Bei den regelmäßigen Terminabsprachen in meinem Umfeld fanden sich drei Interessentinnen, die am 7.5. gemeinsam nach Weimar zu einem Vortrag von Gerald Hüther fuhren. Ich hatte mir bereits vorher die DVD mit einem Vortrag zum gleichen Thema (Mitschnitt von Bensheim) angeschaut und wurde trotzdem überrascht: Gerald Hüther sprach über dieselben Inhalte mit den gleichen Beispielen, aber die Reihenfolge und die Übergänge zwischen ihnen waren jeweils anders. Im Unterschied zu einem früheren Vortrag „Brainwash – Einführung in die Neurobiologie“ bezog er sich nur beiläufig auf neurobiologische Erkenntnisse. Er konzentrierte sich auf wichtige Hinweise für die eigene Lebensgestaltung und gelingende zwischenmenschliche Beziehungen unter dem Motto:

„Kreativität und Begeisterung statt Leistungsdruck und Stress -
wie wir es schaffen, das zu entfalten, was in uns steckt“

Um anderen nicht die Spannung an den Vorträgen bzw. Büchern von Gerald Hüther zu verderben, möchte ich nur einige der interessantesten Hinweise (in einer von mir gewählten Reihenfolge) vorstellen.

Warum sterben die Lachse?

Ein Beispiel kenne ich, seit ich Gerald Hüther zum ersten Mal vor einigen Jahren in Göttingen getroffen habe: Das Beispiel mit den Lachsen. Man kann es hier (auf S. 8) nachlesen oder hier: Es ist bekannt, dass die allermeisten Lachse nach dem Ablaichen am Oberlauf des Flusses sterben. Früher dachte man wohl, das sei in ihrem genetischen Programm festgeschrieben – später wurde bekannt, dass die wirkliche Ursache des Sterbens darin liegt, dass sie unter zu viel Stress leiden, weil sie in den engen Gewässern am Ablaichort zu wenig Platz haben. Sie müssten nicht unbedingt sterben. Wenn man sie noch lebend dort entnimmt und ins offene Meer transportiert, können sie weiter leben. Und was folgt daraus?

„Ich versuche, es auch gleich in unsere Sprache zu übersetzen: Wenn man wie ein Lachs besessen ist von einer Idee, wie es zu werden hat, dann sieht man überhaupt nicht mehr, was los ist. Da rasen diese Lachse, besessen von der Idee, sich verpaaren zu müssen, immer flussauf, und irgendwann verwirklichen sie diese Idee. Und erst dann schalten sie das Gehirn ein. Und dann gucken sie um sich und sehen, wo sie gelandet sind, wohin die fixe Idee sie gebracht hat. Sie stellen fest, so flaches Wasser, nichts zu fressen, lauter Lachse und keine Chance, jemals wieder zurück zu kommen. Dann bleibt einem Lachs nichts anderes übrig, als den tapferen Lachstod zu sterben.“ (Vortrag im Südwestrundfunk, S. 8)

Schönes Beispiel, oder?

Begeisterung statt „gehirnjoggen“ oder belohnen/bestrafen

Die Erkenntnisse der Neurobiologie waren richtungsweisend für verschiedene Etappen der Vorstellungen darüber, welche Potentiale im Gehirn von Menschen stecken. In einer ersten Phase wurde angenommen, das Potential sei durch genetische Programme wie in eine Maschine fest eingeschrieben. Nur dieses fest vorgegebene Programm sei mehr oder weniger ausnutzbar, wie eine Ressource. Wo beispielsweise durch genetische Defekte das Potential beschränkt sei, sei auch nichts anderes als „Schwachsinn“ herauszuholen. Später veränderte sich die Sichtweise: Das Gehirn wurde nun mit einem Muskel verglichen, den man beispielsweise im Alter durch Gehirnjogging weiter trainieren müsse. Seit kurzem jedoch wird klar, dass dies nur unter einer zusätzlichen Bedingung funktioniert: Als zusätzlicher „Dünger“ für die Bildung neuer Nervenzellen muss eine persönliche Bedeutung der Beschäftigung hinzukommen; so etwas wie Begeisterung (etwa in der Liebe zu einer Chinesin) ermöglicht es sogar einem 85-Jährigen, Chinesisch zu lernen.

“Immer dann, wenn Sie sich für was begeistern, geht eine Gießkanne an, die Dünger ins Hirn bringt…“ (Hüther)

Menschen, denen wegen ihrer Trisomie-21 vor wenigen Jahren „Schwachsinn“ zugeschrieben wurde, machen heutzutage Abitur und studieren. Inwieweit gerade die normale Schule die vorherigen ständigen Begeisterungs- und Lernschübe von kleinen Kindern ausbremst, weiß wohl jede_r aus eigener Erfahrung…. Strafe oder Belohnung sollen eine Art „Bedeutung“ für das Kind simulieren, aber sie stellen keine echte Begeisterung her, die wichtig wäre.

Vom Arbeitsalltag sprach Hüther hier nicht, dazu gibt’s einen Beitrag von ihm online. Die Frage, mit der dieser Beitrag abschließt, „mit welchem Ziel wir eigentlich mit all den Beschäftigungen, die wir tagtäglich ausführen unterwegs sind“ kann leider nicht von uns Arbeitenden bestimmt werden, sondern wird hinter unserem Rücken durch das Urteil der Profitabilität für die Kapitalgeber festgelegt.

Trotzdem gilt auch in diesem Bereich angesichts der Notwendigkeit, immer weniger die Körperstärke und Routinefähigkeit des Menschen anzuzapfen, sondern seine Kreativität, Kooperationsfähigkeit, d.h. seine sog. „soft skills“ besser verwerten zu müssen. Das heißt, auch hier hat sich das Paradigma verschoben vom Paradigma der „Ressourcenausnutzung“ hin zum Paradigma der „Potentialentfaltung“ (Hüther im Vortrag Bensheim).

Autonomie und Bindung

Zum nächsten Thema leitet Hüther in Bensheim über mit der Frage, wovon ein Mensch sich begeistern lässt. Die Antwort: Menschen machen schon im Mutterleib Erfahrungen von Bindung sowie vom Wachstum ihrer Fähigkeiten. Dies sind grundlegende weiter wirkende Bedürfnisse der Menschen: Bindung sowie Autonomie/Freiheit. Mir fällt dabei immer die Gedichtzeile von Nazim Hikmet ein (und hier noch das Wader-Lied dazu):

„Leben wie ein Baum, einzeln und frei,
und brüderlich wie ein Wald,
das ist unsere Sehnsucht.“

 

Natürlich ist es offensichtlich, dass diese beiden Bedürfnisse nicht einfach zusammen passen. Sie zu verbinden, ist eine Kunst, eine wahrliche Lebenskunst. Sie berührt den Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen – aber zusätzlich zu dieser zwischenmenschlichen Beziehungsebene ist die Struktur der Gesamtgesellschaft zu betrachten. Dieser Horizont wird bei Hüther trotz aller kulturkritischen Momente doch ausgeblendet.

Natürlich möchte ich den zwischenmenschlichen Bereich auch nicht ausblenden – nicht umsonst habe ich mich auch intensiv mit Fragen der zwischenmenschlichen Kommunikation bzw. auch der Methode der sog. „Gewaltfreien Kommunikation“ beschäftigt. Aber das gegenwärtige Hauptproblem sehe ich in den strukturellen Grenzen für das Gelingen individueller Verhaltensänderungen durch die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse (mehr dazu auch hier unter der Überschrift „Über das Verhältnis von Individuen und Gesellschaft“).

Eine Veränderung des zwischenmenschlichen Verhaltens kann das Leben – auch ohne diesen gesamtgesellschaftlichen Horizont zu beachten – angenehmer und lebenswerter machen, aber es kann nicht ausgeblendet werden, dass wir die Kinder ja nicht in „nicht hirngerechte Schulen“ schicken, weil wir blöd oder die Schulen reine Folterstätten wären, sondern weil unsere Kinder letztlich ihr Leben in dieser Gesellschaft führen müssen, in der sie gelernt haben müssen, wie man Geld verdient, also sich gegenüber anderen durchsetzt und ganz allgemein „Erfolg“ hat.

Erfolg oder Gelingen?

Erfahrungen in den Lebenssphären, wo wir, um zu überleben, tatsächlich „Erfolg“ haben müssen, wie in der Arbeitswelt, dazu verführt, diese Haltung auch in andere Lebensbereiche zu übertragen.
Was ist so schlimm daran, „Erfolg“ zu haben bzw. anzustreben? Sehr einprägsam war dazu die Aussage von Hüther:

„Wer würde schon davon sprechen, dass man sein Leben „erfolgreich zu Ende gebracht“ hat? Geht es nicht viel eher darum, ein „gelungenes Leben“ zu bilanzieren?“ (ungefährer Wortlaut nach der Erinnerung)

Es macht einen Unterschied, ob man davon spricht, dass man „erfolgreich“ ist oder dass etwas „gelingt“. Den Erfolg kann man „machen“. Ich habe das in der Hand und zwinge es. Anders beim Gelingen: Ich kann meinen Teil tun, um zum Gelingen eines guten Kuchens beizutragen – dass er „gelingt“, hängt von Prozessen in seinem Inneren ab. Bei komplizierteren Prozessen sind das Selbstorganisationsprozesse, die man nicht von außen „machen“ kann, sondern für die man lediglich Bedingungen positiv verändern kann. In besonderem Maße gilt dies für Bildungsprozesse.

G. Hüther ist auch aufgefallen, dass es im Englischen gar keinen Begriff für das „Gelingen“ gibt. Alles wird unter Begriffen des Erfolg-Habens (success/succeed) erfasst oder der Kuchen ist „well done“, also „gemacht“. Wer kein Wort, keinen Begriff vom „Gelingen“ hat, hat auch kein Gespür für den wichtigen Unterschied zwischen „Erfolg“ und „Gelingen“, der erlebt und tut alles im Modus des Anstrebens von Erfolg anstatt sich auf ein gelingendes Leben zu orientieren.

Wiederum möchte ich ergänzen: Wir sollten ganz grundsätzlich danach fragen, was in dieser Welt uns unter Bedingungen stellt, unter denen wir eher auf „Erfolg“ gepolt sind, als uns auf das „Gelingen“ einzustellen. Es ist nicht einfach ein persönlicher Fehler, den man den Menschen jetzt nur noch geduldig genug ausreden muss. Den Zwang zum Erfolg-Haben (z.B. bei meinen Bewerbungen um einen Job) denke ich mir nicht aus, der steckt in den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen und nur wenn ernst nehme, dass Menschen auch gute Gründe haben, sich dementsprechend zu verhalten, anstatt einfach nur noch nicht genug Bücher von Hüther gelesen zu haben, werde ich den realen Lebensverhältnissen gerecht.

Nicht das Verhalten, sondern die Möglichkeit für Erfahrungen verändern

Eine andere wichtige Argumentation von Gerald Hüther möchte ich noch vorstellen. Letztlich sind die Lehren daraus nicht ganz unbekannt, aber im Zusammenhang betrachtet ergibt sich ein rundes Bild.

Es geht darum, dass bei allen persönlichen Entwicklungs- und insbesondere den Prozessen der Bildung das Kognitive immer mit dem Emotionalen verbunden ist. Es war schon eine wichtige neue Erkenntnis vor einigen Jahren, dass das Gehirn auch im Alter noch plastisch ist und sogar neue Nervenzellen und -verbindungen wachsen können. Aber dies geschieht nicht etwa bei geistlosen Gedächtnisübungen, sondern dann, wenn das zu Lernende „unter die Haut“ geht und begeistert (siehe oben).

Wenn wir uns nun fragen, wie wir uns im positiven Sinne verändern können, so könnten wir versuchen, direkt am Verhalten anzusetzen. Tu dies, tu jenes nicht… Man kann versuchen, dies zu unterstützen durch Belohnungen und Strafen, die man sich selbst verordnet bzw. für andere bereit hält, um ihr Verhalten im von uns gewünschten Sinne zu verändern (Kinder!). Das wäre der Modus des „Machens“ – bei sich selbst organisierenden komplexen Wesen funktioniert das aber nicht. Das Verhalten wird hier ganz stark von bereits vorher entwickelten inneren Haltungen beeinflusst. Solche inneren Haltungen reagieren so gut wie gar nicht auf Belehrungen, sie haben aber recht viel mit Emotionen zu tun. Kognitiv wird durchaus häufig Einverständnis hergestellt – „Ja, du hast ja recht…“. Wenn die Emotionen dem entgegenstehen, passiert aber nichts. Das Rauchen ist ja soooo angenehm, entlastend, entspannend. Früher wurden innere Haltungen auch noch verfestigt, weil sie von außen als feststehender „Charakter“ einer Person bezeichnet und damit etikettiert wurden.

Was ist das einzige, was innere Haltungen bestimmt und auch verändern kann? Beziehungsweise, wodurch entstehen sie überhaupt? Durch Erfahrungen. Wenn es als sinnvoll angesehen wird, das eigene Verhalten, die eigene innere Haltung zu verändern, muss man sich neue Erfahrungen organisieren. Hüther spricht eher davon, wie man auf andere einwirken kann und wie nicht. Die Antwort: Man sollte nicht direkt deren Verhalten ändern wollen, nicht direkt die innere Haltung: Aber man kann durch die Schaffung von Bedingungen für neue Erfahrungen seinen Teil dazu tun, um neue Haltungen und neue Verhaltensweisen zu ermöglichen.

Was kann mal also tun, wenn bestimmte Verhaltensweisen und Haltungen von anderen Menschen veränderungswert erscheinen? Man kann die anderen einladen, sich für neue Erfahrungen zu öffnen, sie dazu ermutigen und dabei inspirieren.

Aus der Sicht der Kritischen Psychologie mit ihrem konsequenten Subjektstandpunkt missfällt mir daran der Modus des „von außen auf den anderen einwirken wollen“ – aus dieser Sicht wäre es auch unzureichend, für andere die Bedingungen zu ändern, anstatt ihr Subjektsein darin zu sehen, dass sie sich ihre Bedingungen selbst schaffen.

Bei Hüther ist auch noch ein Schwenk vorgesehen: Das, was er vorhat, gelingt dementsprechend auch nicht, wenn der andere Mensch „zur Ressource oder zum Objekt gemacht“ wird. Das Einladen, Ermutigen und Inspirieren funktioniert nach Hüther nur, wenn ich den anderen auch mag. Man müsste doch gerade einmal jene einladen, die man am wenigsten mag (wie z.B. besonders nervende Nachbarn) und dann mal herausfinden, was in ihnen drin steckt, was mir doch gefällt. „Und ich kann Ihnen garantieren, Sie finden bei jedem was.“ Ein guter Hinweis: Das, was wohl alle Menschen teilen, ist das Bedürfnis nach Bindung und Autonomie. Also: Auch dieser nervige Mensch möchte autonom handeln, frei sein und gleichzeitig möchte er gemocht werden. Da mir das genauso geht, haben wir plötzlich doch etwas Gemeinsames, worauf sich eine Beziehung aufbauen lässt.

Rein praktisch im Alltagsleben sind diese Botschaften sicher sehr hilfreich. Der Umgang mit Nachbarn, Kindern, Partnern usw. kann unter Beachtung dieser Hinweise sicher besser gelingen. Auch im Arbeitsleben kann ich den Kollegen nicht nur unter der Perspektive der Arbeitsplatzkonkurrenz sehen, sondern ihn als Menschen erst nehmen. Dasselbe kann ich mit dem Arbeitgeber machen – ob er es mit mir so macht, sollte eher zu bezweifeln sein, denn er kann gar nicht anders als wirtschaftlichen Erfolg anzustreben, d.h. möglichst viel aus meiner an ihn verkauften Arbeitskraft heraus zu holen (Er hat mich ja nicht als Freund_in eingestellt, sondern als Arbeitskraft).

Die heutige Wirtschaftswelt kommt uns aber im Bedürfnis nach Mitmenschlichkeit scheinbar sogar entgegen: Seit den 90er Jahren braucht der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens nicht nur die körperliche Kraft der Mitarbeiter, auch nicht nur routinehaftes Abarbeiten des Jobs, sondern die gesamte Kreativität und Kommunikationsfähigkeit der Mitarbeiter, sog. „soft skills“ steigen in der Bedeutung enorm an.

Deshalb passt die Lebenskunst-Lehre von Gerald Hüther durchaus in moderne Unternehmensethiken und er ist wohl auch deshalb sehr optimistisch in den Einleitungen und dem Ausklang seiner Vorträge: Er spricht von einem „dramatischen Wandel unserer Beziehungskultur“ in Richtung auf mehr Wir-Gefühl und den anderen wichtigen Dingen, die er thematisiert hat.

Dass leider die gesellschaftlich erzeugten sozialen Zwangslagen auch in unseren hochentwickelten Ländern für immer mehr Menschen ganz andere Erfahrungen bereit halten, dass Rassismus und Sozialchauvinismus gerade auch in den bildungsbürgerlichen Mittelschichten nicht Halt machen, wird da nicht wahrgenommen.

Zurück zu den Lachsen…

Ich muss nun noch mal auf die Lachse zurückkommen. Die Quintessenz der Geschichte haben wir oben schon in einer etwas laxen Vortragssprache gelesen. Die Zuhörerin eines anderen Vortrages stellte das so dar:

„In ihrer Konzentration auf die Paarung nehmen die Lachse nicht wahr, dass sie sich in immer engere Gewässer begeben. Dies obwohl sie eigentlich viel Platz brauchen. Erst nach der Paarung nehmen sie wahr, dass sie sich in einem viel zu kleinen und mit viel zu vielen Lachsen bevölkerten Gewässer befinden.“ (Vortragsbericht, Teil 1)

Und wie gelangen wir von den Lachsen nun zu uns? (wieder in den Formulierungen der Zuhörerin):

„Nicht nur Lachse konzentrieren sich auf bestimmte Bereiche ihres Lebens und vernachlässigen dabei, dass es andere Bereiche und Möglichkeiten im Leben gibt. In der Konzentration auf den Weg vor uns, den Weg zum Erfolg, wie ihn die Gesellschaft definiert, verlernen wir, links und rechts dieses Weges nach Möglichkeiten der Entfaltung Ausschau zu halten.
Wir sind so konzentriert auf Erfolg in unserem Leben, dass wir nicht merken, wie wir uns selbst in Stress versetzen.“ (Vortragsbericht, Teil 2)

Na prima. Ist diese Geschichte wirklich so suggestiv wirksam, dass niemandem weiter auffällt, dass hier zwei unzulässige Übertragungen geschehen sind? Biologisch gesehen ist es falsch zu meinen, der Lachs habe jemals die Wahl gehabt zwischen der verhängnisvollen „Konzentration auf den Weg … ins zu enge Gewässer“ und einem Verzicht auf diesen Stress. Menschen haben dagegen durchaus die Möglichkeit, bewusst zwischen Wegen auswählen zu können, nur: können wir eine bestimmte menschliche Entscheidung wirklich gleichsetzen mit dem Verhalten von Lachsen? Einerseits wird bei der Unterstellung der Wahlmöglichkeit das Verhalten der Lachse vermenschlicht, andererseits wird das menschliche Dasein auf das von Lachsen herunter gebrochen. Wirklich überzeugend! Vielleicht muss man dieses Beispiel tatsächlich dreimal hören, ehe die kleine Unsicherheit in Verwunderung umschlägt und diese dann sogar in Verärgerung darüber, dass sich das Publikum so leicht verblüffen lässt…

Wenn man schon eine Erfahrung übertragen will aus diesem Beispiel, dann wäre das diese: Die Lachse nehmen im Süßwasserfluss keine Nahrung mehr auf und gelangen schließlich in eine Situation, wo sie entkräftet sind und keine Ressourcen zum Auftanken vorfinden (was sie natürlich auch stresst, wodurch sich die Beobachtungen über die vergrößerten Nebennieren erklären). Es wäre nun der größte moralisierende Blödsinn, den Lachsen sagen zu wollen, dass sie sich doch bitte schön nicht auf diesen Weg machen sollten. Den Lachsen bleibt, um sich als Art zu vermehren, wohl keine Wahl. Für mich als Mensch dagegen gilt: Ich muss ins Haifischbecken der Lohnarbeit, ins Feld der tödlichen Konkurrenzwirtschaft. Da nützen wohlgemeinte Apelle, ich solle Stress vermeiden, nur den Bessergestellten, die sich ein Leben außerhalb der prekären oder normalen Lohnarbeit oder auch des burnoutbedrohten Managertums leisten können. Das ist dann nur zynisch. Was völlig ausgeblendet wird, sind die Verhältnisse, die eben so sind, dass man seine Bedürfnisse nur innerhalb einer Wirtschaft befriedigt kriegt, in der Konkurrenz und Mangel strukturell eingebaut sind und von der herrschenden Politik durch Hartz IV oder die Zwänge der sog. „Globalisierung“ nur immer stärker bekräftigt werden.

Wir Menschen haben – im Unterschied zu den Lachsen – durchaus eine Wahl: Aber nicht jene zwischen „Stress vermeiden“ und der Orientierung auf Erfolg. Eine solche Wahl ist wahrlich ein Luxusproblem der Bessergestellten. Sie vergisst all jene, die keine andere Wahl haben, als sich den Zumutungen der Jobcenter oder prekärer Jobs zu unterwerfen. Die Wahl auch für diese Menschen besteht nur darin, solche Verhältnisse grundsätzlich abzulehnen und sich dafür einzusetzen, andere Verhältnisse zu schaffen, in denen nicht mehr nur eine privilegierte Gruppe von Menschen Wohlfühl-Seminare zur Stressverminderung genießen kann.

Resümé

Wie wohl deutlich zu bemerken ist, schwanke ich beim Nachsinnen über die Vorträge von Gerald Hüther zwischen Faszination und Bedenken. Ich habe nun mal die Eigenart, meistens einen Schritt weiter „um die Ecke zu denken“, als die Ideengeber, über die ich berichte. Leider bekommt die Begeisterung dabei eher einen Dämpfer, aber nur nach einer Ent-Täuschung kann es dann auch wieder einen Schritt weiter voran gehen.

Ich möchte auch nicht ganz ungerecht werden: Vor allem in dem früheren Vortrag „Brainwash“ hatte Gerald Hüther an einigen Stellen sehr deutlich darauf verwiesen, an welchen Stellen die Hirnforschung und Biologie thematisch überschritten wird. Er öffnete von der Hirnforschung her den Horizont in Richtung des Sozialen, indem er das Gehirn ausdrücklich als „soziales Produkt“ beschrieb.

Trotzdem besteht immer die Gefahr, die Sphäre des Gesellschaftlichen zu stark auf die biologische Begründung zu reduzieren, vor allem auch, wenn er über allgemeine Kultur- und Gesellschaftsthemen kraft seiner fachspezifischen Autorität (die in Bezug auf seine Auffassungen zu ADHS auch nicht unwidersprochen ist) spricht und wahrgenommen wird.

Im Allgemeinen wird recht deutlich, dass jeweils neuere Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Biologie zu einem Überdenken von bestimmten Paradigmen auch in Kultur- und Geisteswissenschaft oder sogar zu veränderten Verhaltensweisen im Alltag anregen. Allerdings ist auch zu fragen, ob die Beeinflussung nicht viel eher auch anders herum erfolgt: Eine andere, neue Art und Weise, z.B. in der Wirtschaft zu agieren, führt zur Öffnung des Horizonts in den Einzelwissenschaften. Beide Felder, Wirtschaft wie fachliche Einzelwissenschaft genießen in unserer Gesellschaft eine hohe Autorität. Die jeweils vorgefundene Praxis (heute z.B. eine kapitalistische Wirtschaft, die Arbeitskräfte mit „soft skills“ braucht) wird durch entsprechende Diskurse bestätigt und bestärkt. Die Frage ist, ob nicht beide auch gerade in ihrer gegenseitigen Stützung hinterfragt werden müssen, indem die Frage gestellt wird, ob die jeweils dargestellten Alternativen nicht der „Illusion der Alternativen“ (nach Watzlawick) folgen und dabei das „Ganz Andere“ umso wirkungsvoller auszublenden helfen.

Aber das sind schon wieder neue Themenfelder…