
Das neuzeitliche Denken basiert in vielerlei Hinsicht auf den Arbeiten von René Descartes (1596-1650). Er wird auch „Vater der Philosophie der Neuzeit“ genannt (Hirschberger 1980 II: 89) In seinen Gedanken werden die Grundprinzipien des Rationalismus und der Aufklärung explizit entwickelt. Sein Ausgangspunkt ist die radikale Abwendung von allem Bezweifelbaren – er sucht einen absolut sicheren Ausgangspunkt, aus dem heraus alles andere eindeutig als wahr oder falsch begründet werden kann. Als Wissen wird nur anerkannt, was „in einer sicheren und klaren Erkenntnis“ besteht (Descartes 1701: 6)
Selbstverständlich ist die neuzeitliche westliche Tradition nicht nur eine logische Folge des cartesischen Denkens, sondern durchzogen von Entgegensetzungen (z.B. im Gegeneinander von rationalistischen und empiristischen Konzepten) und neuen Ansätzen anderer Autoren (bei der sich z.B. neue gegensätzliche Konzepte entwickelten, wie das analytische und das dialektische). Aber der Anspruch nach größtmöglicher Klarheit und Eindeutigkeit gegen „die Dunkelheit“ wird weiter verfolgt (über einige Ursachen des besonderen Entwicklungsweges der westlich-abendländischen Kultur wurde bereits berichtet).
Natürlich wäre es wenig hilfreich, das Denken und die Kultur in „westliches“ und „orientalisches“ zu trennen, bzw. zu teilen (wie auch ein Kommentar zum o.g. Beitrag bemerkt). Die Vorstellung, eine Unterscheidung bedeute gleichzeitig auch eine Teilung bzw. Trennung, ist jedoch eine recht undialektische Vorstellung. Wenn wir uns, wie in dem Kommentar gefordert, eher auf das verbindende Miteinander konzentrieren sollten, so müssen wir doch wissen, WAS wir da miteinander verbinden wollen. Gleiches zu verbinden schafft nichts Neues, nur etwas Größeres – um wie viel wertvoller ist dagegen die Verbindung von Ungleichartigem, von Unterschiedlichem?
Ich beziehe mich dabei natürlich auf die Dialektik, eine Kunst, die sich aus dem westlichen Kontext her dem Problem der Einheit von Vielfalt und Ganzheit stellt. Obwohl dies meine bevorzugte Tradition ist, interessiert mich die davon abweichende, aber spannende Art und Weise, wie im (klassischen) Islam die Ambiguität nicht zerstört, aber doch „gezähmt“ wurde.

Thomas Bauer schildert in seinem Buch “Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ zwei Weisen, den Koran zu interpretieren. Die eine stammt von einem Autoren des 20. Jahrhunderts u.Z. (Ibn Uthaimin, nach Bauer 2001: 68ff.), die andere hat viel ältere Wurzeln und bezieht sich auf Ibn al-Djazari (1350-1429 u.Z.) (ebd.: 23, 64)
Für Ibn Uthaimin haben verschriftlichte Texte die entscheidende Bedeutung und er geht davon aus, dass die unterschiedlichen Interpretationen (bzw. Lesungen) ausschließlich durch unterschiedliche verschriftlichte Versionen des Ursprungstextes begründet sind.
Sein Ziel ist nun die Vereinigung dieser Varianten auf möglichst eine einzige Version.

Dabei verschweigt er, dass jene Version des Koran, auf die er sich bezieht, nur Konsonanten enthält (siehe das nebenstehende Bild, aus Wikipedia), so dass von vornherein davon auszugehen ist, dass der verschriftlichte Text nicht für sich allein steht, sondern dass eine mündliche Interpretation unabdingbar notwendig ist. Praktisch gab es bei diesen Interpretationen niemals eine solche Einheitlichkeit, die Ibn Uthaimin annimmt.
Ganz anders ging dagegen al-Djazari vor. Der Koran hätte durchaus von vornherein mit den zusätzlichen Zeichen zugunsten einer eindeutigeren Lesart versehen werden können. Al-Djazari ging deshalb davon aus, dass dieses Beibehaltenen der Ambiguität kein Versehen, sondern pure Absicht war. Dies passt auch besser in das, was man aus der Kultur dieser Zeit, z.B. aus der Literatur, weiß: „Wahrscheinlich […] wurde Pluralität kaum jemals so enthusiastisch inszeniert wie zur Mamlukenzeit, der Zeit Ibn Al-Djazaris.“ (78)
Von Zeit zu Zeit wurde es trotzdem notwendig, die Ambiguität zu „zähmen“. So erhöhte sich im 11. Jhd. u.Z. innerhalb von 150 Jahren die Zahl der Überlieferungen von ca. 1500 auf 7000. Das Ziel war dann aber nicht das Auffinden „einer wahren“ Überlieferung. Auch die Beschränkung der akzeptierten Interpretationen auf „Sieben“ wurde damals von Ibn al-Djazari als „Zeichen der Ignoranz und intellektueller Faulheit“ gekennzeichnet (82).
Wie ging nun Al-Djazari mit dem Problem um, dass die Vielfalt nicht ins Unbestimmte ausufern sollte, dass die Ambiguität also „gezähmt“ werden musste? Er gibt folgende „Definition einer zu akzeptierenden Lesart“ (83):
„Jede Lesart, die mit der arabischen Grammatik – und sei es auch in einer Weise, deren Korrektheit umstritten ist – übereinstimmt, die – wenn auch nur möglicherweise – mit einem der Uthmanischen Kodizes übereinstimmt und deren Überlieferungskette einwandfrei ist, ist eine einwandfreie Lesart, die nicht zurückgewiesen oder mißbilligt werden darf.“
Irrtümer bzw. subjektive Fehler werden ausgeschlossen durch den Nachweis einer „breite[n] und lückenlose[n] Überlieferung“ (99). Es gibt keine Einteilung in „kanonische“ und „isolierte“ Interpretationen (wie häufig aus einer Übertragung aus der Bibelexegese oft angenommen wird), sondern es werden 4 Grade der Zuverlässigkeit von „einwandfrei“ bis „nichtig“ angenommen. Diese sind keine Klassifizierungen, sondern eher Markierungen auf einer kontinuierlichen Wahrscheinlichkeitsskala (84). Wie mit solchen Nachweisen und Wahrscheinlichkeiten praktisch umgegangen wird, kann man beispielsweise nachlesen bei der der Suche nach der Quelle für ein Zitat.
Wenn ich also die Richtigkeit meiner Überlieferung durch die Lückenlosigkeit und die Güte der Überlieferungskette nachweise, habe ich damit die Behauptung einer anderen Überlieferung nicht widerlegt. Das von al-Djazari genannte Richtigkeitskriterium für eine Lesart ermöglicht also nur die Aufwertung der eigenen Überlieferung, aber nicht die Abwertung einer anderen (80).
Aufgrund der Bedeutung der nachweisbaren Überlieferungskette zeigt sich auch, dass die sozialen Interaktionen wichtiger für die Verlässlichkeit einer Interpretation sind als die Textgenauigkeit (84).
Im westlichen Abendland entwickelte sich wenige Jahrhunderte später der oben erwähnte Rationalismus. Wenn wir die sich daraus ergebende Unterscheidung der westlich-abendländischen und der arabisch-islamischen Tradition noch einmal genauer bestimmen wollen, so fällt ein wichtiger Aspekt ins Auge: Die cartesische Sichtweise auf die Welt beruhte auf einer Ausklammerung lebenspraktischer Fragen (wie Gottfried Gabriel z.B. bemerkt, Gabriel 1998: 17).
Die klassische islamische Sichtweise auf die Welt kennt diese Einschränkung nicht. Deshalb gilt:
„Das göttliche Wort ist Fülle und Vielfalt, die der Mensch nie vollständig erfassen kann. Da der Mensch diese Fülle und Vielfalt nicht bewältigen kann, ist er gezwungen, einen Kompromiß zu schließen und jene Lesarten, deren Überlieferung nach menschlichem Ermessen als weitgehend einwandfrei gelten kann, der rituellen Koranrezitation zugrunde zu legen und jene anderen Lesarten, die nicht mit der gleichen Zuverlässigkeit verbürgt sind, in denen aber trotzdem echte Lesarten enthalten sind, im wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen.“ (85-86)
Der wissenschaftliche Diskurs ist nicht auf „die eine“ Wahrheit aus, sondern er bestimmt das Maß an Wahrscheinlichkeit. Dabei wird angenommen, dass der jeweils aktuelle historische Kontext die Interpretationen selbst maßgeblich beeinflusst. Es ist in die Verantwortung der Menschen gegeben, die überlieferten Texte zeitgemäß zu interpretieren. Der Koran wurde entsprechend der islamischen Vorstellung den Menschen gerade deshalb gegeben, damit in Zukunft nach Mohammed nicht weitere Propheten zur Anpassung des Wortes Gottes an die konkrete Lebenswelt gesandt werden müssen, sondern die Menschen dies ausgehend vom Koran selbst leisten können.
Die Pluralität findet dort ihre Grenze, wo schlüssige Überlieferungen fehlen (was es Neuerungen sicher schwer macht) und wenn bestimmte Widersprüchlichkeiten und Imkompatibilitäten vorliegen, „die es im Wort Gottes nicht geben kann“ (90).
Ich bin mir sicher, dass auch in der westlichen Tradition nebenläufig immer auch eine Anerkennung eines gewissen Maßes an Ambiguität weiter bestand (es wäre sicher spannend, dies genauer zu untersuchen!). Aber die gleichzeitig dominant werdenden kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse mit der alles unterwerfenden Logik der Kapitalakkumulation führte allzu häufig zu einer Bevorzugung der „einfachen Wahrheit“ (vgl. Braun 1976) und auch zu den entsprechenden Erwartungshaltungen und Diskursvorgaben.
Thomas Bauer zieht an einigen Stellen explizit einen Vergleich heran: er vergleicht das klassisch-islamische Vorgehen mit dem der Postmoderne. Ich glaube nicht, dass die gemeinsame Ablehnung des universalen Wahrheitsanspruchs und der Aufklärung genügend Einheitlichkeit stiftet – es käme m.E. genauer darauf an, die Denkstruktur und Methodik aus der geschilderten arabisch-islamischen Tradition zu untersuchen, um auszuprobieren, inwieweit sie eine nachkapitalistische Kultur bereichern kann.
Es ginge dann wohl nicht primär um die „Fülle und Vielfalt des göttlichen Wortes“, sondern der Welterkenntnis. Manche Kompromisse zwischen Disparatem sollten auch nicht vorzeitig geschlossen werden – so sind viele mögliche Vereinheitlichungen (z.B. in der Physik) durchaus auch sinnvoll. Hier kann die Dialektik als Bildungsprozess jeweils umfassender Einheiten aus widersprüchlichen Momenten heraus sicher erkenntnisleitend sein, aber selbst auch bereichert werden.
Für die Geschichte diskutiert z.B. Susan Buck-Morss Ansätze, bei denen unter Wahrheit verstanden wird der „nie abgeschlossene[r] Prozeß des Infragestellens und Überprüfens, weil sie an eine Gegenwart gebunden ist, die sich nicht fixieren läßt. Die Geschichte läuft uns immer wieder davon und schlägt dabei Richtungen ein, die wir, da wir nun einmal nur Menschen sind, nicht vorhersehen können.“ (Buck-Morss 2011: 206)
Angesichts unserer weltgeschichtlichen Verflochtenheit gibt es keine rein lokalen Prozesse.
„Wir sind aufgefordert, durch die lokalen Besonderheiten unserer Traditionen hindurch zu einem begrifflichen Rahmen zu gelangen, der unser globales Handeln leiten kann.“ (Buck-Morss 2011: 8)
Die neue Universalität muss „von unten“ erzeugt werden, sie darf unkontrollierbare Verbindungen und Anomalien nicht verleugnen, sondern basiert geradezu auf ihnen.
„Die wertvollsten Funde warten an den Rändern der Kulturen. Dort zeigt sich die universelle Menschheit.“ (ebd.: 207)
An dieser Stelle bietet sich auch die Gelegenheit, einen Faktor endlich mit hinein nehmen zu können, der bisher noch keine Rolle spielte: die individuelle Subjektivität. Antje Schrupp meint, dass im Islam „die menschliche Subjektivität keine normgebende Rolle bei den Verhandlungen über gesellschaftliche Regeln und das, was erlaubt und verboten ist, spielt, sondern allein der Koran und – ergänzend – eben die Hadithe oder andere Quellen.“ Ich fand dagegen einen Spruch, bei dem gerade die „präzise Unterscheidungsfähigkeit zwischen den Worten des Propheten, die göttliche Offenbarung sind und daher befolgt werden müssen, und was an seinen […] Worten rein menschlich ist, worüber sie dann frei entscheiden kann“ einer Frau ausdrücklich gelobt wurde.
Wie genau das Verhältnis zwischen dieser Unterscheidungsfähigkeit und unserer Vorstellung von Subjektivität ist, weiß ich natürlich nicht genau. In beiden Traditionen jedenfalls, der westlichen und der arabisch-islamischen geht es darum, die Scylla des subjektlosen Kollektivismus und die Charybdis der isolierenden Vereinzelung zu umschiffen und das Verhältnis zwischen den einzelnen Menschen und ihrer (vor allem gesellschaftlichen) Welt immer wieder neu zu gestalten.
Literatur:
Braun, Volker (1975): Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Notate. Leipzig: Reclam.
Buck-Morss, Susan (2011): Hegel und Haiti. Berlin: Suhrkamp-Verlag 2011
Descartes, René (1701): Regeln zur Leitung des Geistes. Hamburg: Felix Meiner Verlag.
Hirschberger, Johannes (1980 II): Geschichte der Philosophie. Band II. Neuzeit und Gegenwart. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
Gabriel, Gottfried (1998): Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Von Descartes zu Witt¬genstein. Paderborn, München, Wien Zürich: Schöningh.
Januar 9, 2012 at 9:23 pm
“Das neuzeitliche Denken basiert in vielerlei Hinsicht auf den Arbeiten von René Descartes (1596-1650).”
Hmm, bei so einem Satz merke ich einmal wieder, wie fremd mir Philosophie ist, und dass das wohl auch so bleiben dürfte. Ich denke, dass sich das Denken in einer Epoche aus den Lebensbedingungen ergibt, also frage ich nach den jeweiligen Zusammenhängen zwischen den unterschiedlichen Behautungsbedingungen der unterschiedlich positionierten Subjekte und den Behauptungen, mit deren Hilfe sie sich darin einrichten, z.B. wem gegenüber sie ihr Tun und Lassen wie rechtfertigen bzw. (nicht) zu rechtfertigen haben.
Gruß hh
Januar 11, 2012 at 5:18 pm
Ich wäre wohl die Letzte, die die Bedeutung der realen Lebensbedingungen für das Denken leugnen würde. Wenn jedoch die materiellen und gesellschaftlichen Bedingungen für eine lange Epoche weitgehend gleich bleiben (z.B. Kapitalismus in Kerneuropa), dann liegt es nahe, dass denkerische Aufeinanderfolgen (Textlektüre, soziologische Lehrer-Schüler-Verhältnisse etc.) einen bestimmten Grundansatz aufgreifen und immer weiter ausformen.
Ich kann aber als Schreiberin nicht jedes Mal alle Zusammenhänge aufschreiben, sondern lediglich jedesmal eine konkrete Linie ziehen. Und hier ging es mir tatsächlich um die Linie innerhalb der Widerspiegelung, für die es in dem genannten Kulturkreis eine gewisse kontinuierliche Entwicklung gibt.
Letztlich sind die Gründe, aus denen heraus Subjekte Behauptungen vorbringen, nicht nur aus den jedes mal unterschiedlichen ganz konkreten erlebten Bedingungen heraus gezogen, sondern es gibt durchaus auch eine große Bedeutung der geistigen Tradition, in die man hinein wächst. es gibt da schon auch eine gewisse Eigenentwicklung dieser geistigen Kultur. Je besser man dieses “geistige Feld” kennt, desto besser kann man auch Begründungen verstehen, die sich nicht direkt aus den Lebensbedingungen ableiten lassen.
Wie dieses “geistige Feld” konkret mit materiellen Bedingungen zusammen hängt, abe ich in dem Vorkapitel (über den “Sonderweg”) versucht, mit einzubringen.
Januar 10, 2012 at 12:08 am
Auf der Suche nach was? Meint: Was wird hier unter Wahrheit verstanden?
Die spekulative Denkkraft Descartes ist unbestritten (Newton soll sich an ihr abgearbeitet haben), doch hat er das Experiment sträflich vernachlässigt (kannte er Galileis Arbeiten nicht?).
Der aufklärerische Inhalt der Dialektik erhellt aus dem Vergleich seiner Wahrheitssuche mit denen der Rhetorik und des Dialogs.
Sind Ambiguität und dialektischer Widerspruch Gegensätze??
In dem spannungsreichen positionellen Kampf einer Schachpartie gewinnt oft derjenige, der diese Spannungen länger auszuhalten vermag (weil er die Feinheiten der Stellung besser ein*schätzen* kann als sein Gegenüber).
Ich vermute, dass die Aussage “Es ist in die Verantwortung der Menschen gegeben, die überlieferten Texte zeitgemäß zu interpretieren.” theologisch unhaltbar ist. Demnach bedarf es keines Gottessohns,um das Alte Testament neu zu bewerten und keines Mohammed, um Chistus zu aktualisieren.
Susan Buck-Morss ist zu wünschen, dass Ihr Buch Lesenswertes enthält, wies es der Titel verspricht (auf diese verbindung wäre ich nicht gekommen
Ein jordanischer Kollege erklärte mir in Sanaa: Es gibt nur einen Koran, aber jeder legt ihn für sich aus. Das passte haargenau auf meine Beobachtungen in Deutschland, Jordanien, Senegal, VAE und Jemen – noch Fragen?
Januar 11, 2012 at 5:20 pm
Ja, zu den Erfahrungen. Was sagen denn die arabisch Sprechenden zur Konsonantenschreibweise des Korans (oder kennen sie nur die durch die entsprechenden vereindeutigenden Zeichen ergänzten, modernisierten Ausgaben)? Mich würde schon sehr interessieren, ob es noch andere Anzeichen und Erinnerungen für die Ambiguitätstoleranz gibt.
Januar 11, 2012 at 11:40 pm
Ist es nicht das Kennzeichen aller Religion, dass deren Gebote oder das, was als “Gottes Wille” gilt, entsprechend den historisch oder regional vorherrschenden Bedürfnissen dieser oder jener Gruppen, Klassenlagen usw. immer wieder neu konstruiert und dabei passend gemacht wird?
Januar 10, 2012 at 2:33 pm
“Natürlich wäre es wenig hilfreich, das Denken und die Kultur in „westliches“ und „orientalisches“ zu trennen, bzw. zu teilen (wie auch ein Kommentar zum o.g. Beitrag bemerkt). Die Vorstellung, eine Unterscheidung bedeute gleichzeitig auch eine Teilung bzw. Trennung, ist jedoch eine recht undialektische Vorstellung. Wenn wir uns, wie in dem Kommentar gefordert, eher auf das verbindende Miteinander konzentrieren sollten, so müssen wir doch wissen, WAS wir da miteinander verbinden wollen. Gleiches zu verbinden schafft nichts Neues, nur etwas Größeres – um wie viel wertvoller ist dagegen die Verbindung von Ungleichartigem, von Unterschiedlichem?”
Huch?!??
Gleiches ließe sich doch auch anders verbinden als es zu addieren. Selbst Gleiches, das einander addiert wurde, muss nicht einfach nur Mehr des Gleichen sein. Ab einer bestimmten Quantität können bestimmte (etwa ökokapilalistische) Entwicklungen in neue (z.B. ökossozialistische) Qualitäten umschlagen. Aber von Gleichheit ist in meinem Kommentar gar nicht die Rede.
Ich stelle nicht in Abrede, dass sich Vorstellungswelten vielfach unterscheiden können, die unterschiedlichen historischen Produktionsstrukturen erwachsen, die sich unter verschiedenen natürlichen Bedingungen und gesellschaftlichen Grundstrukturen entwickelten,(etwa welche Rollen spielen dabei Stammesstrukturen, Militär, Staat, Nationbildung, Handelswege usw.). Und dass es von großem Interesse sein kann, das jeweils besondere historische Potenzial zu sichten und auf seine Brauchbarkeit für die weitere Mensch(heits)werdung hin zu untersuchen.
Nur denke ich, dass diese Phänomene explizit (!) in eine zu schreibende “Vorgeschichte” (Marx) einer als Solche handlungsfähgen Süd-Nord-West-Ost-Menschheit eingeordnet werden sollten. Statt von “westlichem Denken”, “westlicher Rationalität” usw. könnte meist auch von – sich hier und dort mit diesen und jeden Ausprägungen entwickelnden – “bürgerlichem Denken”, “bürgerlicher Rationalitätshorizonte” usw. geredet werden, also von Vorstellungswelten, die sich wo auch immer (frher oder später) auf kapitalistischer Grundlage durchsetzen.
Noch einmal gefragt: waren arabische Kulturräume nicht Geburtsstätten dessen, was heute als westlich verschrien ist oder in den kerneuropäischen Separat-Himmel gelobt wird?
Inspirierend finde ich die Erörterung einer “Ambiguität im Islam”, weil sie – wie gesagt – an die Notwendigkeit erinnert, die Dialektik von Arbeit und Spiel zu beachten. Am bürgerlichen “Rationalismus” würde ich z.B. eher deren Mystifizierung kritisieren, den Fetischcharakter des Begriffs, der seiner Loslösung (“Entfremdung”) vom gesellschaftlichen bzw. ökologischen Kontext (nicht selten durchaus ausbeuterscher Natur) erwächst. Und ich streite gern für die Erkenntnis, dass die Rationalität von Rationalität stets nur im Hinblick auf bestimmte Ziele / Zwecke hin erkannt werden kann, denen – rationale oder irrationale Mittel, Vorstellungen, Empfindungen usw. gerecht werden – oder nicht gerecht werden. Das scheint mir angebracht, wenn wir den Begriff “Rationalität” als ein Arbeitsmittel verstehen, ein Werkzeug des Erkennens guter oder schlechter Früchte des menschlichen (Nicht-)Tuns. Aber das schenkt uns auch neue Freiheit, die Rationalität des Irrationalen (vordergründig Zwecklosen) zu feiern. (Wie es auch eine Menge Freiheit voraussetzt, Experimente zu wagen, Fehler zu machen usw.).
Nehmen wir die Rationalität des Begriff der nachhaltigen Entwicklung:
“Wir sind aufgefordert, durch die lokalen Besonderheiten unserer Traditionen hindurch zu einem begrifflichen Rahmen zu gelangen, der unser globales Handeln leiten kann.“ (Buck-Morss 2011: 8)”
Genau, zum Beispel mittels folgender Faustformel: Weltweit sollen alle gut leben können ohne zugleich die Grundlagen des Lebens aller zu untergraben.
Nachhaltig kann die Entwicklung von Wohlstand nur sein, insofern “sie” genau diese allgemeine Enwicklungsbedingung zielstrebig herstellt, heißt, insofern hinreichend viele Menschen und deren Institutionen deren Herstellung zu ihrer höchstpersönlich eigenen Aufgabe machen – können. (Warum z.B. die Herstellung von “Entwicklungsgerechtigkeit” eine notwendige Voraussetzung “nachhaltiger Entwicklung” ist) Aufgrund der bestehenden (gar nicht “nachhaltigen”) Interessenskonstellationen und Wahrnehmungsbremsen (die die bestehende Verhältnissen charakterisieren und nicht einfach per Willensakt wegzudenkenden sind), muss dieser begriffliche Rahmen trotz Strenge seiner allgemeinen Bestimmung große Spielräume für das Einbringen individueller Besonderheiten enthalten, wie sie aus verschiedenen Erfahrungswelten und Möglichkeiten, die zu verarbeiten, erwachsen.
Den Rationalitätsgehalt der verschiedenen Bemühungen um eine “nachhaltige Entwicklung” zu beurteilen, wird zunächst mehr spielerischer Natur sein müssen (z.B. durchaus auch mittels Satire) . Aber letztlich kann das nur im Zuge von realen (meßbaren) Fortschritten bei der (Mit-)Bestimmung konkreter Maßnahmen, Teilzeile, Entwicklungsbedingungen wachsen, – zum Beispiel mit Hilfe von – lokalen bis globalen – Nachhaltigkeitsstrategien.
Ganz “einwandfrei” werden die zwar nie sein können, (apropo “einwandfrei”: Hat es in der Geschichte des Islam etwa bereits vor langer Zeit so etwas, wie eine eine Diskursethik gegeben?) Aber sie können mit den Zyclen ihrer Weiterentwicklung an Einverständnis und (!) Bedeutung als Mittel der sozialen Steuerung gewinnen. Es wird allerdings ein großer Wettlauf werden, Tempo und Intensität dieser Prozesse den Herausforderungen anzupassen, denen wir kapitalistisch vereinzelte Einzelne nun einmal gegenüberstehen (Stichwort Klimawandel). Was gäbe es vernünftigeres, als die – rechtzeitige – Entwicklung ein globales Miteinander auf Basis eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Nachhaltigkeitsmanagement? Und wäre es nicht sehr unvernünftig, sich das als ein “westliches” Projekt vorzustellen?
Januar 11, 2012 at 5:28 pm
“Statt von „westlichem Denken“, „westlicher Rationalität“ usw. könnte meist auch von – sich hier und dort mit diesen und jeden Ausprägungen entwickelnden – „bürgerlichem Denken“, „bürgerlicher Rationalitätshorizonte“ usw. geredet werden” – der “Bruch” mit der Ambiguität kam spätestens mit der griechischen Philosophie, so bei Aristoteles. Das kann ich schlecht schon unter “bürgerlich” einordnen.
“Noch einmal gefragt: waren arabische Kulturräume nicht Geburtsstätten dessen, was heute als westlich verschrien ist oder in den kerneuropäischen Separat-Himmel gelobt wird?”
Sie hatten auch wissenschaftliche und technische Errungenschaften, die zeitweise über das europäische Maß hinausgehen, bewahrten einiges (etwas uminterpretiert) von der griechischen Philosophie… Aber sie waren nicht die Geburtsstätten von dem, was wir gerade zu kritisieren beginnen von dem, was an westlichen Errungenschaften meist in den “Himmel gelobt” wird.
Diskursethik… ich war ja nicht dabei, aber ich kann mir schon gut vorstellen, dass es wesentlich angenehmer ist, in einer Atmosphäre zu argumentieren, in dem ein Argument für meine Position nicht gleich automatisch die Position des anderen heruntersetzt (und umgekehrt).
konkrete Rationalität… Ja, ich denke ja auch, dass die Hegelsche Vernunft viel mehr ist als die “westliche”/”bürgerliche” (nur instrumentelle, eindimensionale) Rationalität. Aber anscheinend ist diese “Vernunft” entgegen Hegels Annahme auch nicht der Weisheit letzter Schluss.
Januar 11, 2012 at 8:41 pm
“Ja, ich denke ja auch, dass die Hegelsche Vernunft viel mehr ist als die „westliche“/“bürgerliche“ (nur instrumentelle, eindimensionale) Rationalität. Aber anscheinend ist diese „Vernunft“ entgegen Hegels Annahme auch nicht der Weisheit letzter Schluss.”
Wüsste gern, was ich mir unter Hegelsche Vernunft vorstellen könnte. Mal sehen, was dazu bei WIKIPEDIA steht:
“Neben dieser menschlichen, subjektiven Vernunft (theoretische oder epistemologische Vernunft) nahmen einige Philosophen die Existenz einer objektiven Vernunft an; ein die Welt durchwaltendes und ordnendes Prinzip (metaphysische oder kosmologische Vernunft – Weltvernunft, Weltgeist, Logos, Gott). Zu diesen Philosophen gehören z. B. Heraklit, Plotin und Hegel. Die Debatten um die Existenz oder Nichtexistenz einer solchen Weltvernunft und ihre eventuelle Beschaffenheit sind ein bedeutender Teil der Philosophiegeschichte.”
http://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft
Hm, das ist wohl eher die Mystifizierung von Vernunft, oder?
Oh, da steht noch etwas: “Nachdem Kant die Grenzen der Erkenntnisse und der Vernunft beschrieben hatte, wollten sich einige Vertreter des deutschen Idealismus nicht mit diesen abfinden. Hegel erkennt Kants Einsicht der Vernunft als den Grund (Substanz) von Freiheit ausdrücklich an. Doch er bezeichnet Kants Position als subjektiv, weil er dem Subjekt nur zugestehe, wahre Erscheinungen von den Dingen erkennen zu können und nicht diese selbst, wie sie an sich sind. Um darüber hinaus zu kommen, braucht es eine absolute Vernunft. Bei ihm ist sie das spekulative Vermögen, das Absolute in der Bewegung aller seiner Momente zu begreifen. Sie ist für ihn der einheits- und sinnstiftende Grund, der ewig aus sich selbst herausgeht, sich so entzweit, indem sie sich im Laufe der Geschichte in immer neuen Erscheinungen als (Zeit-)Geist und Natur verwirklicht (bzw. materialisiert), wieder in die Einheit fällt und so „zu (oder in) sich selbst zurückkehrt“. Hegel sagt, weil sie alles in sich zurück nimmt und in ihre Form (die Einheit) bringt, also im Grunde keine Grenze habe, sei sie unendlich, und weil sie sich nur selbst erkenne, absolut. Das Absolute selbst ist für ihn Gott, der absolute Geist. Ihn zu erkennen ist für Hegel das oberste Ziel aller Philosophie. ”
Oh! Nunja…
Januar 12, 2012 at 10:01 am
Ja, das Ganze klingt sehr verschwurbelt. Ich hab grad gesucht, aber im Netz tatsächlich keine Beschreibung des Begriffs der Vernunft bei Hegel gefunden, die ich Dir empfehlen könnte (nicht mal bei mir
).
Bei Hegel gibts einen wichtigen Unterschied zwischen Verstand und Vernunft. Alles das, was am “westlich-europäischen” Denken, insb. seit Descartes, als “Rationalität” häufig (berechtigt) kritisiert wird, ist eigentlich NUR etwas, das mit Verstand betrachtet wird (also z.B.: Es geht um Identitäten, es geht um Trennungen, es geht um Wechselbeziehungen, wobei das Denken ständig nur vom Hin zum Her kommt und zurück ohne weitere Entwicklung). Bei Hegel “wird der Verstand zur Vernunft gebracht”. Hier geht es darum, die widersprüchliche Bewegung der gegensätzlichen Momente zu begreifen, also die hohe Kunst dessen, was i.a. als “Dialektik” verstanden wird (bei Hegel selbst wird auch das nur-verständige Hin- und Herreflektieren als “dialektisch” bezeichnet, das Vernünftige hingegen als “spekulativ” – aber das mag man wohl weniger akzeptieren. Man muss nur die Verwendung der Wörter kennen, um nichts falsch zu verstehen).
Januar 12, 2012 at 6:34 pm
Für einen philosophiegeschichtlich ungebildeten Menschen wie mich klingt das alles äußerst verwirrend. Ich hätte zum Beispiel gedacht, dass Verstand eine prima Sache ist, von der man besser mehr als weniger besitzt, weil es selbstverständlich gut ist, etwas zu verstehen oder auch von Etwas etwas zu verstehen. Nun lese ich aber bei WIKIPEDIA: http://de.wikipedia.org/wiki/Verstand#Erl.C3.A4uternde_Zitate
„Verstand (logos, epistêmê, intellectus, intelligentia, ratio, entendement, understanding) ist im weitern Sinn (…) Fähigkeit (…) des Wissens um die Bedeutung der Worte und Begriffe.”
Das verstehe ich allein deshalb nicht, weil Worte und Begriffe nicht einfach Bedeutung haben schon gar nicht eine ein für allemal fixierte, sondern dass sie nur Mittel, Werkzeuge des Verstehens realer Vorgänge sind. Griffe, die wir der Wirklichkeit anheften, damit die ein wenig handhabbarer wird.
Dass Verstand der Sinnlichkeit entgegen gestellt wird, ist vielleicht verständlich, weil Verliebte sich bekanntlich oft um den Verstand bringen oder frisch Entliebte sich um selbigen trinken. Aber zeugt es von Unverstand, wenn es einem tierisch freut, etwas verstanden zu haben? Jedenfalls scheint das im Alllgemeinen keine unvernünftige Sinnlichkeitsregung zu sein.
Wenn Hegel einerseits die Vernunft um den Verstand bringt (…?) nein, “den Verstand zur Vernunft bringt” andererseits aber einer “absoluten Vernunft” nachjagt so überfordert das meinen Verstand, weil der darin nichts Vernünfiges entdecken kann. Mit der so gewonnenen Leichtigkeit des Nicht-Verstehen-Müssens spekuliere ich aber mal nach Herzenslust, in welcher Weise Verstand zur Vernunft gebracht werden könnte.
Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass hier die in der Philosophie anscheinend übliche “Kurzschrift” am Werke ist und der Satz eigentlich heißt: “Hegel bringt den individuellen Verstand zur sozialen Vernunft”. Entweder, weil der individuelle Verstand nicht ausreichte, um einen gesellschaftlichen Zusammenhang hinreichend zu verstehen, oder grad weil er den nur zu gut versteht und unvernünftige Schlüsse daraus ziehen könnte, die eher Schaden anrichten würden – was natürlich Schade wäre.
Es gibt auch den individuellen Verstand und gesellschaftlichen Unverstand – als Element gesellschaftlicher Unvernunft:
“Formen, worin bestimmte ökonomische Verhältnisse erscheinen und sich praktisch zusammenfassen, gehn die praktischen Träger dieser Verhältnisse in ihrem Handel und Wandel jedoch nichts an; und da sie gewohnt sind, sich darin zu bewegen, findet ihr Verstand nicht im geringsten Anstoß daran. Ein vollkommner Widerspruch hat durchaus nichts Geheimnisvolles für sie. In den dem innern Zusammenhang entfremdeten und, für sich isoliert genommen, abgeschmackten Erscheinungsformen fühlen sie sich ebenfalls so zu Haus wie ein Fisch im Wasser. Es gilt hier, was Hegel mit Bezug auf gewisse athematische Formeln sagt, daß, was der gemeine Menschenverstand irrationell findet, das Rationelle, und sein Rationelles die Irrationalität selbst ist.”
Marx: Das Kapital, MEW Bd. 25, S. 787
Gruß hh
Januar 12, 2012 at 9:30 am
@hhirschel: “Ist es nicht das Kennzeichen aller Religion, dass deren Gebote oder das, was als „Gottes Wille“ gilt, entsprechend den historisch oder regional vorherrschenden Bedürfnissen dieser oder jener Gruppen, Klassenlagen usw. immer wieder neu konstruiert und dabei passend gemacht wird? usw. immer wieder neu konstruiert und dabei passend gemacht wird?”
Von außen her gesehen sicher. Aber es scheint vom Selbstverständnis der Christen und Muslime (zumindest im “klassischen” Zeitalter nach Bauer) typische Unterschiede zu geben. Bei den Christen wird so was wie eine “authentische Urbibel” vorausgesetzt, die es zu rekonstruieren gilt – im Koran ist die Vieldeutigkeit und Interpretationsnotwendigkeit von vornherein “eingebaut”.
Januar 13, 2012 at 1:37 pm
[...] Auf der Suche nach Wahrheiten (Annette Schlemm) – 08.01.2012) [...]
Januar 20, 2012 at 9:27 pm
[...] gab in der Diskussion zu einem Blogbericht einige Verwirrung um die Begriffe „Verstand“ und „Vernunft“. Natürlich kann sich dazu [...]