![]() Dreizack (M. C. Escher, 1958) |
“Der Koran ist vieldeutig, d.h. in einem Vers sind viele Bedeutungen. Und der Fundamentalist, der sagt: dieser Satz bedeutet dies und jenes, was da steht, widerspricht nicht nur der gesamten islamischen Theologie, es widerspricht dem Wortlaut des Korans, denn der Koran ist so komponiert, dass er bewusst in einem Satz viele Bedeutungen enthält, dass er bewusst dem einen Menschen dies und dem anderen Menschen jenes sagt.“ (Navid Kermani) |
Nach den einführenden Bemerkungen zur „Kultur des Islams“ komme ich nun den Kernaussagen des Buches „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ von Thomas Bauer. Im folgenden Beitrag über die Ambiguitätstoleranz bzw. –intoleranz als kulturtheoretischen Begriff folge ich wieder weitgehend den dort gegebenen Erläuterungen.
Ambiguitätstoleranz bzw. –intoleranz als kulturtheoretischer Begriff
In der Wikipedia wird unter Ambiguität folgendes verstanden:
„Von Mehrdeutigkeit oder Ambiguität […] (von lat. ambo: beide, ambiguus: doppeldeutig, mehrdeutig, uneindeutig) spricht man, wenn ein Zeichen mehrere Bedeutungen hat.“
In der Psychologie gibt es auch den Begriff der „Ambiguitätstoleranz“. Die Ambiguitätstoleranz sagt etwas darüber aus, wie Menschen Mehrdeutigkeit, Vagheit, Vielfalt und Pluralität empfinden. Dies wird hier von Bauer auch auf die Kulturtheorie übertragen (13, 18, 36ff.). In der von ihm verwendeten Definition kultureller Ambiguität (27) geht es um das gleichzeitige Vorliegen unterschiedlicher Bedeutungszuweisungen bzw. Deutungsmuster innerhalb einer sozialen Gruppe. Sie beschreibt nicht nur das Nebeneinander akzeptierter Meinungen, z.B. bei der Anerkennung von Heilungsversprechen durch Magie bzw. Heilungsversprechen durch wissenschaftliche Medizin durch unterschiedliche Menschengruppen, sondern es geht um die die gleichzeitige Anerkennung des Unterschiedlichen in derselben Gruppe.
Es werden nicht nur neben den Normen auch Abweichungen zugelassen, sondern nicht übereinstimmende Normen können gleichzeitig gelten (29). Es geht nicht nur um eine „Toleranz“, bei der noch klar zwischen dem Eigenen und dem Anderen unterschieden wird (wobei sie nebeneinander stehen). Ambiguität in dem hier verwendeten Sinn ist auch zu unterscheiden von „Ambivalenz“, bei der es um das gleichzeitige Vorhandensein widersprüchlicher Gefühle, Wünsche und Gedanken geht (38f.). Die Ambivalenz kann sich auch auf die eigene Person beziehen und diese führt dann eher zu einer Ablehnung uneindeutiger Phänomene, was eher für Ambiguitätsintoleranz spricht.
Während ich es aus meiner abendländischen Tradition heraus gewohnt bin, hinter inkohärenten Aussagen in ein und derselben Quelle Verständnisprobleme bzw. ungelöste Widersprüche zu vermuten, sind die Widersprüche in islamischen Texten nach Bauer “keine Widersprüche, deren Auflösung gescheitert, sondern solche, deren Auflösung nicht erstrebt worden ist.“ (12)
„Offenbar gibt es Gesellschaften, in denen schwer miteinander vereinbare Normen und Werte nebeneinanderstehen können, ohne daß auf die ausschließliche Geltung der jeweils eigenen Normen und Werte gepocht wird, ja, divergierende Normen und Werte können offensichtlich friedlich sogar in ein und demselben Individuum beieinanderwohnen.“ (12-13)
Bauer schildert, dass Vieldeutigkeiten in diesen Gesellschaften nicht nur hingenommen, sondern auch mit großem Vergnügen auch bewusst erzeugt werden, so vor allem in der Dichtkunst. Diese Arbeiten werden aus westlicher Sicht (und leider auch von „modernisierten“ arabisch-islamisch orientierten Menschen) oft als „maniriert“ abgewertet werden und auch im Kontext der Abwertung der arabisch-islamischen Kultur der letzten Jahrhunderte als „dekadent“ abgeschrieben. Statt sie abzulehnen können wir sie als Schlüssel für eine Welt- und Selbstsicht annahmen, von der wir viel lernen können.
Thomas Bauer erwähnt auch, welche Rolle die weit verbreitete kulturelle Ambiguität im gesellschaftlichen Leben spielen kann. Sie kann dem Selbstschutz dienen, Formen der Höflichkeit entfalten und soziale Bindungen herstellen. Durch Vermeidung allzu eindeutiger Positionen werden Konfrontationen umgangen, während gemeinsame Symbole und Ausdrucksweisen (z.B. die Metaphernhaftigkeit) ein Gemeinschaftsgefühl stiften können (41).
- Weiter gehts mit dem westeuropäischen “Sonderweg”

Januar 2, 2012 at 11:46 vormittags
[...] Ambiguitätstoleranz bzw. –intoleranz als kulturtheoretischer Begriff (Annette Schlemm) – 02.01.2012 [...]
Januar 2, 2012 at 12:40 nachmittags
Obwohl ich eine Teilung in “westliches” und “orientalisches” Denken bzw. Empfinden sehr fragwürdig finde, (waren arabische Kulturräume nicht Geburtsstätten dessen, was heute als westlich verschrien ist (oder in den kerneuropäischen Separat-Himmel gelobt wird?), und obwohl (oder auch weil) ich meine, dass die Kristallisationskerne für Identifikationsmuster, die das Potenzial haben, an der weiteren Mensch(heits)werdung mitzuweben, andere, nämlich verbindende sein sollten, (z.B. Grundsätze nachhaltiger Entwicklung), finde ich das Obige doch sehr inspirierend.
Mensch(heits)werdung sehe ich als Wechselspiel zwischen Arbeit und Spiel, sowie von Projektion bzw. Vorstellung und Erkenntnis. Arbeit schafft(e) den Menschen, der einen gesellschaftlichen Nutzen zielstrebig herstellen kann und zunehmend gute und schlechte Früchte des menschlichen Tuns zu unterscheiden weiß. Und eine – auf Grundlage eines weltgemeinschaftlichen Nachhaltigkeitsmanagement – vereinigte Menschheit dürfte ihr globales Miteinander auf Grundlage von Entwicklungsplänen ausrichten.
Arbeit, d.h. zielstrebige (!) Anstrengungen zur Herstellung eines (gesellschaftlich) bestimmten Nutzens schafft Freiheit bzw. Reichtum = Spielraum = Kultur. Aber vernünftige Ziele und Mittel, sie zu erreichen (oder auch – immer mal wieder neu – zu bestimmen) setzen das Vorhandensein und die Nutzung von Spielräumen auch voraus. Experimente, Fehler, aus denen gelernt werden kann, Spielräume für Handlungen, deren Nutzen in deren Nutzlosigkeit gründen und vor allem Spielräume für den Genuss von all dem, das da so mühsam und zu nicht geringen Kosten sozialen bzw. ökologischer Natur erarbeitet und der Natur entwendet wurde – und wird
So sehe ich das auch mit dem Gebrauch von Begriffen, Lehrsätzen, Weisheiten, Geboten usw., die soziale Orientierung verleihen und der Rückbindung individueller Vorstellungen oder Gewissheiten an die anderer Menschen und deren Institutionen dienen (sollen). Wenn Marx eine restlose Entzauberung der Religion und anderen Fetischdienereien mit dem “Augenblick” prophezeit, wo sich die menschlichen Beziehungen nicht mehr hinterrücks herstellen sondern für alle (potenziell) Beteiligten auf der Hand liegen und sich die zur Menschheit vereinigten Individuen gegenseitig nötigen können, sich die sozialen bzw. ökologischen Voraussetzungen und Wirkungen ihres Tun und Lassens durch den Kopf gehen zu lassen, dann könnte man auch das spielerisch sehen und mit einer gehörigen Portion Gelassenheit statt nun allzu verbissen an der Realisierung dieser “Planvorgabe” zu arbeiten und dabei die (in Sachen Mitmenschwerdung) produktiven Seiten des Fetischcharakters von “schwammigen Begriffen” und anderen Götterspeisen zu vergessen.
Nehmen wir den Begriff der “nachhaltigen Entwicklung”. Wäre er nicht so sehr interpretierbar, könnte er auch niemand in die Diskursfalle locken und die darin Gefangenen nötigen, das wirkliche Tun entsprechend zu rechtfertigen – und gegebenenfalls den neuen gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen. Und deshalb können auch Nachhaltigkeitsstrategien zunächst kein so präzises und gesellschaftlich mächtiges Werkzeug eines sozial bzw. ökologischen vernünftigen Miteinanders sein – weil sie ihre Vernünftigkeit erst selbst – im Zuge ständiger Weiterentwicklungen erreichen müssen und in dem Sinne selbst Entwicklungsprojekte sind.
Gruß hh
Januar 3, 2012 at 2:37 nachmittags
Ich stimme zu, dass eine Einteilung in “westliches” und “orientalisches” (“östliches”, …) Denken bzw. Empfinden historisch bedingt ist; jedwede Gesellschaft ist es. Deshalb habe ich beim Lesen angenommen, dass die heutige Verfasstheit gemeint ist.
In der Hoffnung auf “inspirierende” (hh) Fortsetzungen verbleibe ich mit den besten Wünschen für 2012,
Peter