Im Moment entstehen gerade nicht so viele Blogbeiträge. Das liegt daran, dass ich in meiner Freizeit gerade eher lese als schreibe. Im Moment lese ich drei Bücher über Philosophie gleichzeitig und das “Lesen” bedeutet hier natürlich Studieren, Exzerpieren, etc. etc.

Es ist eben doch was anderes, sich mal richtig tief in eine Thematik hineinzudenken, als laufend neue Gedankensplitter und Meinungen herauszuspritzen, was die neue Welt der Aufmerksamkeitsökonomie in den Blogs eigentlich erfordert.

Obwohl auch ich das Internet als Informations- und Textquelle nicht mehr missen möchte, findet das Denken immer noch im menschlichen Kopf statt. Mal sehen, ab wann sich aus der jetzigen Lektüre einige Fragestellungen oder einige spannende Ergebnisse ergeben, die ich dann gerne mitteilen und diskutieren möchte.

(Ein kleiner Kommentar zu einem anderen Blogbeitrag ist mir z.B. in diesem Zusammenhang “zugefallen”…)

Vielleicht schon mal kurz einiges zu den drei Büchern:

1. Bartels, Jeroen; Holz, Hans Heinz; Lensink, Jos; Pätzold, Detlev : Dialektik als offenes System. Köln: Pahl-Rugenstein 1986:

Irgend ein Mailpartner fragte mich vor kurzem, ob ich dieses Buch habe und ich stellte erstaunt fest, dass es in meiner Bibliothek noch fehlte. Nun ja, in den 80ern hatte ich noch keinen Zugang zu Westliteratur und alles hab ich seitdem auch nicht anschaffen können. Aber dieses Buch ist sehr gut geeignet, vieles, was ich inzwischen auch schon weiß vom Dialektikkonzept von Hans Heinz Holz noch einmal erklärt zu bekommen. Wer immer noch glaubt, im “Widerspiegelungskonzept” stecke nur eine platte mechanistische “Abbild-Theorie”, sollte sich unbedingt neu belesen dazu…

2. Hörz, Herbert: Materialistische Dialektik. Aktuelles Denkinstrument zur Zukunftsgestaltung. Berlin: trafo 2009.

In meinem Bücherschrank stehen sicher alle bisherigen Bücher von Herbert Hörz und insbesondere seine mit K.-F. Wessel geschriebene “Entwicklungsphilosophie” war am Ende der DDR-Zeit eins der wichtigsten philosophischen Werke für mich. Später las ich Hegel im Original und beschäftigte mich auch intensiver mit Gesellschaftstheorie, die Dialektik noch einmal in einem aus meiner Sicht weiter gehenden Sinne behandelt als die auf Philosophie der Naturwissenschaften orientierte Sichtweise von H. Hörz. Jetzt bin ich mal neugierig auf sein neuestes Werk – allzu weit bin ich noch nicht vorgedrungen, weil ich es erst letzte Woche erhielt.

3. Vazjulin, Viktor A.: Die Logik der Geschichte. Norderstedt 2011.

Auch dieses Buch verweist eigentlich zuerst mal auf die Vergangenheit. Es wurde 1979 geschrieben, aber erst 1988 erstmalig auf russisch gedruckt. Auf deutsch steht es erst seit Kurzem zur Verfügung. Dieses Buch setzt tatsächlich eine ganze Menge voraus, so z.B. die Kenntnis der Struktur und der Argumentationsmethode der Hegelschen Philosophie. Gleichzeitig argumentiert es ganz aus der eigenen Sache heraus, der “Logik der Geschichte”. Was das ist, erschließt sich nicht auf den ersten, oberflächlichen Blick. Wir finden hier vieles wieder, was wir aus dem Marxismus kennen – aber es wird keinesfalls formal oder dogmatisch einfach hingestellt, sondern innerhalb von begründenden Zusammenhängen entwickelt. Ich sehe in diesem Konzept eine wirklich verpasste Chance der 80er Jahre.

Wenn im real gewesenen Sozialismus die Philosophie der Herausforderung gewachsen gewesen wäre, die Impulse, die in den hier vereinigten drei Konzepten vorliegen, zusammen zu denken, hätten wir viel weiter kommen können. Es ist eigentlich ziemlich deprimierend zu sehen, dass wir in den letzten 30 Jahren eigentlich keinen geistigen Schritt weiter vorwärts gekommen sind, sondern mit Müh und Not versuchen, diesen Stand wenigstens zu bewahren und angesichts der aktuellen Problemlagen irgendwie in die Debatten einzubringen.

Wenn dialektisches Denken uns hilft, “Zusammenhänge besser zu durchschauen, zu Entwicklungstendenzen die Gegenwirkung einzuschätzen und Risiken zu erkennen” (Hörz 2009: 11), wenn es auf das Begreifen von Veränderung ankommt (Holz 1986: 29) und dabei auch historische Umwälzungen verstanden und gestaltet werden können (Vazjulin), so wird es Zeit, sich immer wieder darauf zu besinnen.

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