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Mir war der Name Ronald M. Schernikau nicht unbekannt, in der jungen welt und oder der konkret hatte ich über sein außergewöhnliches Leben gelesen. Aber das Buch über ihn mit dem kennzeichnenden Titel „Der letzte Kommunist“ musste sich erst meine Tochter kaufen, bevor ich es auch las. Und es war eine Entdeckung.

Dies ist nicht zuletzt dem Autor, Matthias Frings, zu verdanken, der eine so lebendige Beschreibung seiner Begegnungen mit Schernikau schreibt, dass ich gar nicht bemerke, wie der Text zwischen Erlebtem und Berichtetem und der eingeschobenen Geschichte der alleinerziehenden Mutter wechselt. Der Text ufert nie aus, aber er bringt die schillernde Farbigkeit, in der sich im Leben eines besonderen Menschen seine Zeit spiegelt, in Sätze und Textabschnitte, die wie das Leben selbst atmen. Beinah alles ist mir fremd, die Party- und Kulturwelt der 80er im Westen, das homosexuelle Liebesleben und künstlerisches Schaffen. Aber beim Lesen fühle ich es nah und ohne Bruch einsickern in mich als Bereicherung meiner Erfahrungswelt. Besonders nah ist mir das sozialistische Bekenntnis Schernikaus und ich bewundere die Konsequenz, mit der er „umso schlimmer für die Tatsachen“, daran festhält und gerade während der sog. „Wende“ Bürger der DDR wird.

Erschütternd seine Rede auf dem letzten Schriftstellerkongress der DDR:

„Endlich können wir auch die Erfahrungen der Linken im Westen verwerten!, das heißt: Wir werden sie bitter nötig haben. Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer den Videorekorder will, wird die Videofilme kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muß Neger verhungern lassen.“

Was ist daran falsch? Schernikau hat viel Bosheit und Häme geerntet dafür, aber auch so viel Nachwirkung nach seinem frühen Tod, dass etwas hängen bleibt, weiter schwingt von seiner Energie. Das von ihm gelebte „Trotz alledem“ war kein verbittertes, sondern ein ausschweifendes Umfassen aller Schönheiten und aller Möglichkeiten, die sich ihm boten. Der Kampf um eine bessere Welt für alle ist keine Farbtopflosung, sondern beginnt im eigenen Leben. Gerne leben, auch extravagant und kompromisslos – wer’s schafft, ist glücklicher und tut mehr für die Menschheit als verbiesterte Kämpfertypen.

Für die „Literatur konkret“ beantwortete Schernikau die Frage: „Was macht ein Revolutionär ohne Revolution?“ :

„Was ein Künstler ohne Revolution macht? Na Kunst.“

Nur, was sollen wir Nichtkünstler machen?

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