Dieser kleine Text ist ein Ausschnitt aus meinem Vortrag für den Workshop „Jenseits des Kapitalismus“ der Ernst-Bloch-Assoziation am 4. und 5. März 2009 in Berlin. Die hier angegebenen Gedanken stammen unter anderen auch aus unseren aktuellen Kapital-Studien.

Wie ich schon öfter ausgeführt habe (z.B. Schlemm 2008: 185 f.), ist bei Hegel mit „Entwicklung“ nicht ein zeitlich-historischer Fortgang gemeint, sondern die Bewegung des Begriffs (HW 8: 308).

Abb. 1: Einheit oder Unterschied von logischer und historischer Entwicklung

Abb. 1: Einheit oder Unterschied von logischer und historischer Entwicklung

Es ist das „Werden eines Gegenstandes zu dem, was er eigentlich ist“ (Erdmann 1864: 9).
Dies ist an einigen Stellen durchaus auch historisch zu verstehen. So setzt Hegel für die Geschichte der Philosophie voraus:

Abb. 2: Die Geschichte der Philosophie (Quelle: http://www.bildungsplakate.de/)

Abb. 2: Die Geschichte der Philosophie (Quelle: http://www.bildungsplakate.de/)

„Das Verhältnis aber der früheren zu den späteren philosophischen Systemen ist im allgemeinen dasselbe wie das Verhältnis der früheren zu den späteren Stufen der logischen Idee, und zwar von der Art, daß die früheren die späteren als aufgehoben in sich enthalten“ (HW 8: 184). Er verwendet auch das Beispiel von der Entwicklung eines Keims zur Pflanze (HW 18 40). Auch in der menschlichen Individualentwicklung wird aus dem Säugling, der die Vernunft erst als Möglichkeit in sich hat ein wirklich vernünftiger Mensch (ebd.: 39 f.). Da mit der Vernünftigkeit, die bei Hegel identisch ist mit der Freiheit, bereits das Höchste dem Menschen Erreichbare gegeben ist, ist das Entwicklungsziel durchaus vorgegeben. „Dies Beisichsein des Geistes, dies Zusichselbstkommen desselben kann als sein höchstes, absolutes Ziel ausgesprochen werden“ (ebd.: 41 f.).

Ebenso gilt für die Weltgeschichte, dass sie dem, was sie an sich ist, immer näher kommt. Das bedeutet, dass sie nicht nur eine richtungslose Aufeinanderfolge verschiedener Kulturen hervorbringt, sondern dass sich tendenziell das „Bewusstsein der Freiheit“ bis zur höchsten Blüte entfaltet.

Abb. 3: Das System der sich entwickelnden Weltgeschichte (nach Hegel, Quelle: http://www.bildungsplakate.de/)

Abb. 3: Das System der sich entwickelnden Weltgeschichte (nach Hegel, Quelle: http://www.bildungsplakate.de/)

Es macht in diesem Kontext nicht viel Sinn, in einer Abweichung vom Erreichen des Höchstmöglichen Freiheitlichkeit sehen zu wollen. „Die Freiheit kann auch abstrakte Freiheit ohne Notwendigkeit sein; diese falsche Freiheit ist die Willkür, und sie ist eben damit das Gegenteil ihrer selber, die bewußtlose Gebundenheit, leere Meinung von Freiheit – bloß formelle Freiheit“ (ebd.: 45).

Es gibt also durchaus eine Implikation von der Notwendigkeit zur Entwicklung: Wenn die Entwicklung angemessen begriffen werden will, ist der Erkenntnisweg notwendig vorgegeben durch das, was begriffen werden soll. Dessen Wesenskern, der innere Entwicklungswiderspruch, sein Begriff ist das vorgegebene Ziel – Beliebigkeit, Willkür und Abweichen oder auch ein „Möglichkeitsfeld“ macht hier keinen Sinn. Anders herum gilt diese Implikation jedoch nicht. Entwicklung im Sinne der Genesis ist nicht notwendig, da „der Widerspruch, welcher die zeitliche Genesis eines Gegenstandes vermittelt, ein zufälliger wenigstens seyn kann“ (Erdmann 1864: 9).

Es gibt also durchaus eine Implikation von der Notwendigkeit zur Entwicklung: Wenn die Entwicklung angemessen begriffen werden will, ist der Erkenntnisweg notwendig vorgegeben durch das, was begriffen werden soll. Dessen Wesenskern, der innere Entwicklungswiderspruch, sein Begriff ist das vorgegebene Ziel – Beliebigkeit, Willkür und Abweichen oder auch ein „Möglichkeitsfeld“ macht hier keinen Sinn. Anders herum gilt diese Implikation jedoch nicht. Entwicklung im Sinne der Genesis ist nicht notwendig, da „der Widerspruch, welcher die zeitliche Genesis eines Gegenstandes vermittelt, ein zufälliger wenigstens seyn kann“ (Erdmann 1864: 9).

Hier wird nun Karl Marx konkreter. Wenn gesellschaftliche Verhältnisse entstehen, so geschieht das auf historischen Voraussetzungen (Marx 1858: 372). Diese wirken als historisch zufällige Bedingungen und Ereignisse, die sich noch nicht aus der Selbstreproduktion des Systems erklären lassen. Zu den historischen Voraussetzungen des Kapitalismus gehört „das Vorhandensein des lebendigen Arbeitsvermögens als bloß subjektiver Existenz, getrennt von den Momenten seiner objektiven Wirklichkeit“ (ebd.: 376). Diese historischen Bedingungen „verschwinden mit dem wirklichen Kapital“ (ebd.: 372) und „sobald das Kapital als solches geworden ist, , schafft es seine eignen Voraussetzungen, nämlich den Besitz der realen Bedingungen für Schöpfung von Neuwerten ohne Austausch – durch seinen eigenen Produktionsprozeß. Diese Voraussetzungen, die ursprünglich als Bedingungen seines Werdens erschienen – und daher noch nicht von seiner Aktion als Kapital entspringen konnten – erscheinen jetzt als Resultate seiner eigenen Verwirklichung, Wirklichkeit, als gesetzt von ihm – nicht als Bedingungen seines Entstehens, sondern als Resultate seines Daseins. Es geht nicht mehr von Voraussetzungen aus, um zu werden, sondern ist selbst vorausgesetzt und, von sich ausgehend, schafft die Voraussetzungen seiner Erhaltung und Wachstums selbst.“ (ebd.) Dieser Situation entspricht die Darstellung von Verhältnissen als Begriff, der aus inneren Widersprüchen heraus selbst zur weiteren begrifflich-„logischen“ Entwicklung kommt.

Um die Eigenlogik der einmal etablierten gesellschaftlichen Verhältnisse zu begreifen, bei der diese sich ihre eigenen Bedingungen selbst erzeugen, ist die Hegelsche Logik sehr gut geeignet. Die Struktur des „Kapitals“ von Marx entspricht nicht zufällig der Aufeinanderfolge der logischen Kategorien bei Hegel (vgl. Vazjulin 1984), wobei

  • im ersten Band vom Sein des bestimmten Gegenstands, ohne dass sein Wesen bereits klar wäre, ausgegangen wird (wir erinnern uns, dass die Ware bestimmt ist „zunächst als äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgend einer Art befriedigt.“ (Marx 1890: 49). Es erfolgt das Vordringen zum Wesen über das Erfassen der Produktion des Kapital, wobei hier noch von der Zirkulation und anderen Faktoren abstrahiert wird
  • Im zweiten Band erfolgt die Analyse der Zirkulation des Kapitals, die sich als Moment der Bewegung des Kapital zeigt, aber noch nicht als Einheit von Erscheinung und Wesen.
  • – Diese Einheit, die wirkliche Bewegung des Kapital wird erst im dritten Band des „Kapital“ entwickelt.
Abb. 4: Die Struktur der Hegelschen Logik und des Marxschen „Kapital“

Abb. 4: Die Struktur der Hegelschen Logik und des Marxschen „Kapital“

Die Kenntnis der inneren Struktur besonders der Hegelschen Wesenslogik gibt interessante Hinweise auf Bedeutungsgehalte der Marxschen Begriffe und seine Argumentationsstruktur, die bei einem Verzicht darauf, wie in den aktuellen und offiziellen Kapitalleesekursen, verloren gehen.

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