In der aktuellen Zeitschrift DAS ARGUMENT (279/2008) geht es um die „Krise des Kapitalismus. Kritik gesellschaftlicher Naturverhältnisse“. Obwohl diese beiden Schwerpunkte nacheinander in verschiedenen Beiträgen abgehandelt werden, ergibt sich fast automatisch eine Lesart, die die tatsächliche Verschränkung der Finanz-, bzw. sozialen Krisenhaftigkeit mit der ökologischen, die sich heute vorwiegend im Klimawandel zeigt, zusammen bringt.

In diesem Kontext ging es auch um ein Thema, das nach unserer letzten „Kapital“-Lesestunde auf dem „Parkplatz“ landete, nämlich um die Frage der Spezifik des Menschlichen.

Rolf Czeskleba-Dumont und Karl Hermann Tjaden formulieren in ihrem Beitrag Marx, Mensch und die übrige Natur:

Marx „beansprucht daher […] eine Sonderstellung für die sog. menschliche Gattung gegenüber ihrer Mitwelt, hiermit ein fragwürdiges abendländisches Erbe pflegend.“ (S. 842)

Es ist durchaus gängig, das einseitig ausbeutende Verhältnis, das die Menschen in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen praktizieren nun durch das scheinbare Gegenteil, die Unterordnung des Menschen unter die nicht- und außermenschliche Natur begegnen zu wollen. Dazu gehört dann auch die Leugnung einer Besonderheit des Menschlichen innerhalb der Natur. Es wird so getan als gäbe es bloß die Alternativen „Der Mensch steht – außerhalb – ÜBER der Natur“ und „Der Mensch ist auch NUR Natur“. Dem „fragwürdigen abendländischen Erbe“ wird die erste Sichtweise zugesprochen, als Lösung erscheint das absolute Gegenteil. Dazu bemerkt Wolfgang Fritz Haug in seinen „Sechs Einsprüchen, ökologische Marx-Kritik betreffend“ (ebd., S. 848-849):

„Ohne die „Sonderstellung für die sog. menschliche Gattung gegenüber ihrer Mitlebewelt“ verlöre der Aufsatz der Autoren seinen Sinn. „Sonderstellung“ scheinen sie nicht analytisch, sondern wertend zu verstehen. Das in der Bibel als göttlicher Auftrag mystifizierte Bestreben, sich die Welt „untertan“ zu machen, hinter welches sich im Kapitalismus das Profitprinzip geklemmt hat, ist es doch gerade, was „die sog. menschliche Gattung gegenüber ihrer Mitlebewelt“ und für sich selbst zu einer Gefahr gemacht hat, angesichts derer die Autoren mit Recht zu einer radikalen Wende aufrufen.
Das Besondere dieser „sog. Gattung“ besteht also zum einen darin, dass sie für ungezählte andere Gattungen und zugleich für sich selbst zur allgemeinen Gefahr geworden ist, zum andern in ihrer Fähigkeit, sich dieser Gefahr inne zu werden und ihr Handeln in Frage zu stellen und zu ändern. Besagte „Besonderheit“ hat u.a. Bloch zu dem spekulativen Gedanken geführt, die „Natur“ werde sich in der menschlichen Reflexion ihrer selbst bewusst.“ (S. 849)

Es geht also nicht um ein Entweder-Oder, sondern menschliche Gesellschaften sind Teil der Natur, sie sind nicht „un-natürlich“ – aber sie sind innerhalb dieser Natur, (wie übrigens jede Gattung) etwas Besonderes. Ihre Besonderheit besteht in der

  1. Besonderheit ihrer Reproduktion, die durch gesellschaftliche Arbeit geschieht wie bei keiner anderen natürlichen Art,
  2. damit verbunden mit einer spezifischen Reflexionsfähigkeit (die sich nicht im „Erkennen des eigenen Spiegelbilds“ erschöpft, wie manche meinen, sondern dem möglichen Begreifen und bewussten Gestaltung der eigenen gesellschaftlichen Praxis) und
  3. damit – jeweils individuell – erbunden mit der Möglichkeit, auf Grundlage von Erkenntnissen und der Reflexion der eigenen Bedürftigkeit zwischen verschiedenen Handlungsoptionen bewusst wählen zu können (oder auch die Wahl zu treffen, auf die Wahl bzw. die Erkenntnis zu verzichten).

Mehr zum letzten Punkt gibts u.a. unter:

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