earth
Bei den Castor-Protesten 2008 traf ich wieder einmal Hermann mit seinem Verlagsstand und wir unterhielten uns über das neue Buch von James Lovelock, in dem der Erfinder der der Gaia-Hypothese sich aus Klimaschutz-Gründen für Kernenergie einsetzt. Verrückt! Aber leider nicht selten.

Aus diesem Gespräch entstand ein kleiner Text von mir, der inzwischen gedruckt wurde und den ich hier vorstellen möchte.


Wie schön war es, auf einer Erde zu leben, die sich dem auf ihr wachsenden Leben huldvoll zuneigte. Diese Erde, James Lovelock (1993) nannte sie Gaia, wandelte sich während der Evolution des Lebens mit ihren unbelebten Komponenten, den geologischen und atmosphärischen Anteilen: „Leben paßt sich nicht nur der Erde an, sondern formt die Erde so, daß sie für das Leben eine Heimat sein kann.“ Lovelock entwickelte für die Frage, auf welchen Planeten Lebewesen zu Hause sind, ein interessantes Kriterium: Planeten, die von Lebewesen bewohnt werden, unterscheiden sich deutlich von anderen Planeten. Sie haben eine Atmosphäre, die sich signifikant von Atmosphären nichtbelebter Planeten unterscheidet. Tatsächlich ist die Atmosphäre der Erde nicht im chemischen Gleichgewicht, da sie biotischen Prozessen unterliegt – während die Atmosphäre auf dem Mars im chemischen Gleichgewicht ist. Dass diese Metapher vom Planeten Erde als „Gaia“ von New-Age-EsoterikerInnen wörtlich genommen wurde, war Lovelock nie recht. Dass wir aber nicht außerhalb der uns umgebenden Natur leben und schaffen, sondern uns in ihr heimatlich fühlen können, durfte uns erfreuen.

Dass wir unser Konto an Wohlwollen bei dieser Erde inzwischen längst überzogen haben, ist nichts Neues. Öko-Warner gibt es seit mehr als 30 Jahren. Auch die sich lange streitende Wissenschaft hat mit dem 4. Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC 2007) endlich begriffen, dass es nicht mehr zu leugnen ist: Das Klima wandelt sich. Über die Ursache ist man sich auch ziemlich einig: “Der größte Teil des beobachteten Anstiegs der mittleren globalen Temperatur seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist sehr wahrscheinlich durch den beobachteten Anstieg der anthropogenen Treibhausgaskonzentrationen verursacht“. Wir von der „Zukunftswerkstatt Jena“ (http://www.zw-jena.de) haben diese Fakten und Positionen in öffentlichen Vorträgen vorgestellt. Aber vielleicht trifft auch auf uns die Einschätzung ein, die James Lovelock gegenüber solchen Prognosen äußert: „Aber irgendwie schien unser Wissen theoretisch und akademisch: Es schloss nicht ein, dass sich etwas Tödliches abzeichnet.“ (Lovelock 2008: 215)

Die Konferenz in Rio de Janeiro stellte 1992 noch das Ziel auf, die Temperatur pro Jahrzehnt um nicht mehr als 0,1 K pro Jahrzehnt zu steigern, d.h. insgesamt einen Anstieg von 1 K nicht zu überschreiten, um „eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems“ zu verhindern. Erreicht haben wir seit Beginn der Industrialisierung eine Gesamtsteigerung von schon + 0,7 % , der aktuelle Temperaturanstieg beträgt 0,2 K pro Jahrzehnt (Garnreiter u.a. 2008: 10, 18). Angepasst an diese schlimme Realität wurde das Ziel herabgesetzt. Nicht mehr um nur 1K soll die Temperatur steigen, sondern 2K wird als Ziel angegeben. Mit ziemlicher Gewissheit wird dann ein Viertel aller Pflanzen- und Tierarten ausgerottet werden. Was das für ökologische Systeme und Nahrungsketten bedeutet, wagt man sich kaum auszumalen. Und viel Aussicht auf einen Erfolg besteht schon gar nicht mehr: „Von den 2 Grad Celsius Erwärmung, die bis 2100 gegenüber dem vorindustriellen Stand allenfalls stattfinden dürfen, sind bereits mehr als ein Drittel verbraucht“ (Garnreiter u.a., 2008: 5). Sogar wenn wir ab sofort kein CO2-mehr ausstoßen, wird die Temperatur um ca. 2,5 K steigen! (ebd.: 11).

Die Probleme sind längst aus dem Ruder gelaufen, sogar die warnenden Prognosen sind von der Realität überholt, wie die untenstehende Abbildung für den Anstieg des Meeresspiegels zeigt.
klima1

Einer der Autoren der berühmten Schrift „Grenzen des Wachstums“, Dennis Meadows, sagt heute:

Die Kritiker unserer Analysen sagten in den 1970er Jahren: „Macht Euch keine Sorgen; es gibt keine Grenzen des Wachstums.“
In den 1980er Jahren sagten sie: „Vielleicht gibt es Grenzen, aber sie liegen in ferner Zukunft.“
In den 1990er Jahren hieß es dann: „Die Grenzen des Wachstums sind möglicherweise doch in absehbarer Zukunft erreicht. Aber keine Sorge – die Technologie und die Marktkräfte werden die Lösungen bringen.“
Und jetzt wird bald gesagt werden: „Macht Euch keine Sorgen, es ist ohnehin schon zu spät.“

In seinem neuen Buch „Gaias Rache. Warum die Erde sich wehrt“ (2008) zeigt James Lovelock mit äußerster Härte, in welch tödliche Gefahr sich unsere Lebens- und Wirtschaftsweise jetzt gebracht hat. Gaia kann unsere zerstörerischen Ein- und Angriffe nicht mehr tolerieren und abfangen. Ökosysteme kippen, Lebensräume werden zerstört, Menschen sterben bereits zu Tausenden und es werden mehr werden. Diese Dynamik wird auch die Zentren der Macht und der Industrie und des Wohlstands erreichen. Natürlich hat die dramatische Situation inzwischen auch die Politik und Massenmedien erreicht. Es ist „in“, von Nachhaltigkeit zu reden und sich für Erneuerbare Energien einzusetzen. Dies wäre vor 20 Jahren vielleicht noch progressiv gewesen – heute jedoch dient es schon wieder fast nur dazu, die Augen vor der Realität zu verkleistern. Ein Pflaster auf die Befürchtungen, eine Beruhigungspille gegen Hysterie – bloß um nicht die eigene Lebensweise tatsächlich in Frage stellen zu müssen!

Klimaschutz-Konferenz
Aus der Schlussrede im großen Bankrott-Saal: „Wir brauchen mehr Offenheit. Es geht nicht mehr darum, die Ursachen zu bekämpfen, sondern darum, an den Symptomen zu verdienen.“ (L. Hilbrich, Eulenspiegel)

Wie verzweifelt James Lovelock zu sein scheint, zeigt sich auch daran, dass er dem Märchen glaubt, mit Kernkraft wäre wenigstens mittelfristig etwas Gutes zu bewirken. Wenn er schreibt: „Atomkraft ist immissionsfrei und nicht von Importen aus einer in Unordnung geratenen Welt abhängig“ (2008: 219), so lässt ihn sein sonst so fulminantes Faktenwissen völlig im Stich. Wie kann er sich aufregen über einen Windradpark in seiner ländlichen Wohngegend (215 f.) und gleichzeitig wollen, dass Mutter Gaia hunderttausende von Jahren lang strahlende Gifte in den Schoß gelegt werden? Von den mensch- und umweltverseuchenden Uranabbaupraktiken mal ganz abgesehen? Lovelock zeigt sich leider auch bei anderen Themen als wenig sachlicher, ressentimentbeladener „Ursprünglichkeits“-Fanatiker. Er glaubt die Zahlen, die ihm ins Weltbild passen – so geht er davon aus, dass durch Tschernobyl nur 75 Menschen starben, Kernkraft die sicherste Energieerzeugungsmethode ist und Granit genug Uran enthält, um eine Kernindustrie noch lange am Leben zu erhalten. Radioaktivität betrachtet er als „perfekten Schutz vor gierigen „Landerschließern““ (133)!

Natürlich sieht er die Selbstregulierungskräfte von Gaia auch durch industrielle Landwirtschaft bedroht – hier greift er aber nur in zweiter Linie die Agrarindustrie selbst an, sondern er kommt immer wieder auf die seiner Meinung nach zu hohe Anzahl an Menschen auf der Erde zu sprechen: „Die Wurzel unserer Umweltprobleme ist das ungezügelte Bevölkerungswachstum“ (201).. Er appelliert beispielsweise an die Grünen, „zu erkennen, dass sie zuerst und vor allem der lebendigen Erde verpflichtet sind. Die Menschheit kommt erst an zweiter Stelle.“ (175). Eine solche Sicht ist inhuman und sie ist eine logische Folge aus der Tatsache, dass Lovelock die Menschheit und ihre Bedürfnisse undifferenziert als Verursacher der Vernutzung von Land und Ressourcen sieht. Er sieht überhaupt nicht, bzw. leugnet es, dass es auch innerhalb der Menschheit gegensätzliche Verhaltensweisen gibt, bei denen eine, nämlich die, die sich aus Konkurrenzgründen gezwungen sieht, Profit machen zu müssen die Lebensgrundlagen der anderen aufbraucht und bedroht. Die Selbstregulierungskräfte von Gaia sind das Schlachtfeld dieses Kampfes, deren Verletzungen tatsächlich allen gefährlich werden. Aber der Gegensatz zwischen Menschheit und Gaia darf den dieser gefährlichen Dynamik zugrunde liegenden Gegensatz zwischen unterschiedlichen Menschengruppen und ihrer Lebenspraxis nicht verschleiern, sonst entsteht eine gegenmenschliche Ursprünglichkeitsverehrung. Es sind gesellschaftliche Widersprüche, die sich auch im Naturverhältnis zeigen und die sich auch darin zeigen, dass die Folgen des Klimawandels gerade jene treffen, die mit seinen Ursachen nichts zu schaffen haben.

„Etwa 2,6 Mrd. Menschen – der ärmste Teil der Weltbevölkerung – werden auf Folgen von Klimaänderungen reagieren müssen, über die sie keine Kontrolle haben und die durch politische Entscheidungen in Ländern verursacht wurden, in denen sie über kein Mitspracherecht verfügen.“ (UNDP 2007)

Das emphatische „wir“, das auch ich in den ersten Abschnitten dieses Textes verwendet habe, zerspringt hier. Wer sind „wir“? Zu uns Menschen gehören jene, die nicht vom Wohlstand der letzten Jahrzehnte profitieren konnten, obwohl sie ihn zum größten Teil erarbeitet haben und die jetzt zuerst unter seinen ökologischen Folgen zu leiden haben. Es sind auch jene, die sich als aktive Funktionäre der Kapitalakkumulation betätigen und es sind jene, die einfach nur mitmachen und ihr bisschen Erspartes auch noch auf die Bank bringen und sich nicht fragen, woher die Zinsen kommen. Unsere inneren Gegensätze brodeln nun schon seit fast zwei Jahrhunderten, unaufgelöst und das Wachstum der Ressourcenvernutzung sogar noch antreibend. Die soziale Verelendung eines großen Teils der Menschheit scheint das Fundament der Kapitalwirtschaft nicht aufbrechen zu können. Hilft dabei jetzt die Erschöpfung und aktive Gegenwehr von Gaia, aus der nach Lovelock eine rächende Nemesis werden kann?
Diese Fragen berühren Lovelock nicht. Er schildert großtechnische Projekte zur Linderung des Klimawandels, schlägt vor, Lebensmittel möglichst auf synthetischer Grundlage zu erzeugen und berichtet über neue Ansätze des Städtebaus und des Verkehrs. Sein gesellschaftlicher Horizont reicht dabei nicht sehr weit: „Welche Form die zukünftige Gesellschaft auch haben wird, es wird eine Stammesgesellschaft sein, und es wird Privilegierte und Arme geben.“ (192) Um das „unbezügelte Bevölkerungswachstum“ zu verhindern, braucht es Geburtenregelungen und eine „Regulierung der Sterberate“, wobei „Menschen freiwillig einen anständigen Tod“ wählen sollten (202).

Nicht umsonst treffen solche ökologischen Weltsichten bei vielen Links-Alternativen eher auf Kritik oder Ignoranz. Wir denken über „konkrete Utopien“ und „Keimformen“ nachkapitalistischer Wirtschafts- und Lebensweisen nach und wir tun das meistens, indem wir weiterhin aus den Vollen schöpfen und verdrängen, dass wir eine Chance für die Verwirklichung dieser Konzepte wohl erst haben werden, wenn der Kapitalismus noch drastischer an die ökologischen Grenzen seiner weiteren Dynamik stoßen wird, als wir es bisher erleben. Wir entwickeln weiter „Schön-Wetter-Utopien“, vergessen aber solche Mahnungen, wie sie auch schon im Sozialismus vor 30 Jahren geäußert wurden:

„Mir scheint dabei die Endlichkeit der uns tatsächlich nur zur Verfügung stehenden Rohstoffe und der Umwelt heute noch nicht genügend beachtet. Diese naturgegebene Begrenztheit, die auch bei Wiederverwendung der Abfälle – schon von Marx drastisch als „Reduktion und maximale Vernutzung der Produktions-Exkremente“ gefordert – nicht vermieden werden kann, schließt eine unbegrenzte Steigerung der Produktion und des Konsums entsprechender Waren aus – oder nachfolgende Generationen würden mit Recht unseren „Nach uns die Sintflut“-Standpunkt verwünschen.“ (Steenbeck 1980: 438)

Steenbeck und die reale Praxis der wirtschaftlichen Orientierung in den einst sozialistischen Staaten zeigen, dass hier nicht wirklich ein neues gesellschaftliches Naturverhältnis entwickelt war. Deshalb muss die Auswegsuche diesmal einen weiteren Horizont haben. Wir können nicht die Ausbeutung von Menschen kompensieren mit mehr einseitigem energie- und ressourcenfressendem materiellem Wohlstand, sondern wir müssen eine völlig neuartige Lebens- und Wirtschaftsweise entwickeln, die auch die Natur weder als unerschöpfliches Reservoir, noch als Abfallgrube, aber auch nicht als statischen Schutzraum ansieht, sondern sich mit ihren Selbstorganisationskräften verbindet, eine „Allianz“ mit ihr eingeht (Bloch 1985: 817).

„Natur ist kein Vorbei, sondern der noch gar nicht geräumte Bauplatz,
das noch gar nicht adäquat vorhandene Bauzeug für das
noch gar nicht adäquat vorhandene menschliche Haus.“
(Bloch 1985: 807)

Literatur:

  • Bloch, Ernst (1985): Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt/Main.
  • Garnreiter, Franz; Schmid, Fred; Schuhler, Conrad, Selinger, Helmut (2008): Klima-Killer Konzerne. Wie Konzerne und Marktwirtschaft das Klima kaputt machen. isw-report Nr. 73, April 2008.
  • IPCC (2007): Vierter Sachstandsbericht des IPCC. Internet http://de.wikipedia.org/wiki/Vierter_Sachstandsbericht_des_IPCC. (abgerufen 28.11.2008)
  • Lovelock, James (1993): Das Gaia-Prinzip. Die Biosphäre unseres Planeten. Frankfurt am Main, Leipzig 1993.
  • Lovelock, James (2008): Gaias Rache. Warum die Erde sich wehrt. Berlin: Ullstein.
  • Rahmstorf et al (2007): „Recent Climate Observations Compared to Projections“, Science 4 May 2007: Vol. 316. no. 5825.
  • Steenbeck, Max (1980): Impulse und Wirkungen. Schritte auf meinem Lebensweg. Berlin: Verlag der Nation.
  • Diesen Text gibts gedruckt, zusammen mit einem Text von Jeff Goodell zum selben Thema, entweder bei mir oder beim Packpapier-Verlag.

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