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In einer Mailinglist wurde die Frage gestellt,

„wie man in diesem system leben kann, wenn man dieses von grunde auf ablehnt und auch gegen jeglichen reformismus ist. wir alle müssen ja schließlich auch irgendwie über die runden kommen (arbeiten gehen, essen kaufen, miete zahlen etc.) und uns zu gewissem grad „anpassen“. gleichzeitig lehnen wir diese art zu leben jedoch ab und wollen eine andere, gerechte, freie gesellschaft.“

Das geht wohl vielen oft durch den Kopf und wir leben diesen Widerspruch Tag für Tag. Zufällig fand ich heute ältere Notizen von mir, die sich mit genau dieser Frage beschäftigen. Sie geben auch Literaturhinweise dazu.

Ab und zu liegen unsystematisch zusammen getragene Artikelkopien auf meinem Schreibtisch. Einiges habe ich selbst irgendwann mal kopiert und ich versuche, sie dann themenmäßig zu sammeln und zu verarbeiten. Manchmal aber flattern mir Texte auch unzusammenhängend auf den Tisch und es ergeben sich erstaunliche und zuerst unerwartete Verbindungen. So geschah es auch heute.

Zuerst wollte ich einen Artikel für die Vorbereitung einer Gesprächsgruppe am Montag durcharbeiten. Es handelt sich um den Text „Erziehung im Spannungsfeld zwischen Reproduktion und kultureller Produktion“ von Paul Willis aus dem Jahr 1990.

Angesichts der kaum in Frage gestellten Vormachtstellung des Kapitalismus steht für seine KritikerInnen immer wieder erneut die Frage, wie er überwunden werden kann und warum bisher so wenige Kräfte dagegen mobilisiert sind. Die Kritischen Theoretiker (Adorno, Horkheimer) mussten sich einst diese Frage angesichts des Faschismus stellen: Warum hatte die Arbeiterklasse nicht den Kapitalismus abgeschafft, sondern unterstützte seine unmenschlichste und brutalste Form? Sie erkannten, dass nicht nur die rein ökonomische Erpressung, dass ein Leben für Nichtkapitalbesitzer nur durch den Verkauf der Arbeitskraft möglich ist, die Menschen im Kapitalismus hält. Diese Verhältnisse halten sich nicht durch unmittelbaren Zwang oder Gewalt, sondern dadurch, dass der Kapitalismus auch in den Köpfen der Menschen steckt, in ihren Überzeugungen und Ideologien. Einerseits werden im Kapitalismus in den Menschen solche Vorstellungen erzeugt, die ihn stabilisieren und immer wieder konstituieren; andererseits sind es die Menschen selbst, –auch die durch ihn unterdrückten – , die ihn konstituieren, keine ihnen fremde Macht. Die Menschen agieren selbst – aber im Sinne des sie unterdrückenden Systems. Sie agieren innerhalb eines umfassenden „Verblendungszusammenhangs“.
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Ein Teufelskreis! Dass das „Bewusstsein der Arbeiterklasse“ diesen Teufelskreis durchbrechen könne, daran kann nach 1989 kaum noch jemand glauben. Aber auf was können wir sonst setzen, wo ist ein Ausweg?

In einem Vortrag über „Politische Psychologie“ vor ein paar Monaten in Stuttgart hatte ich eine ähnliche Abbildung zugrunde gelegt und verwies im Fortgang auf die Widersprüchlichkeit aller Handlungen im Kapitalismus. Der geistige Hintergrund dafür sind die Positionen der Kritischen Psychologie (Klaus Holzkamp):
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Die Frage der Widersprüchlichkeit war vor allem von Frigga Haug weiter untersucht und für die politische Arbeit fruchtbar gemacht worden (Haug 1999, 2001).

Der Lesetext für das Seminar am Montag steht nicht zufällig genau im Zusammenhang mit der eben genannten Fragestellung (F. Haug zitiert P. Willis auch häufig).
Paul Willis beschäftigt sich speziell mit der Rolle der Erziehung in der Klassengesellschaft. Es gibt hierzu zwei entgegengesetzte Positionen:

  1. Nach der „Korrespondenztheorie“ (Korrespondenz zwischen Ökonomie und Erziehung) soll Erziehung die Menschen unmittelbar und direkt für ihre Rolle zurichten.
  2. Die sozialdemokratische „Bildungsoffensive“ in Großbritannien nach dem zweiten Weltkrieg setzte auf die Hoffnung, durch Erziehung die Schranken ökonomischer Ungleichheit vielleicht sogar zu überwinden.

Paul Willis hatte schon in seinem Buch „Learning to labour“ (1977, dt.: „Spaß am Widerstand“) danach gefragt, „wie Erziehung konkret daran beteiligt ist, das Gegenteil der sozialdemokratischen Hoffnung hervorzurufen, nämlich Ungleichheit.“ (Willis 1990: 11) Er entwickelte dazu das Konzept der Kulturellen Produktion. Akteure sind bei der Erzeugung der Struktur ihrer Kultur nicht bloß passive Träger oder Übermittler von Strukturen und Ideologien, sondern sie leben innerhalb einer von Widersprüchen durchzogenen Produktionsweise, innerhalb derer die Bedeutung von kulturellen Formen nicht vorgegeben, sondern umkämpft ist. „Kulturelle Produktion ist der Prozeß des kollektiven, kreativen Gebrauchs von Diskursen, Bedeutungen, Materialien, Praxen und Gruppenprozessen, wodurch bestimmte Positionen, Verhältnisse und materielle Möglichkeiten erkundet, verstanden und kreativ besetzt werden.“ (ebd.: 14) Gerade die Vielfalt der Unterdrückungsformen, entlang Klasse, sozialem Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit bietet „Spielraum für das Handeln, für Veränderung und für die Erkundung von Widersprüchen und Spannungen zwischen verschiedenen Arten von Unterdrückung“ (ebd.: 26)

Die wesentlichen Strukturen des Kapitalismus sind nicht einfach gegeben und den Menschen von außen aufgezwungen, sondern „diese Strukturen werden vielmehr in Kämpfen erzeugt und in der kollektiven Identitätsbildung der Subjekte und der Arbeiterklasse“ (ebd.: 24).

Subjekte und Strukturen sind nicht einfach identisch – aber auch nicht einfach entgegengesetzt (als freie, wissende und zentrierte Subjekte und determinierende, äußerliche und objektive Strukturen), sondern es besteht ein dialektisches Verhältnis „zwischen Subjekten, die sich in Kämpfen und im Widerstand gegen die herrschenden Strukturen herausgebildet haben, und Strukturen, die in Kämpfen und im Widerstand gegen Herrschaft geformt und reproduziert worden sind.“ (ebd.: 25)

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Anpassung und Widerstand sind nicht trennscharf voneinander zu unterscheiden:

„Widerstand ist Teil des weiten Feldes einer allgemeinen menschlichen Praxis, wo Menschen geschaffen werden, indem sie kollektiv ihre Lebensbedingungen schaffen, wobei es immer etwas Unpassendes gibt, immer ausgefranste Ränder und immer die Unvorhersagbarkeit des Verhältnisses zwischen dem, was an diesen Aktivitäten die Verhältnisse reproduziert und befestigt, und dem, was daran unzufrieden ist, widerständig und herausfordernd. Hier ist der Spielraum für Veränderung, für Politik, für das Werden – und nicht für den Utopismus oder die Verzweiflung.“ (ebd.: 25-27)

Damit ordnet sich Willis in die neuere Tradition der „Cultural Studies“ ein. „In den Cultural Studies wird versucht, diese Bedeutungsgebung, diese Sinngebung darzustellen und zu analysieren, den Vorgang des Konstruierens und den des Konstruiertseins, der Produktion von Bewußtsein und Gefühl und die umfassenderen, einordnenden kulturellen Formen.“ (ebd.: 13)

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Es geht hierbei vor allem darum, dass die Formung der Menschen entgegen pessimistischerer Aussagen doch niemals eine Einbahnstraße darstellt, sondern es gibt immer eine „aktive und kreative Antwort der Menschen auf das, was sie geformt hat und was sie formt – eine Antwort, die niemals im voraus spezifizierbar ist.“ (ebd.)

Mit den Cultural Studies gelangen wir in die Sphäre der Postmoderne, die im Extremfall durch die Betonung der sozialen Konstruiertheit aller Bedeutungen den Boden der materiellen, der wirklich menschlichen Verhältnisse, auch der Machtverhältnisse, unter den Füßen verlieren kann (vgl. Behrens: 86f.).

Literatur:

  • Behrens, Roger (o.J.): Postmoderne. Edition: wissen 3000. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.
  • Haug, Frigga (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Erinnerungsarbeit. The Duke Lectures. Hamburg: Argument-Verlag.
  • Haug, Frigga (2001): Erinnerungsarbeit. Hamburg: Argument-Verlag. (Erstausgabe 1990)
  • Holzkamp, Klaus (1983,1985): Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/Main, New York
  • Willis, Paul (1990): Erziehung im Spannungsfeld zwischen Reproduktion und kultureller Produktion. Das Argument 179/1990, S. 9-28.

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