus dem Kapitalismus“ (WAK) mit der Fragestellung der „(Un-)Denkbarkeit des Kommunismus“. Bertram Köhler hat dazu eine kleine Zusammenfassung erstellt.

Ich fand es besonders spannend, dass in dieser Veranstaltung nicht nur eingeladene Referenten ihren Vortrag zu einem erbetenen Thema abspulen und sich dann nur die üblichen Nachfrage- und Ko-Referatsdiskussionen anschließen, sondern dass hier auch der Hauptreferent sich auf den Nachdenk- und Diskussionsprozess einer ganzen Gruppe einließ. Das machte die Teilnahme für daran bisher nicht Beteiligte allerdings sehr schwer, denn es fand eher eine intensive fachliche Diskussion unter Insidern statt als eine populäre Darstellung eines allgemein interessierenden Themas. Letztlich war die Veranstaltung ergebnisoffen. Uli meinte zu Beginn:

„Vielleicht haben wir am Schluss die eine oder die andere Position oder eine, die beide auf höherer Ebene enthält.“

Worauf einer der Teilnehmer prompt meinte:

„Oder 20 Andere“.

Roger Behrens ging in seinem Referat am Freitag abend nicht nur auf seine dreißig Thesen zum Kommunismus ein, sondern auf Fragen, die Uli Weiß von der Gruppe WAK dazu stellte. Sein Gesprächsangebot war angenehm offen; vieles formulierte er in Frageform statt in behauptenden Feststellungen. Allerdings bliebt für mich dadurch seine eigene Position häufig auch unbestimmt.

Unmöglichkeit des Kapitalismus?

Besonders spannend fand ich seinen provokanten Hinweis, dass Kommunismus vielleicht gar nicht mehr möglich sei. Angesichts von Fukushima und der weltweiten Zerstörung der Lebensgrundlagen ist zu überlegen:

“Sollte es in den nächsten 25 000 Jahren zum Kommunismus kommen, haben sie weiter nichts zu tun, als die Schäden aus dem Kapitalismus zu beseitigen.“

Und das Paradoxe der Situation liegt darin, dass der Kommunismus angesichts seines Unmöglichwerdens immer dringlicher wird.

Konkrete Keimformen versus abstraktes Bilderverbot?

Am Samstag vormittag trug Uli Weiß seine auch schriftlich vorliegenden etwas lang gewordenen „Notizen zu den Dreißig Thesen zum Kommunismus“ vor. Seine Hauptkritik an R. Behrens ist:

„Die methodische Schwäche der Thesen bestehen darin, dass die Kommunismusbestimmungen nicht auf historisch bestimmte Entwicklungen, auf bestimmte gesellschaftliche Formationen bezogen sind. Sie bleiben in diesem Sinne abstrakt-allgemein.“

Ausführlich wies Uli Weiß nach, dass die Arbeiterklasse nicht das gesuchte Subjekt der revolutionären Bewegung war und es auch nicht in der erwarteten Form sein konnte. Dadurch bewegte sich auch die folgende Diskussion ein Stück weit auf der Suche nach neuen Subjekten, was aber letztlich gar kein sinnvolles Anliegen sein konnte. Eher ging es darum, ob es heutzutage nicht doch schon verbreitete Praxen der Tätigkeit von Menschen gibt,

  • in der „das Besondere in seiner Besonderheit das Allgemeine hervorbringt“ (Uli), bzw.
  • in denen „die Individuen eben ihre je „bestimmte soziale Tätigkeit als Gattungstätigkeit“ verausgaben und zwar in solcher Weise, dass jeder Mensch damit „der Repräsentant des anderen ist“ und zugleich sein „eigne(s) Wesen repräsentiert“ (Weiß nach MEW 1/325),
  • d.h., in denen sie „als Menschen“ produzieren und nicht als Lohnarbeiter
  • und die sich deshalb jenseits der Verwertungsform realisieren.

Gemeint sind damit die Praxen von Freier Produktion in den Bereichen Freie Software, Freies Design, Freies Wissen (Wikipedia), Freie Kultur, Freie Hardware… Insbesondere die „commonsbasierte Peer-Produktion“ stellt die Verallgemeinerung des in diesen Bereichen realisierten neuen sozialen Produktionsprinzips dar.

Uli und die Gruppe WAK meinen deshalb, dass ein Verharren im kritischen Standpunkt nicht mehr angemessen zu sein scheint. So sei das „Bilderverbot“ gegenüber der Vorstellung des Proletariats mit seiner „historischen Mission“ gerechtfertigt gewesen, aber blind gegenüber dem Entstehen historisch neuer konkreter Bedingungen und Möglichkeiten.

Die Bilderverbots-Debatte

Schalten wir uns in diese Bilderverbots-Debatte ausführlicher ein. Kritisiert wurde am Bildererbot, dass aus der reinen Kritik im Sinne „So soll es nicht sein“ nichts folge. Das historisch Neue gegenüber dem Alten müsse dagegen vorstellbar sein. Dem antwortete R. Behrens, dass er durchaus nicht gegen Vorstellungen und Anschauung sei, aber nur, wenn sie im Verbindung mit Begriffen stehen, wenn sie Anschauung für Begriffe sei. Damit folgt er letztlich auch Adorno, für den es beim Bilderverbot um das reflexionslose Bildermachen, um die Fixierung und Begrenzung durch Bilder geht:

“Was ans Bild sich klammert, bleibt mythisch befangen, Götzendienst.“ (Negative Dialektik: 205)

„Abbildendes Denken wäre reflexionslos, ein undialektischer Widerspruch ohne Reflexion keine Theorie. Bewusstsein, dass zwischen sich und das, was es denkt, ein Drittes, Bilder schöbe, reproduzierte unversehrt den Idealismus ” (ebd.: 206)

An der zitierten Stelle geht es Adorno um den Erkenntnisprozess, aber umso mehr muss dies für das Zukünftige, noch nicht Vorhandene gelten. Jede Fixierung, jede Festlegung wäre unangemessen. Roger Behrens schlägt deshalb auch zu den Praxen, die die Gruppe WAK als „Keimformen“ benennt, vor zu fragen, was hier jeweils noch kritisierbar wäre. Letztlich ist es ja auch nicht unser Anliegen, nur zeigend auf ein vorhandenes fertiges Beispiel hinzuweisen, sondern uns praktisch einzumischen. Und wenn nichts zu verändern wäre, d.h. zu kritisieren, wäre Praxis gegenstandslos.

Das „Bilderverbot“ meint also m.E. nicht, sich nicht positiv auf etwas beziehen zu dürfen, was über den Kapitalismus hinausweist, aber es erinnert daran, dass nichts letztlich in der schon vorhandenen Form, als “Fix und Fertiges”, schon ausreichend ist. R. Behrens sagte an einer Stelle, wieder zurückführend zur Ausgangsfrage nach dem Kommunismus:

Kommunismus ist eine wirkliche Bewegung als Idee, die geht aber nicht in den verzweifelten politischen Bewegungen der Gegenwart auf. Das was man rausbringen könnte, ist noch viel mehr!“

Mein Übernachtungsproblem hat sich übrigens auch aufs Beste gelöst. Vor Beginn der Veranstaltung erzählte ich den Anwesenden von meinem Mißgeschick und fragte, bei wem ich eventuell bis Donnerstag unterkommen könnte. Kaum hatte ich ausgesprochen, stand eine Frau auf und sagte: „Wenn Dir Köpenick nicht zu weit ist…?“

Daraufhin konnte ich bequem unterkommen und unerwartete Gespräche und Begegnungen erleben…


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