Zurück in die Zukunft?

Das, was in der Zeit geschieht, war schon für Schelling „nichtig“ (Schelling 1806: 653). Bloch kritisiert an Hegel besonders, dass dieser die Zukunft verleugne (Bloch SO: 12). Rein lebensweltlich scheint diese Verleugnung ganz praktisch begründbar:

„Zur Sicherung des Lebens gehört freilich ein Mannigfaches, und sehen wir auf die Zukunft, so müssen wir uns auf diese Einzelheiten einlassen. Aber notwendig ist es nur, jetzt zu leben, die Zukunft ist nicht absolut und bleibt der Zufälligkeit anheimgestellt.“ (HW 7: 241)

Dies entspräche dem Leben in seiner Unmittelbarkeit und wird von Hegel natürlich nicht als letztes Wort hingenommen, sondern sein Bezug bzw. Nicht-Bezug zur Zukunft begründet sich anders.

Zukunft ist wie Vergangenheit und Gegenwart eine Dimension von Zeit in der Sphäre der Unmittelbarkeit. Wie wir gesehen haben, ist Hegels Gegenstand nicht die Welt in ihrer Unmittelbarkeit, sondern unser Wissen von der Welt. Der gewusste Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist für Hegel eine „an und für sich seiende Zeit“ (HW 17: 215), die der unmittelbaren, erscheinenden Zeit entgegengesetzt ist und auch als „Ewigkeit“ bezeichnet wird. Auch bei Schelling befindet sich das Absolute außer aller Zeit (aeternitas: Seyn in keiner Zeit), es ist nicht einmal „ewig“ (aeviternitas: Daseyn in aller Zeit) (Schelling 1795: 92). Und obwohl sich Hegels Systematik von derjenigen Schellings unterscheidet, teilen beide die Auffassung, dass die Ebene der philosophischen Betrachtung sich über das zeitlich gegebene Faktische erhebt:

„An der Oberfläche balgen sich die Leidenschaften herum; das ist nicht die Wirklichkeit der Substanz. Das Zeitliche, Vergängliche existiert wohl, kann einem wohl Not genug machen, aber dessenungeachtet ist es keine wahrhafte Wirklichkeit, wie auch nicht die Partikularität des Subjekts, seine Wünsche, Neigungen.“ (HW 19: 111)

Das Vernünftige, um dessen Begreifen es Hegel geht, ist nicht an die Zeit gebunden. Zeitliche Fragestellungen sind schon deshalb für Hegel methodisch nicht die wesentlichen. Auf der Ebene des Unmittelbaren negieren die Vergangenheit und die Zukunft das Gegenwärtige, aber in unterschiedliche Richtungen. Die Zukunft ist dabei bestimmt als „Nichtdasein, aber bestimmt, dazusein“ (HW 4: 35). Damit meint Hegel nicht, dass ein vorgegebenes Ziel, etwa die Verwirklichung der Idee, mit Sicherheit dazu bestimmt sei, später einmal dazusein. Nein, die Zukunft ist für uns und für das absolute Bewußtsein gestaltlos. (HW 18: 501) Trotzdem fasst Hegel das Zukünftige als „Vollendung“ (HW 17: 216). Außerdem sieht Hegel eine wichtige Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft. Die Zukunft ist „das Sein des Nichtseins, was in der Gegenwart enthalten ist“ (HW 9: 55).

„Im positiven Sinne der Zeit kann man daher sagen: Nur die Gegenwart ist, das Vor und Nach ist nicht; aber die konkrete Gegenwart ist das Resultat der Vergangenheit, und sie ist trächtig von der Zukunft.“ (ebd.)

Wir sehen, dass Hegel durchaus die Leibnizsche Vision von der Schwangerschaft der Gegenwart mit der Zukunft teilt, welche Bloch so liebt. Hegel bleibt aber dann nicht in dieser Zeitlinie, sondern hebt sofort wieder ab in seine Metatheorie: „Die wahrhafte Gegenwart ist somit die Ewigkeit“ (ebd.). Aus dieser Sicht wird auch verständlich, dass Hegel zwar weitsichtig zu erkennen vermag, dass Amerika das „Land der Zukunft“ sein wird, aber „als ein Land der Zukunft geht es uns überhaupt hier nichts an“ (HW 12: 114). Das von Bloch so vermißte Interesse an der menschlichen Zukunft begründet sich also mit dem Charakter der Hegelschen Philosophie als Metatheorie.
Deren Gegenstand ist nicht die zeitliche Folge, und es ist nach seiner Ansicht auch nicht sinnvoll, „daß die Realisierung der Idee in die Zeit, in eine Zukunft, wo die Idee auch sei, verlegt wird“ (HW 8: 143). Wenn der Gedanke des Sollens einen Sinn haben soll, so nur den, dass das Gesollte, also das Vernünftige zu aller Zeit schon da ist. Es kommt nicht als etwas Fremdes in die Gegenwart, von einer nur subjektiv gewünschten oder geglaubten Zukunft her. Es steckt objektiv schon in der Gegenwart. Dieses Vertrauen in die Vernunft, die schon immer – oder außer aller Zeit – in der Welt ist, begründet auch die Gelassenheit, die Hegel so wie andere Philosophen an den Tag legt. Für Hegel ist die Geschichte nicht beendet, aber „was geschehen soll, wird geschehen“:

„Die große Revolution ist geschehen, das weitere ist der Zeit überlassen, Gott hat Zeit genug, was geschehen soll, wird geschehen.“ (Hegel PR 1821/22: 235)

Auch hier zeigt sich eine frappante Ähnlichkeit mit der Ansicht von Schelling:

„Was bestehen soll, besteht, und was vergehen soll, vergeht; an beidem kann nichts verhindert oder hinzugethan werden… Wozu also alle Sorgen und das unruhige Streben? Was geschehen soll, geschieht doch.“ (Schelling 1804: 579)

Dies gilt bei Hegel unter der Voraussetzung, „daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei“ (HW 12: 20). Dann kann man tatsächlich auch davon ausgehen, dass es in der Zukunft vernünftig zugehen wird.

Die Welt als Experiment bei Ernst Bloch
Das Vertrauen in diese Voraussetzung der Vernünftigkeit der Welt wurde in den letzten Jahrzehnten nachhaltig erschüttert. Zwar weiß auch Hegel, dass nicht jede Negation zu einer fortschreitenden Negation der Negation führt. Es gibt auch bei Hegel in der Weltgeschichte „Perioden, die vorübergegangen sind, ohne daß die Entwicklung sich fortgesetzt zu haben scheint, in welchen vielmehr der ganze ungeheure Gewinn der Bildung vernichtet worden und nach welchen unglücklicherweise wieder von vorne angefangen werden mußte“ (HW 12: 76 f.). Aber der Weltgeschichte als Ganzem tut das keinen Abbruch.

Auch für Ernst Bloch bewegt sich die Weltgeschichte in Richtung eines „Umbaus der Welt zur Heimat.“ (Bloch PH: 334) Aber das Ziel kann verfehlt werden, die menschliche Geschichte kann vor Erreichen dieses Ziels enden.

„Im Negativum der objektiven Dialektik (Krankheit, Krise, drohender Untergang in die Barbarei) ist auch zweifellos ein Umgang von Vernichtung […].“(Bloch SO: 515)

Bloch betont die Notwendigkeit des aktiven Eingriff durch das Subjektive, denn „Ein Automatismus der objektiven Dialektik, hin zum Guten, mit dem bequemen Motto: Durch Nacht zum Licht, besteht derart keinesfalls“ (ebd.).

„Ja, ein subjektiv-aktiver Gegenzug gegen die Vernichtung kann nötig sein, damit sie zur Vernichtung des Vernichtenswerten selber gebraucht werden kann und dadurch erst zur dialektischen Freilegung neuen Lebens.“ (Bloch SO: 515)

Weil es nicht sicher ist, ob die subjektive Anstrengung ausreicht und gelingt, ist die Zukunft der Welt objektiv noch nicht entschieden (Bloch SO: 451),

„Die Welt ist ja ein einziges Experiment ihrer selbst, ein Experiment, das weder gelungen noch aber vereitelt ist.“ (Bloch TLU: 389) Sie „selbst steht im Prozeß, und der Prozeß ist noch nicht gewonnen, aber auch noch nicht vereitelt, ganz im Gegenteil.“ (ebd.: 242)

Falls sich irgendwo im Universum vernunftbegabte Wesen weiter entwickeln, könnte auch das Ende der Menschheit noch keine völlige Vereitelung des Weltexperiments bedeuten. Dann bekäme Hegel gegen Bloch wieder Recht. Aus der Sicht von uns, der Menschheit, die gerade an der Wegscheide steht, ihre Existenz zu verlieren oder den Durchbruch zu einer neuen gesellschaftlichen Ordnung und einem neuen Mensch-Natur-Verhältnis zu finden, ist natürlich die Blochsche Weltsicht motivierender.

Die Literatur kann in einem HTML-Text im Philosophenstübchen nachgelesen werden.