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Ich habe in der letzten Zeit öfter wahlpolitisch argumentiert, was einige Menschen wundert (z.B. aus dem Umfeld der Wahlboykott-Kampagne). Aber es gibt doch Bereiche, in denen Wahlen hier und heute tatsächlich etwas verändern (entgegen dem Spruch: „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten“).

Worum es hier geht, ist Folgendes:

Viele umwelt- und klimapolitisch interessierte Menschen freuen sich berechtigt, wenn mehr und mehr erneuerbare Energien (Sonne, Wind, Wasser, Geothermie, Biomasse) zur Energieerzeugung genutzt werden. Die Entwicklung in den letzten zehn Jahren übertrumpfte alle früheren Prognosen, die da sehr zurückhaltend waren.

Diese Entwicklung vermittelt aber auch den Eindruck, wir könnten uns jetzt zurücklehnen und abwarten, wie wieder einmal das Rettende mit der Krisis sich entwickelt (nach dem Hölderlinspruch: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“).

Abgesehen von politökonomischen und politischen Argumenten zeigt sich auch in technisch-strukturellen Fragen eine ganz grundlegende Problematik. Es geht nicht einfach nur um die Energieversorgung der Menschen auf diesem Planeten – sondern es geht um Macht und um Profit.

Bei den erneuerbaren Energien zeigt sich das z.B. sehr gut in der Euphorie um das DESERTEC-Wüstenstromprojekt. Kritisiert wurde dieses Projekt auch von Hermann Scheer, dem nun sicher keine Feindschaft zu erneuerbaren Energien unterstellt werden kann. Eins seiner Gegenargumente ist:

Übersehen wird auch, dass mit der Dezentralisierung der Stromerzeugung überall regionale Wertschöpfung stattfindet statt nur in der Hand weniger Stromkonzerne, die unbedingt ihr Anbietermonopol erhalten wollen.

In der Beziehung der verschiedenen Energiequellen versteckt sich ein weiteres Problem: Es sieht manchmal so aus, als könne man den Anteil der Erneuerbaren
so nach und nach erhöhen und dementsprechend den Anteil der fossilen Energien so nach und nach reduzieren. Dies übersieht jedoch eine strukturelle Bruchlinie: Der Übergang zu einer maßgeblichen Menge an erneuerbaren Energien benötigt andere Übertragungsnetzstrukturen und ein anderes Lastmanagement des Stroms. Die dafür benötigten Strukturen sind grundsätzlich anders aufgebaut als die vorherrschenden, auf zentralistischen Verteilungsprinzipien aufgebauten.

Da einerseits die Netze, andererseits auch der Kraftwerkspark sowieso gerade erneuerungsbedürftig sind, entsteht ein günstiges „Fenster der Möglichkeiten“. Wenn schon erneuern, dann doch gleich in Richtung Erneuerbarer !!! (Gleichstrom-Höchstspannungsnetz, anderes Lastmanagement – dafür gibts schon viele intelligente ingeniertechnische Planungen)

Dies steht jedoch in den Sternen. Solange Politik und Energiewirtschaft einerseits weiter auf Kohle oder gar die Weiterführung der Kernkraft (nach den Wahlen, wenn wir da nichts ändern!!!) setzen und andererseits zur Beruhigung der Ökos auch ein wenig die Erneuerbaren fördern wollen, werden Tatsachen geschaffen, die den erneuerbaren Energien für lange Zeit die Chance zur Übernahme der Energieversorgung nehmen werden. Kohle- und Kernkraftwerke betonieren die zentralistische Netzstruktur. Sobald in kurzer Zeit der Strom aus der Photovoltaik nicht mehr kostet als der bisherige Strommix, möchten zwar mehr Menschen den Ökostrom haben – aber sie kriegen eine lange Nase gezeigt mit dem Argument: „Das geben die Stromnetze gar nicht her.“ Heute ist das oft schon Realität für den Windstrom im Norden und Photovoltaikstrom in Bayern.

Inzwischen wird auch von anderen erkannt, dass es hier um eine grundsätzliche Entscheidung geht. So meinte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Rainer Baake: „Entweder Erneuerbare oder Kohle und Atom“.

Es geht in der Energiepolitik nicht mehr weiter mit einem „Sowohl (fossile Energiequellen) – als auch (erneuerbare)“ – sondern es muss eine Entscheidung erzwungen werden zugunsten der erneuerbaren Energien. Die herrschenden Strukturen werden weiter auf Zentralisierungen setzen, sie technisch realisieren, die Zukunft zubetonieren.

Dass sie das sogar innerhalb des Bereichs der erneuerbaren Energien versuchen, sehen wir an DESERTEC und auch den Plänen eines Grand Solar Plans für die USA, die primär auf große zentralistische Solarfarmen setzt.

Unser früher oft verwendetes Argument, erneuerbare Energie befördere eine dezentralisierte Wirtschaft, ist zwar nicht ganz falsch – aber sie bringt sie eben auch nicht automatisch mit sich. Dafür müssen wir schon etwas mehr tun. Vielleicht auch erst mal diejenigen wählen, die die Zukunft nicht ganz so sehr zubauen, sondern wenigstens offen halten…

Mehr zu DESERTEC im ZW-Blog

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