In meinem politisch orientierten Umfeld wurde wieder einmal gefragt, wo denn die Subjekte einer emanzipativen Veränderungen zu suchen sind…

Auf den ersten Blick sicher zu abstrakt, um hilfreich zu sein, möchte ich doch in konzentrierter Weise einiges wieder geben, was mir dazu durch den Kopf geht:

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Alle Menschen sind Subjekte.

Für die gesellschaftlichen Individuen hängt ihre Subjektform mit der Gesellschaftsform zusammen.

Der Zusammenhang besteht zwischen Gleichem: Subjekte in bestimmter Form bilden Gesellschaftlichkeit einer dazu passenden Form – Gesellschaftlichkeit einer bestimmten Form erzeugt dazu passende Subjektivität.

Der Zusammenhang besteht zwischen Unterschiedlichem: Gesellschaft ist nicht nur Prägeform für Subjekte – Subjekte sind nicht nur geprägt von der Gesellschaftsform.

Gesellschaftliche Subjektivität und von Subjekten konstituierte Gesellschaftlichkeit kann als sich bewegender Widerspruch nur prozessual wirklich sein, und beide Momente, die Gesellschaftlichkeit wie die Subjektivität, treiben über jede konkrete Verwirklichungsform hinaus.

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Menschen im Kapitalismus sind bürgerliche Subjekte.

„Bürgerlichkeit“ bestimmt sie als – von persönlicher Abhängigkeit befreite – autonome und vereinzelte Individuen, getrennt von ihren Produktions- und Lebensmitteln und damit auf besondere Weise existentiell voneinander abhängig.

Diese existentielle Abhängigkeit von dem, was von ihnen getrennt wurde (den Bedingungen ihrer Reproduktion) realisiert sich in gegensätzlichen Prozessen. Individuen agieren gegen den von ihnen abgetrennten Gesamtprozess (der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion in Wechselwirkung mit den natürlichen Grundlagen), gegen die jeweils andere, also die Produktionsmittel besitzende oder besitzlose Klasse, gegen den Konkurrenten in der eigenen Klasse, und schließlich gegen die Bedürfnisse in sich selbst, die über die Bürgerlichkeit hinausweisen.

Diese Widersprüche zeigen sich in vielfältigen Bewegungsformen, in Entfremdung ebenso wie im Klassenkampf, in bornierten Gedankenverdrehungen wie Rassismus, Antisemitismus, Antiislamismus etc. wie auch in sozialen und ökologischen Befreiungsbewegungen, den Anti-Atom-Bewegungen, Kämpfen für die Rückgewinnung von Commons und unnennbar vielen anderen Bewegungen.

Diese bunte Vielfalt verarbeitet die neuen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens und entwickelt aus sich heraus Tendenzen der Regression ebenso wie Potenzen für noch nie dagewesene Emanzipation und Freiheit.
Da historisch ein Rückfall in Barbarei oder die Auslöschung der Zivilisation ebenso möglich ist wie ein befreiender Neuaufbruch in neue Gesellschaftsformen, kommt es darauf an, die Bedingungen für Letztes zu bestärken.

Die Rückgewinnung und nicht privatisierbare Neubildung von Lebens- und Produktionsmitteln ist die wesentlichste Bedingung hierfür. Der Rest bleibt offen, weil von den Subjekten selbst bestimmt.

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Mehr zur Frage der Subjektivität von mir:

  • Kritik der abstrakten Subjektkritik
  • Theorie und (Anti-)Politik vom Subjektstandpunkt aus
  • Niemals zum Objekt machen lassen!
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