kierkegaard
Kommt es bei der Befreiung von den derzeitigen unzumutbaren Zuständen (Sozialabbau, Umweltzerstörung, Ausbeutung etc.) nur darauf an, etwas von vornherein Gegebenes zu befreien? Was soll da befreit werden? Das eigentliche Selbst jedes Menschen? Die Entfremdungstheorie und das Sprechen von Entfremdung scheint die Existenz eines unentfremdeten Selbst vorauszusetzen, das es nur von der Entfremdung zu befreien gilt. Ist es so einfach oder gibt es ein solches unentfremdetes Selbst gar nicht?

Hegels Entwicklung des Geistes geht davon aus, dass sich dieser Geist im Vollzug eine „ihm völlig entsprechende Wirklichkeit gibt“ (Hegel Enz. III: 15; § 379). Auf diese Weise führt Hegel das Programm der Identitätsphilosophie fort. Alle vorfindlichen Gegebenheiten, soweit sie nicht zufällig und damit unwichtig sind, stellen sich als Momente der Entfaltung und Selbsterkenntnis des absoluten Geistes dar. Auch was der Identität auf einer Stufe entgegengesetzt ist, erweist sich in der weiteren Bewegung als notwendiges Moment dieser Bewegung. Alle Momente auf diesem Weg erhalten ihre Rechtfertigung aus dem Ergebnis, der Selbstbewegung des Geistes. Sie bilden Formen seiner Entäußerung, die er notwendig braucht. Das Selbst wäre hier das Selbst des absoluten Geistes, der sich entäußert hat und aus seinen entfremdeten Formen heraus durch Selbsterkenntnis wieder zu sich kommt.

Für Kierkegaard ist diese Identitätsvoraussetzung nicht mehr zu halten. Man muss „von der Gegenwart sagen, dass sie übel fährt. Das Individuum und die Generation kommen sich selbst und einander ständig in die Quere“ (Kierkegaard LA: 72). Deshalb sind die Gegensätze der Welt nicht mehr Entäußerungen eines Absoluten, sie lassen sich nicht rechtfertigen mit der weiteren Entwicklung und dessen sicheren und beglückenden Abschluss.

Für die Anthropologie bedeutet das, dass kein vollständiges, vollkommenes Selbst vorausgesetzt werden kann, das lediglich entäußert, entfremdet oder überformt sei. Was lässt sich dann noch über das Selbst des Menschen sagen? Michael Theunissen betont die negative Methode von Kierkegaard. Kierkegaard geht dabei aus vom der kranken Realität des Selbst und versucht aus dieser den Prozess der Gesundung zu erarbeiten. Das Selbst ist dann nicht eine vorauszusetzende Substanz, sondern der ständig mühsam aufrecht zu erhaltende Prozess der Gesundung. Das Selbst wird dabei bestimmt als „Prozeß als ständiges Vernichten der Möglichkeit von Verzweiflung“ (Theunissen 1991: 33). Das Selbst besteht im Widerstand gegen die Gefahr der Verzweiflung, der Mensch ist nur insofern ein „Selbst“, als er in jedem Augenblick nein sagt zu dieser Verzweiflung (ebd.).

Es ist also gerade die Verzweiflung, die uns Hoffnung geben kann. Hoffnung darauf, dass menschliches Selbstsein auch in einer „kranken Welt“ gelingen kann.

„So wie der Arzt wohl sagen muss, dass es vielleicht keinen einzigen vollkommen gesunden Menschen gebe, müsste man mit rechter Menschenkenntnis sagen, es lebe kein einziger Mensch, ohne ein wenig verzweifelt zu sein, ohne dass in seinem tiefsten Inneren doch eine Unruhe, ein Unfriede, eine Disharmonie, eine Angst vor einem unbekannten Etwas oder vor einem Etwas wohne, mit dem er nicht einmal Bekanntschaft zu stiften wage, eine Angst vor einer Möglichkeit des Daseins oder eine Angst vor sich selbst…“ (Kierkegaard 1848: 23f.)

Solange wir nicht taub gegenüber der Verzweiflung geworden sind, werden wir an unserem Selbst arbeiten und damit auch an der Gesundung der Welt.

Mehr zu Kierkegaard im Philosophenstübchen

  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (Enz. III): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. Band III. (entspricht Werke Band 10. 1970). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.
  • Kierkegaard, Sören (LA): Eine literarische Anzeige. GW, Abt. 17. 1954.
  • Theunissen, Michael (1991): Das Selbst auf dem Grund der Verzweiflung. Frankfurt am Main: Anton Hain.

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