Gestern abend war für mich Kapitalismuskritik pur angesagt. Zuerst war ich im Kino, im Film „Let´s make money von Erwin Wagenhofer.
Lets make money

Der Film stellt die einfache Frage: Was macht unser Geld auf der Bank? Woher kommen die Zinsen? Wir wissen alle, dass Geld nicht wirklich „arbeiten“ kann, sondern der Mehrwert von woanders her kommen muss. Dass das nicht mit (ge)rechten Dingen zugeht, kann man in dem Film hautnah miterleben. Beispiel reiht sich an Beispiel, fast ermüdend, zermürbend. Im Wechsel kommen erfolgreiche Manager dieser Geldvermehrung zu Wort und betroffene, ausgebeutete, ausgeraubte Menschen – nicht zufällig meist mit nichtweißer Hautfarbe und aus den Weltgegenden, die als extrem arm bekannt sind.

„Ich glaube nicht, dass ein Investor verantwortlich ist für die Ethik, für die Verschmutzung oder das, was eine Firma verursacht, in die er investiert. Das ist nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist zu investieren“ offenbart der Präsident einer Investmentgesellschaft.

Da passte es genau, dass danach an der Uni der Kapital-Lesekreis sich wieder traf.

Es geht darum, Marx neu zu entdecken.
Was da passierte, war jedoch extrem ernüchternd.

So faszinierend der Gedanke auch ist, „gemeinsames Lernen auf Augenhöhe“ zu praktizieren, so ist es doch gefährlich zu suggerieren, man könne Marx durch einfaches Lesen angemessen verstehen. Zwar bringen heute Studierende sicher mehr geistige Voraussetzungen mit als die einfachen Arbeiter, die vor Jahrzehnten nach ihren langen Schichten Marx studierten. Diese Voraussetzungen sind jedoch vorgeprägt durch Denkweisen, die methodisch weit von Marx entfernt sind und in quasi vorgebahnte Sackgassen führen.

Es wird gesagt (und auch im Einführungstext beschrieben), man könne Marx ohne alle Voraussetzungen verstehen und er würde die Begriffe auf den ersten Seiten einführen. Ist wirklich nicht mehr bekannt, dass sich die Marxschen Kategorien nur aus dem Gesamtkontext heraus begreifen lassen und auch die Entfaltung der Inhalte der Begriffe gerade erst im Text erfolgt (Was eine Ware ist, begreift man erst, wenn man sie als Produkt der kapitalbestimmten Produktionsweise begreift; die Anfangsaussagen vom Kapital kritisieren sich dadurch quasi selbst)? Dass die Anfangskategorien nur allereinfachste Annäherungen sind, die Marx im allgemeinen selbst negierend kritisiert?

Will niemand mehr auch nur ansatzweise wissen, dass Marx in der ersten Auflage des Kapitals noch angemessener seiner dialektischen Methode gemäß argumentierte und nur auf Bitten seiner Anhänger in der heute über die MEW 23 verbreitete Textversion ab 2. Auflage extrem viel vereinfachte?
Beim Lesen dieser 1. Version würde schreiend auffallen, dass das ohne eine Einführung in dialektisches Denken nicht einfach zu lesen ist. Aber nehmen wir mal hin, dass das Anfangsniveau vielleicht nicht so hoch gesteckt werden braucht. Dann behaupte ich, dass alle orthodoxen Marx-Einführungskurse des alten ML (Marxismus-Leninismus) tausendmal wertvoller waren als das versuchsweise Gestammele beim einfachen Lesen des Textes in der Gruppe, in der ich gestern war.

Der Moderator (geschulte LeiterInnen gibt es ja nicht, eigentlich ist ja alles „auf Augenhöhe“, trotzdem dominierte natürlich einer der Mitorganisatoren der Lesekurse) wollte herausgelesen haben, dass die zur Produktion gebrauchte Arbeitszeit einerseits von so etwas wie dem Geschick der Arbeitskräfte abhängt und andererseits von eher äußeren Faktoren „wie den Produktivkräften“. Hier ist die Kritik leicht, da sie sich aus dem Text in MEW 23, S. 54 selbst ergibt. Das Geschick der Arbeitskräfte gehört direkt zu den Produktivkräften, man kann das nicht so trennen. Es ist eins der orthodoxen Missverständnisse, das die Produktivkräfte nur in den äußeren Mitteln gesehen werden und eben nicht IM Menschen. Diese technizistische Lesart wird hier frisch und frei neu hervorgerufen, unbeleckt von allen historischen Erfahrungen.

Außerdem behauptete er, die Zurückführung auf eine gemeinsame Wertsubstanz, die Arbeit, sei von Marx normativ gemeint: Marx mache dies, um zu verlangen, dass alle Arbeiter gleich bezahlt werden. „Normativ gemeint“… wie kann so etwas in einen Marx-Lesekurs rutschen? Natürlich nur, wenn über die Methode von Marx überhaupt nicht nachgedacht wird, sondern etwas hineingebracht wird, was man aus dem hineininterpretiert, was man halt mal so kennt. Das ist, als würden wir Physik selbstorganisiert studieren und nicht wissen, dass das Pünktchen über einem Formelzeichen eine zeitliche Ableitung meint und dann einfach behaupten, das könnte vielleicht ein verrutschtes Multiplikationszeichen sein, das kenne man schließlich aus der Schule und was Neues soll es ja nicht mehr zu lernen geben (das wäre dann „Metaphysik“ oder ablenkendes „Philosophisches“). Also interpretiert man im Weiteren alle zeitlichen Ableitungen als Multiplikationen, kritisiert vielleicht sogar noch den Autor wegen Ungenauigkeiten und macht lustig weiter. Wohin soll das führen?

Beim Versuch der Klärung des Verhältnisses von Ware, Wert, Gebrauchswert und Tauschwert wurde mit Formeln operiert, die auf völliges Unverständnis schließen lassen. Dabei gibts grad dafür in der einfachsten Sekundärliteratur genügend Hilfestellungen. Das passiert halt, wenn jemand einfach mal einen Text liest und sich dann seinen naiven Reim drauf macht. Als Anfang wäre das ja ganz nett. Jede/r fängt mal irgendwo an.

Ich denke mal, auch jene, die wie Wolfgang Fritz Haug Wert darauf legen, ohne „Metaphysik“ an den Text heranzugehen oder auch Frieder Otto Wolf, der bei der Auftaktveranstaltung in Jena auf die Frage, ob nicht doch etwas Kenntnis der Methode der Dialektik vonnöten sei, antwortete, das sei nicht nötig, man könne einfach den Text von Marx aufnehmen, wie er da steht, haben völlig überschätzt, wie sehr ihnen selbst die Tradition des dialektischen Denkens in Fleisch und Blut übergegangen ist, so dass sie gar nicht mehr sehen, was für ein Blödsinn herauskommen kann, wenn man das nicht mal ansatzweise kennt. Hoffentlich erleben sie auch solche desaströsen Veranstaltungen wie ich. Das geschieht natürlich nur, falls sie sich tatsächlich extrem zurückhalten und nicht doch wegen ihrer Autorität die Debatte bestimmen können.
Ich persönlich wurde nach meinen vorsichtigen Interventionsversuchen mehrmals ermahnt, keine solchen ablenkenden philosophischen Einwürfe mehr zu machen. Meine Position wurde als unwichtige „persönliche Meinung“ abgetan. Soviel zu „auf Augenhöhe“. Der allerkleinste gemeinsame Nenner setzt sich durch, die Falschheiten haken sich unwidersprochen in die Köpfe und hinterlassen geistige Scherbenhaufen, die uns noch lange zu schaffen machen werden… Es entsteht nicht mal nur „Halb-Bildung“ wie bei Adorno kritisiert, sondern eine Falsch-Bildung, die dazu führen wird, mit dem allergrößten Selbstbewusstsein den größten Unsinn zu verkünden und den Marxismus endgültig der Lächerlichkeit preiszugeben.

P.S. Dies ist nicht unbedingt persönliche Kritik an dem jungen Mann, der versuchte, das Ganze in die Hand zu nehmen. Aber es ist eine Kritik an einer ziemlich verantwortungslosen Konzeption der organisatorischen straffen Hand, die inhaltlich alles aus dem Ruder laufen lässt.

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