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Ich muss zugeben, dass ich mich durch die erste Hälfte des Buches „Die Grenzen des Kapitalismus“ von Andreas Exner, Christian Lauk und Konstantin Kulterer ziemlich quälen musste. Die Fülle an gut recherchierten Daten aus Wirtschaft und Energiepolitik bestätigte nur meinen tiefen Verdacht, dass es nicht so weiter geht mit dieser Welt. Dies immer wieder und mit immer deutlicheren Daten nachzulesen, machte mich fast mutlos. Interessant wurde es dann im Mittelteil des Buchs. All die vorher aufgeführten Trends von versiegenden Ressourcen bei einseitig definierten Wachstumszielen, die letztlich nur der Geldvermehrung auf Kosten unserer Lebensgrundlagen dienen, haben eine Wurzel, die man zuerst gedanklich be-greifen kann, um sie dann irgendwann auch handgreiflich an-greifen zu können. Und hier gelingt den Autoren sprachlich eine gelungene Darstellung hochkomplexer politökonomischer Zusammenhänge, ohne plump vereinfachend zu werden. Die Themen werden durch bildhafte Erlebnisse auch sehr locker eingeleitet oder umrahmt. Da ich mit Andreas Exner eins dieser Erlebnisse teile, freute ich mich besonders über die Überleitung aus der praktischen Erfahrung hinüber in grundlegende Debatten. Dies wurde auch besonders anregend im letzten Teil des Buches, in dem es um die Überwindung der wirtschaftlichen Wachstumslogik geht. Berichte aus Argentinien verknüpfen sich dabei mit utopisch-visionärer Literatur. Am Schluss weiß ich persönlich zwar nicht allzuviel Neues, aber ich werde das Buch noch zu Weihnachten verschenken, denn es fasst viele wichtige Trends, Tendenzen und politisch orientierende Hinweise so gut geschrieben und informativ zusammen, dass ich dies andere Menschen gern wissen lassen möchte.

Aber zurück zu den traurigen Fakten: Schon vor 10 Jahren konnte ich der Botschaft von der „Nachhaltigen Entwicklung“ nicht so recht glauben und wir der „Zukunftswerkstatt Jena“ gehörten zu den wenigen, die nicht begeistert in diesen neuen (wirtschaftlichen bzw. bildungspolitischen) „Markt“ einstiegen, sondern unsere Skepsis äußerten, ob unter kapitalistischen Prämissen überhaupt eine ökologisch angemessene Lebensweise funktionieren kann. Die sozialen Probleme waren damals in der Bundesrepublik noch gar nicht so drängend; im Osten wurde mehrheitlich noch an ein erfolgreiches Aufholen auf dem Weg zum Wohlstand geglaubt. Aber schon damals war klar, dass das Ausweiten des herrschenden Typs von Wohlstand in Form von Autos, Flugreisen und individualistischem Hausbau an ökologische Grenzen stoßen wird und dass unter den herrschenden Machtverhältnissen eine Ökologisierung der Gesellschaft nur allzuleicht auf Kosten der sozial Schwachen durchgesetzt werden würde. Wenn die ökologischen bzw. sozialen Probleme auf Kosten des jeweils anderen gelöst werden, können beide nur verlieren (Schlemm 1995). Leider blieben die sozialen und ökologischen politischen Bewegungen im Denken und auch Tun all die Jahre über eher getrennt. Und die Allermeisten gaben sich zuerst einmal zufrieden mit dem damals erarbeiteten Konzept „Zukunftsfähiges Deutschland“ (BUND/Misereor 1996) und ähnlichen Reformideen. Die EXPO 2000 zeigte dann für jene, die sehen wollte, schon eine deutliche Tendenz. Sie propagierte die nachhaltige Fortsetzung des Kapitalismus mit neuen Mitteln: ökologische Symptombekämpfung auf Kosten menschlicher Selbstbestimmung und Emanzipation (vgl. Schlemm 2000a und 2000b).

Jetzt ist die Zeit reif, den skeptischen Unglauben an die Ökologisierbarkeit des Kapitalismus mit Fakten zu untermauern. Dies wird im Buch „Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern“ ausgiebig getan. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei dem Versuch geschenkt, eine Effizienzrevolution anzuzetteln. Im Vergleich zu den 90ern sind wir damit recht gut voran gekommen. Für neue elektrische Haushaltgeräte ist der Energieverbrauch fast so wichtig wie der Preis geworden – dafür brauchen Menschen in vielen Regionen der USA jetzt dringend einen elektrischen Wäschetrockner, weil das Wäscheaufhängen im Freien verboten wurde. Anstatt sinnlose Werbung einfach abzuschalten, beleuchtet man die Werbung bald nur noch mit Energiesparlampen. Was für ein Fortschritt! Es gab schon zeitig drastische Beschreibungen dieses Irrsinns:

„Wir waschen phosphatfrei – dafür etwas öfter, kühlen energiesparend und FCKW-frei –
daher mit Zweit-Kühlschrank und fahren mit Katalysator – dafür auch zum Briefkasten.“
(Aßländer 1996)

Die technisch mögliche und sogar realisierte Energieeffizienzsteigerung wird aufgefressen vom Wachstum des Verbrauchs an anderen Stellen, dies wird in dem Buch akribisch und umfassend nachgewiesen. Es wird zwar endlich etwas getan – aber viel zu wenig und mit zu wenig Konsequenz, sofern es die Profitinteressen berührt, und das tut es in dieser Wirtschaft ständig.
Gleichzeitig nehmen die bisher massenhaft verbrauchten Ressourcen auf allen Ebenen ab. Spätestens seit 1972 werden die „Grenzen des Wachstums“ diskutiert. Der immense Energie- und Materialverbrauch der kapitalistischen Wirtschaftsweise sollte schon in absehbarer Zeit an die Grenzen der Verfügbarkeit stoßen. Zwar gibt es von vielen wichtigen Stoffen noch mehr Ressourcen als bereits erschlossen sind; aber die Autoren des Buches weisen ziemlich genau nach, dass die Erschließung von eventuell noch vorhandenen Ressourcen (wie des Ölsands) selbst sehr energie- und arbeitsaufwendig ist. So ist nicht nur der „Peak-Oil“ so gut wie erreicht, sondern gleichzeitig versiegen auch wichtige Materialressourcen. Deren Abbau wird entsprechend der steigenden Nachfrage zwar voran getrieben, dabei wachsen jedoch auch die Preise.

Und wer jetzt denkt, dass wenigstens der Schwenk in Richtung Erneuerbarer Energien die Welt, unseren Wohlstand und unsere Lebensweise retten könnte, wird ebenfalls enttäuscht. Sie alle erfordern einen hohen Einsatz von Energie und Material, der bis auf absehbare Zeit nur auf der Grundlage einer ansonsten funktionieren Wachstumswirtschaft zur Verfügung gestellt werden kann. Außerdem würde der vollständige Ersatz des Energieverbrauchs, auch seiner angenommenen Wachstumsraten, dann tatsächlich vor allem an flächenmäßige Engpässe stoßen. Wer von einer drastischen Energieverbrauchssenkung nicht reden will, sollte von Erneuerbaren Energien schweigen! Natürlich betreibt der Kapitalismus mit ihnen lediglich „business as usual“ – ökoorientierte Gesellschaftskritikerinnen und –kritiker sollten aber nicht auch auf lediglich technizistische Versprechen hereinfallen.

Dies gilt für die Produktion der anderen Dinge, die wir zum Leben benötigen, ebenso. Was ein „Peak Industry“ für unsere Lebensweise bedeutet, muss nicht nur von den Machthabern dieser Welt gelernt werden. Hier haben auch die Linken, viele Alternative und Kapitalismusgegner, eine Lektion zu lernen. Wir mögen uns freuen, dass die Industriekapitäne nach dieser oder der nächsten Krise nicht mehr zurück können zum üblichen „Business as usual“. Aber wir können den Laden auch nicht einfach übernehmen. Die Alternativen zum Kapitalismus werden sich gerade dort als überlebensfähig erweisen müssen, wo das Lebensnotwendigste fehlt. Und dies nicht unter „best case“-Bedingungen sondern im „worst case“. Wenn wir die Geldberechnungen abschaffen, werden wir vernünftige Ökobilanzen einführen müssen. Wahrlich :„No revolution as usual“!

Literatur:

Weitere Texte zum Buch von Exner u.a.:

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