Ab und zu liegen unsystematisch zusammen getragene Artikelkopien auf meinem Schreibtisch. Einiges habe ich selbst irgendwann mal kopiert und ich versuche, sie dann themenmäßig zu sammeln und zu verarbeiten. Manchmal aber flattern mir Texte auch unzusammenhängend auf den Tisch und es ergeben sich erstaunliche und zuerst unerwartete Verbindungen. So geschah es auch heute.

Diese Texte sind schon aus dem Jahr 2006 und sie sind für mich heute noch so aktuell wie vor drei Jahren. Einiges wiederholt sich auch immer wieder auf neue Weise. Deshalb sei dies hier – in mehreren Teilen – auch dokumentiert…

Zuerst wollte ich einen Artikel für die Vorbereitung einer Gesprächsgruppe am Montag durcharbeiten. Es handelt sich um den Text „Erziehung im Spannungsfeld zwischen Reproduktion und kultureller Produktion“ von Paul Willis aus dem Jahr 1990.

Angesichts der kaum in Frage gestellten Vormachtstellung des Kapitalismus steht für seine KritikerInnen immer wieder erneut die Frage, wie er überwunden werden kann und warum bisher so wenige Kräfte dagegen mobilisiert sind. Die Kritischen Theoretiker (Adorno, Horkheimer) mussten sich einst diese Frage angesichts des Faschismus stellen: Warum hatte die Arbeiterklasse nicht den Kapitalismus abgeschafft, sondern unterstützte seine unmenschlichste und brutalste Form? Sie erkannten, dass nicht nur die rein ökonomische Erpressung, dass ein Leben für Nichtkapitalbesitzer nur durch den Verkauf der Arbeitskraft möglich ist, die Menschen im Kapitalismus hält. Diese Verhältnisse halten sich nicht durch unmittelbaren Zwang oder Gewalt, sondern dadurch, dass der Kapitalismus auch in den Köpfen der Menschen steckt, in ihren Überzeugungen und Ideologien. Einerseits werden im Kapitalismus in den Menschen solche Vorstellungen erzeugt, die ihn stabilisieren und immer wieder konstituieren; andererseits sind es die Menschen selbst, –auch die durch ihn unterdrückten – , die ihn konstituieren, keine ihnen fremde Macht. Die Menschen agieren selbst – aber im Sinne des sie unterdrückenden Systems. Sie agieren innerhalb eines umfassenden „Verblendungszusammenhangs“.

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Ein Teufelskreis! Dass das „Bewusstsein der Arbeiterklasse“ diesen Teufelskreis durchbrechen könne, daran kann nach 1989 kaum noch jemand glauben. Aber auf was können wir sonst setzen, wo ist ein Ausweg?

In einem Vortrag über „Politische Psychologie“ vor ein paar Monaten in Stuttgart hatte ich eine ähnliche Abbildung zugrunde gelegt und verwies im Fortgang auf die Widersprüchlichkeit aller Handlungen im Kapitalismus. Der geistige Hintergrund dafür sind die Positionen der Kritischen Psychologie (Klaus Holzkamp):

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Die Frage der Widersprüchlichkeit war vor allem von Frigga Haug weiter untersucht und für die politische Arbeit fruchtbar gemacht worden (Haug 1999, 2001).

(Literatur am Schluss)

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