Wie tief die Philosophie von Ernst Bloch in der Hegelschen Philosophie verwurzelt ist, zeigt sich vor allem in seinem Hegel-Buch: „Subjekt-Objekt“. Dieses Buch ist „kein Buch „über“ Hegel, sondern eines „zu ihm, mit ihm und durch ihn hindurch““ (Bloch SO: 11). Blochs kritisches Darüberhinausgehen setzt Hegel immer noch voraus.

Einer der größten Kritikpunkte von Bloch an Hegels Philosophie ist dessen mangelndes Interesse an der Zukunft und die Abschließung seines Systems der Wissenschaften. In diesem Zusammenhang spricht sich Hegel auch häufig gegen die Betonung eines „Sollens“ als Handlungsantrieb. In beiden Punkten will Bloch über Hegel hinaus. Hier soll zuerst nachvollzogen werden, warum Hegel solche Positionen einnimmt, d.h. auch inwiefern sie berechtigt sind und danach wird gezeigt, wie Blochs Philosophie sich von derjenigen Hegels unterscheidet.

Der Mangel des bloßen Sollens

Natürlich kennt auch Hegel das menschliche Bedürfnis, die gegebene Welt nicht nur hinzunehmen, sondern ihr ein „Die Welt soll anders sein!“ entgegen zu setzen.

„Was die Menschen moralisch unzufrieden macht (und dies ist eine Unzufriedenheit, auf die sie sich was zugute tun), ist, daß sie für Zwecke, welche sie für das Rechte und Gute halten (insbesondere heutzutage Ideale von Staatseinrichtungen), die Gegenwart nicht entsprechend finden; sie setzen solchem Dasein ihr Sollen dessen, was das Recht der Sache sei, entgegen.“ (HW 12: 51 f.)

Insofern das Sollen den Gegensatz zwischen Subjektivem und Objektivem aufheben will, ist es auch bei Hegel ein notwendiges Moment:

„Solch ein Gegensatz des Subjektiven und der gegenüberliegenden Objektivität, sowie das Sollen, ihn aufzuheben, ist eine schlechthin allgemeine Bestimmung, welche sich durch alles hindurchzieht. Schon unsere physische Lebendigkeit und mehr noch die Welt unserer geistigen Zwecke und Interessen beruht auf der Forderung, was zunächst nur subjektiv und innerlich da ist, durchzuführen durch die Objektivität und dann erst in diesem vollständigen Dasein sich befriedigt zu finden.“ (HW 13: 133)

Das Sollen ist in der Welt eine wichtige Triebkraft:

„Indem nun der Inhalt der Interessen und Zwecke zunächst nur in der einseitigen Form des Subjektiven vorhanden und die Einseitigkeit eine Schranke ist, erweist sich dieser Mangel zugleich als eine Unruhe, ein Schmerz, als etwas Negatives, das sich als Negatives aufzuheben hat und deshalb, dem empfundenen Mangel abzuhelfen, die gewußte, gedachte Schranke zu überschreiten treibt.“ (ebd.)

Trotzdem will Hegel über diesen Zustand hinaus, das heißt, das Sollen muss aufgehoben werden. Dieses Aufheben beinhaltet einerseits das Aufbewahren des berechtigten Standpunkts des Sollens im Bereich des Endlichen, des sinnlich-konkreten Lebens und andererseits das Überschreiten der Sphäre des Endlichen und das Übergehen in eine neue Sphäre, in der das Sollen ebenso wie der zeitliche Prozess aufgehoben ist. Nach einem langen Text über die Notwendigkeit des strebenden Wollens für lebendige Menschen benennt Hegel einen wichtigen Grund dafür, dass er dabei nicht stehen bleiben will. Die genannten existentiellen Fragen betreffen den Menschen in der „Unmittelbarkeit des Lebens“ und drängen „auf eine unmittelbare Befriedigung“ (HW 13: 135). Dagegen gilt für die Philosophie und damit für Hegel:

„Die Philosophie denkt den Gegensatz, der dadurch hereinkommt, wie er ist, seiner durchgreifenden Allgemeinheit nach und geht auch zur Aufhebung desselben in gleich allgemeiner Weise fort.“ (ebd.)

Die Unterscheidung von unmittelbarem Leben und philosophischem Wissen ist für Hegels Philosophie grundlegend. Die Frage, ob menschliches Leben dem Progress von Sollen, Erreichen und neuem Sollen unterliegt oder nicht, hat als Gegenstand das menschliches Leben selbst. Hegels Philosophie ist eine Metatheorie und hat als Gegenstand nicht das menschliche Leben selbst oder die Natur, bzw. die Welt, sondern unser Wissen von der Welt und dem menschlichen Leben. Diese beiden Gegenstandsebenen sind immer zu unterscheiden. Wir wissen mehr von der Welt als die unmittelbaren Tatsachen zu nennen oder zu beschreiben. Unser Wissen von der Welt ist das Subjektive, das das Objektive begreift und etwas objektiv Vorhandenes und damit Wirkendes in subjektiver Form – also eine Einheit von Subjektivem und Objektivem. Solch eine Einheit ist für Hegel in der Kategorie „Idee“ gegeben. Und mit dieser können wir uns erst wirklich über das Tatsächliche, Gegebene erheben, ohne im ohnmächtigen Protest stecken bleiben oder in richtungslosem Aktionismus agieren zu müssen.

Den Unterschied von tatsächlich Existierendem und der zu erkennenden und zu verwirklichenden Idee beschreibt Hegel ausdrücklich:

„…wer wäre nicht so klug, um in seiner Umgebung vieles zu sehen, was in der Tat nicht so ist, wie es sein soll? Aber diese Klugheit hat unrecht, sich einzubilden, mit solchen Gegenständen und deren Sollen sich innerhalb der Interessen der philosophischen Wissenschaft zu befinden. Diese hat es nur mit der Idee zu tun, welche nicht so ohnmächtig ist, um nur zu sollen und nicht wirklich zu sein.“ (HW 8: 48 f.)

Deshalb bedeutet ein methodischer Übergang vom Unmittelbaren zum vermittelt Begriffenen, also vom existentiellen Leben zum Begreifen des allgemeinen Zusammenhangs nicht, dass das Unmittelbare unwahr würde, es hebt sich jedoch zum Moment auf. Hegel wäre der Letzte der das Streben von Menschen nach einem besseren Leben auf der Linie des immer weiter fortschreitenden „Bewußtseins der Freiheit“ (HW 12: 32) ablehnen würde. Er will sich aber nicht im Räsonnieren über das aus dem Unmittelbaren nicht begründbaren Sollen steckenbleiben, sondern philosophisch begründen, wie jedes „Verhältnis der Unfreiheit aufzuheben“ (HW 13: 135) sei. Es geht um die Aufhebung des Dualismus von Sollen und Sein, von Subjektivem und Objektivem, es geht um die Identität von dem, was sein soll mit dem, was wahrhaft ist. „Wahrhaft ist“ bei Hegel niemals eine bloße unmittelbare Tatsache oder Gegebenheit, sondern das Vernünftige im Wirklichen, das es mitunter erst in einem langen Weg zu erkennen und zu verwirklichen gilt. Deshalb lehnt Hegel das „Sollen“ ab, insofern es ablenkt von der Suche nach der wahrhaften Einheit von Sollen und Wirklichkeit, insofern es ein subjektives Sollen „ohne Objektivität“ (HW 20: 372) bleibt, insofern das Besondere, das gesollt wird, gegenüber dem Allgemeinen verabsolutiert wird, „denn schon an und für sich läßt das Sollen ganz und gar keine Totalität zu, sondern die Mannigfaltigkeit der Realität erscheint als eine unbegreifliche, ursprüngliche Bestimmtheit und empirische Notwendigkeit; die Besonderheit und Differenz als solche ist ein Absolutes.“ (HW 2: 396).

Für Hegel bleiben alle Verabsolutierungen des Sollens auf der Seite der Subjektivität unproduktiv. Auch Kant und Fichte, die dem Sollen einen großen Wert zusprechen, bleiben nicht dabei stehen, sondern für sie wird das Sein mit dem Sollen schließlich durch den Glauben vereint (HW 20: 408) – dies finden wir später auch bei Kierkegaard (Kierkegaard EO). Diesen Ausweg will Hegel nicht gehen, sondern sein Anliegen ist das Begreifen, das Wissen der Einheit von Sollen und Wirklichkeit. Das will eindeutig auch über die einfache zeitliche Veränderung bis in alle Ewigkeit, bei dem sich subjektives Sollen und objektives Sein nur ewig abwechseln, hinaus. Es wäre eine läppische Sicht, einfach nur die Aufeinanderfolge von Sein – entgegengerichtetem Sollen – entsprechend dem Sollen eingerichtetem neuen Sein, dem sich ein neues Sollen entgegen stellt… zu konstatieren. Die Frage ist: Was ist das Übergreifende? Was gibt dem Ganzen eine Richtung, die über Willkürlichkeit, Beliebigkeit und Zufälligkeit hinaus führt? Bei Hegel ist dies die nur philosophisch zu begreifende Idee als prozessierende Einheit von Subjekt und Objekt (HW 8: 370). Der Dualismus von subjektivem Sollen und objektivem Sein wird aufgehoben zur Einheit in der Idee, z.B. jener eines „wahrhaft vernünftig gegliederten Staates“ (HW 13: 136). Diese Entwicklung schildert Hegel ausführlich:

„Weiter sodann im Elemente des Geistigen erstrebt der Mensch eine Befriedigung und Freiheit im Wissen und Wollen, in Kenntnissen und Handlungen. Der Unwissende ist unfrei, denn ihm gegenüber steht eine fremde Welt, ein Drüben und Draußen, von welchem er abhängt, ohne daß er diese fremde Welt für sich selber gemacht hätte und dadurch in ihr als in dem Seinigen bei sich selber wäre. Der Trieb der Wißbegierde, der Drang nach Kenntnis, von der untersten Stufe an bis zur höchsten Staffel philosophischer Einsicht hinauf, geht nur aus dem Streben hervor, jenes Verhältnis der Unfreiheit aufzuheben und sich die Welt in der Vorstellung und im Denken zu eigen zu machen. In der umgekehrten Weise geht die Freiheit im Handeln darauf aus, daß die Vernunft des Willens Wirklichkeit erlange. Diese Vernunft verwirklicht der Wille im Staatsleben. Im wahrhaft vernünftig gegliederten Staat sind alle Gesetze und Einrichtungen nichts als eine Realisation der Freiheit nach deren wesentlichen Bestimmungen. Ist dies der Fall, so findet die einzelne Vernunft in diesen Institutionen nur die Wirklichkeit ihres eigenen Wesens und geht, wenn sie diesen Gesetzen gehorcht, nicht mit dem ihr Fremden, sondern nur mit ihrem Eigenen zusammen.“ (HW 13: 135 f.)

Wir sehen, dass eine weitere Unterscheidung bedacht werden muss: Es gibt die Idee des „wahrhaft vernünftig gegliederten Staates“, philosophisch einmal begriffen, außerhalb aller unmittelbar existierenden Staatswesen. Die Frage, ob solch ein Staat tatsächlich existiert, ob er „der Fall ist“, ist davon unterschieden. Dabei ist das philosophische Begreifen der Idee des Staates nicht nur kontemplative Erkenntnis, sondern Richtschnur für ein gezieltes Handeln, ein Tun entsprechend der als wahr begriffenen Idee: Die „Freiheit im Handeln [geht] darauf aus, daß die Vernunft des Willens Wirklichkeit erlange“ (ebd.) !!!

Ernst Bloch kritisiert Hegel wegen dessen „Diskreditierung des Strebens und Sollens“ (Bloch SO: 445) und weil ihm der „Überschuß des Geltend-Erreichten“ (ebd.: 447) fehlt. Ich sehe bei Hegel aber keine Diskreditierung des Sollens, sonder nur dessen tiefere Begründung aus der Idee heraus und erst aus dieser heraus entsteht so ein „Überschuß des Geltend-Erreichten“ – wenn sich im Vergleich der Idee des „wahrhaft vernünftig gegliederten Staates“ und dem, was der Fall ist, eine Differenz ergibt. In einer Vorlesung zur „Philosophie des Rechts“ von 1821/22 konkretisiert Hegel diese Problematik für die Frage des Rechts. Die Aufklärung stellte überlieferte Ansichten in frage, hinterließ aber selbst „objektiv nur die Leere und subjektiv nur unmittelbare Gefühle“ (PR 1821/22: 34) als Begründung für das Recht. Hegel will dem eine philosophische „Erkenntnis nach dem Begriff und der Notwendigkeit der Sache“ entgegen stellen. An dieser begriffenen „Notwendigkeit der Sache“ misst sich dann auch das existierende Recht, sie wird Maßstab der Kritik. Gegen alle Tatsachen „müßte die Philosophie das Recht der Vernunft behaupten, daß, wenn die Historie auch noch so konsequent wäre, diese Verhältnisse darum noch nicht vernünftig, nicht gerecht an und für sich wäre.“ (ebd.: 36) Fest steht gegen jede herrschende Tatsächlichkeit: „Das Vernünftige soll gelten“ (ebd.: 234).

Was vernünftig ist, ist nun allerdings nicht beliebig. Was sinnvoll ge(w)sollt werden kann, ist deshalb in dem Sinn bereits vorher und außer aller Zeit „fertig“, dass die Idee, z.B. des „wahrhaft vernünftig gegliederten Staates“ ein für allemal gegeben ist und sich im Laufe der Zeit nicht mehr ändert. Auch in der Weltgeschichte ändert es sich nicht, dass die „Weltgeschichte […] den Stufengang der Entwicklung des Prinzips, dessen Gehalt das Bewußtsein der Freiheit ist“ (HW 12: 77), darstellt. Der Fortgang wird hier auch in der Existenz (nicht nur im Begriff) dadurch vorangetrieben, dass das Unvollkommene „das sogenannte Vollkommene, als Keim, als Trieb in sich hat“ (ebd.: 78). Das Sollen begründet sich jetzt aus der Idee und nur als solche lässt Hegel das Sollen noch zu. Hegel ergänzt deshalb zum weltgeschichtlichen Fortgang: „Ebenso weist wenigstens reflektierterweise die Möglichkeit auf ein solches hin, das wirklich werden soll…“ (ebd.).

Hegel geht davon aus, dass er in seinem System der Wissenschaften für alle Gegenstände der Welt die Idee entwickelt hat. Er kann zugeben, dass noch nicht alles, was existiert, seinem Begriff entspricht und die Idee verwirklicht hat. Für die unmittelbare Weltgeschichte geht es Hegel um eine „wirkliche Veränderungsfähigkeit, und zwar zum Besseren – ein Trieb zur Perfektibilität“ (HW 12: 74). Dabei ist kein bestimmtes Ziel vorgegeben; die Perfektibilität „ist ohne Zweck und Maßstab […], das Bessere, das Vollkommenere, worauf sie gehen soll, ist ein ganz Unbestimmtes.“ (ebd.: 75) Zwar liegt aller geschichtlichen Veränderung die Idee der sich vervollkommnenden Bewusstheit der Freiheit zugrunde, aber wie sich dieses Prinzip in der Existenz verwirklicht, ist unbestimmt. Dass für Hegel seine Zeit nicht die Endzeit, die Erfüllung der Idee des wahren Staats war, macht auch eine Bemerkung deutlich, die in der Mitschrift seiner Vorlesung der „Philosophie des Rechts“ von 1812/22 auftaucht: „Die große Revolution ist geschehen, das weitere ist der Zeit überlassen, Gott hat Zeit genug, was geschehen soll, wird geschehen.“ (Hegel PR 1821/22: 235)

Dieser Text wird fortgesetzt mit dem Teil über die Zukunft bei Hegel