fabathome

Wir haben uns schon seit mehreren Jahren über eine neue Produktionstechnologie gefreut, die das Potential in sich trägt, ähnlich partizipierende und demokratisierende Praktiken in materiellen Produktionsprozessen zu ermöglichen wie die Personal Computer für die Informationsverarbeitung- und –vermittlung. Dies läuft unter den Stichpunkten „Fabber“ oder „Rapid Prototyping“ oder auch „3D-Printing“ . Wir verwenden diese Ansätze zur produktionsmittelseitigen Fundierung der konkreten Utopie von herrschaftsfreien Lebensweisen, der „Selbstentfaltungs-Gesellschaft“.

fabber

„3D-Drucker“ gibt es mittlerweile ab 5000 $ – sie sind von der Preisentwicklung her also auf dem Weg der Preissenkung und der wachsenden Verbreitung, den Marshall Burns bereits 2000 analog zur Marktdurchdringung und Preisentwicklung der Personal Computer vorgezeichnet hat:

2007 wurden über 3 600 3D-Drucker verkauft, für 2011 wird eine Anzahl von 300 000 erwartet.

Auf dieser Grundlage beginnt ein kleiner Firmengründungsboom, fast unbemerkt, aber höchstwahrscheinlich mit großem Potential. Die „Desktop Factury“ ist kein Traum mehr, sondern Wirklichkeit. „Production on Demand“ ist ja nicht nur ein Austausch von Maschinen, sondern die Umorganisierung des gesamten Produktionsprozesses. Der „Kunde“ wird zumindest Mitproduzenten. Das Design wird zum wichtigsten Arbeitsschritt und dadurch werden die immateriellen Arbeitsschritte, die aus sachlichen Gründen nur mit Schwierigkeiten „zur Ware gemacht“ werden können, aufgewertet.

Diese neue Wirklichkeit nistet sich erst einmal innerhalb der herrschenden kapitalistischen Ökonomie ein – neue Produkte und Dienstleistungen entstehen. Aber diese Technik bietet die Möglichkeit für mehr: das Projekt Reprap arbeitet an sich selbst reproduzierenden Maschinen und orientiert sich an den Prinzipien der Freien Software. Ganz ausdrücklich versteht sich auch das Projekt „Fab@Home“ als Freies und Offenes Projekt. Mit Bauteilen für ca. 2 300 $ kann hier begonnen werden.

Es wird wie bei Musik und Freier Software deutlich, dass die alten Geschäftsmodelle nur noch schlecht funktionieren und neue werden erkundet (wie die „Napsterisierung der Fabber-Produktion“ ). Neue Vorschläge für eine „Peer-Economy“ entstehen. Es wird hier vermutlich die verschiedensten Übergangs-Geschäftsmodelle geben, die Materialkosten bzw. Arbeitszeit vergüten… bis eine ausreichende Menge an Menschen bemerken, dass der Geldfluss zusätzlich zum Fluss der benötigten und hergestellten Güter völlig überflüssig geworden ist. Dazu brauchts aber wirklich noch eine Menge Praxis auf diesem Gebiet.

Trotzdem sind die gesellschaftsverändernden Potenzen dieser Technik so offensichtlich, dass kaum ein Kommentar die „große Veränderung des Verhältnisses zwischen Individuen und ihrer materiellen Umwelt“ und den möglichen Übergang zu einer „demokratisierten Produktion“ (ebd.) übersieht. Nur diejenigen, die aus politischen Gründen den Kapitalismus kritisieren und bekämpfen… kriegen im Wesentlichen nichts mit von diesen Prozessen. Zwar machen die technischen Möglichkeiten allein keine Revolution, aber massiv erleichternd wäre es schon, die ersten Ansätze einer neuen Produktions- und Lebensweise gegenständlich vor Augen zu haben.

Es kommt nur darauf an, hinter der Technik, den Atomen und den Bites, die neuen menschlichen Produktionsbeziehungen zu sehen. … und eventuell selbst praktisch zu betreiben. Umsonstläden verteilen bisher nur kapitalistisch hergestellte Güter, die ihren Warencharakter mangels kaufkräftiger Nachfrage verloren haben. Die Produktion von Gütern außerhalb des Kapitalismus findet im Bereich von Freier Software und Kultur statt… und kann jetzt auch in den Bereich der „harten Waren“ hineinwachsen. Es gibt eine „Alternative Ökonomie“ im Bereich der Landwirtschaft und des Handwerks – jetzt kann sie auch im High-Tech-Bereich entstehen. Als Eigentumsform für die neuen Produktionsmittel und die hergestellten Güter bietet sich die Praxis der „Commons“ an.

Die Bereitstellung der benötigten Materialien wird noch viel Nachdenken erfordern, einerseits aus ökologisch-technischer Hinsicht, andererseits auch aus der Perspektive einer Beschaffung ohne Ausbeutung und Raub. Beide Probleme werden mit der heutigen Wirtschaftssteuerung über Kapital und IWF & Co. auf jeden Fall schlechter organisiert als wenn wir neu darüber nachdenken. Fragen der Ökologie und des Energieaufwandes müssen auch beachtet werden. Auch über ein mögliches Fabber-Spam-Problem wird schon nachgedacht. Allerdings werden dabei die gesellschaftlichen Bedingungen ausgeblendet.

Aufgrund der besonderen Bedeutung der Designs sind hier Urheberrechtsfragen zu klären. An einer Lizenz, ähnlich der Lizenz für Freie Software, wird schon gearbeitet und es gibt Überlegungen, die Idee der Umsonstläden auszudehnen und damit qualitativ weiter zu treiben durch einen Übergang zu anderen Formen.

Auch an eine Infrastruktur für derartige Produktionsgrundlagen wird gedacht. Dies könnte ein ähnlicher Selbstläufer werden wie die Freie Software. Allerdings ist hier die Triebkraft eine andere. Bei Freier Software verführte einfach die schlechte Qualität der propretieären Software die Entwickler, etwas Eigenes besser zu machen und auf andere Weise zu organisieren. Die bisherigen Prototyping-Produktbeispiele sind eher Spielzeug, nichts, was man wirklich braucht. Vielleicht ist das aber auch gut so, denn Not macht selten kreativ und es passt schon, wenn die neue Produktionsweise sich auch praktisch eher spielerisch „anfühlt“ als frühere Produktionsformen.

Natürlich, wie bei allen technischen Bezugnahmen, möchte ich betonen, dass eine neue Technik, auch neue Produktionsmittel, nicht automatisch zu neuen Produktionsverhältnissen führen. Einerseits ist jedes neue technische Mittel eingebettet in ein komplexes Umfeld, und die Besonderheit der Computer bestand wohl vor allem darin, dass sie wirklich jeden Produktionsbereich durchdrangen, was für die 3D-Drucker sachlich nicht vorausgesetzt werden kann. Außerdem wird es noch lange Möglichkeiten geben, auch die dezentralere Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Verwertungsökonomie zu managen. 3D-Printing ist nicht aus sich heraus eine „Killer-Applikation“, aber sie ist Bestandteil von Bedingungen, die es uns ermöglichen können, eine völlig neue Produktionsweise zu entwickeln.

Beispiel für 3D-Drucker: Original wird abgescannt und durch eine Rapid Prototyping Maschine repliziert.

Beispiel für 3D-Drucker: Original wird abgescannt und durch eine Rapid Prototyping Maschine repliziert.

Frühere Texte von der „Zukunftswerkstatt Jena“ zum Thema:

  • Technik ist eine Antwort – aber was ist eigentlich die Frage?
  • Rapid Producing, Eine andere Produktionswelt ist technisch möglich
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