Heute gabs in Jena den Auftakt zur „neuen Kapital-Lesebewegung, die Die Linke.SDS als Kampagne für 31 Gruppen gestartet hat. Wenn man nach dem gut gefüllten Hörsaal geht, wird es in Jena mehrere Gruppen geben müssen.

Diesmal ging es darum, warum es sinnvoll ist, ausgerechnet jetzt Marx neu zu lesen. Natürlich lag die Verbindung zur aktuellen Finanzkrise nahe, von der Frieder Otto Wolf in seinem einführenden Beitrag dann auch ausging. Es geht darum zu verstehen, wieso solche für das Leben vieler Menschen katastrophalen Entwicklungen nicht nur von Dummheit und Gier verursacht sind, sondern in der grundlegenden Struktur der kapitalistischen Produktionsweise liegen. Solch ein Wissen in die aktuellen Debatten einzubringen ist wohl notwendig, um sich nicht mit kurzschlüssigen „Lösungen“ zufrieden zu geben, die weder personell noch strukturell die Grundwidersprüche des Kapitalismus beseitigen.

Durch eine Kapitallektüre kann man nach Frieder Otto Wolf auch genauer untersuchen, in welcher Weise es einen „Umschlag im Aneignungsgesetz“ der gesellschaftlichen Produktion gab, als es möglich wurde, allein aus dem Besitz von Geld Reichtum um mehr Geld zu schöpfen. John Locke geht davon aus, dass Arbeit zu Besitz führen kann. Aber seit einer gewissen Zeit, so erkennt schon Locke, kann man mit Geld die Arbeit anderer bezahlen und sich deren Arbeitprodukte aneignen („Eicheln, die mein Knecht für mich ausgegraben hat, sind meine.“)

Oliver Nachtwey verdeutlichte dann noch, welche Inhalte uns besonders beschäftigen können. Da geht es vor allem um die „zwei großen dynamischen Spaltungen“ im Kapitalismus:
1. den (vertikalen) Widerspruch zwischen denen, die die Produktionsmittel besitzen, und denen, die sie nicht besitzen. Dies bringt die Produktionsmittelbesitzer in einen strukturellen Vorteil, der zu Ausbeutung führt. Dies wird ergänzt durch:
2. die (horizontal wirkende) Konkurrenz zwischen den Produktionsmittelbesitzern führt dazu, dass auch jeder von ihnen die Ausbeutung durchführen und maximieren muss, um nicht wegkonkurriert zu werden.

Diese beiden sich gegenseitig verstärkenden Teilungen/Widersprüche bewirken einerseits die oft bewunderte Dynamik des Kapitalismus – sind aber gleichzeitig die strukturelle Grundlage dafür, dass der Kapitalismus mit aller Dynamik immer wieder entsetzliche Krisen hervorbringt und alle Maßnahmen und Lösungsformen nur neue Formen der Bewegung der Widersprüche aber nicht ihre Abschaffung erreichen können.

Gerade für die Frage der Rolle der Finanzmärkte empfahl Nachtwey, nicht beim ersten Band des „Kapital“ stehen zu bleiben, sondern den zweiten und dritten Band ebenfalls zu studieren.

Nun, derzeit ist die Planung der Kapital-Lesebewegung auf ein Semester bezogen, wir werden sehen, wie weit die Gruppen kommen. Es soll eine Auswertekonferenz und auch andere Formen der Kooperation und Zusammenarbeit der Gruppen geben – ihre Arbeit soll durch Tutoren unterstützt werden.

Je nach Interesse können sich ja um diese Lesekreise Diskussionsgruppen entwickeln – vieles von dem, was wir in der Zukunftswerkstatt Jena machen, ist ja eng verwandt mit diesen Themen.

Advertisements