In der letzten Nummer der „graswurzelrevolution“ fand ich einen interessanten Artikel über die Bedeutung von Gruppen für die politische Arbeit und auch das individuelle Wohlergehen.

Oft konzentrieren wir uns auf das Verhältnis zwischen Individuen und der Gesellschaft, fragen, inwieweit der gesamtgesellschaftliche Rahmen das Verhalten des einzelnen bedingt und wie der Einzelne in diesem Rahmen doch eigenständig agieren kann. Wir betonen die individuelle Möglichkeitsbeziehung gegenüber der Welt.

Dabei überspringen wir eine wichtige Erfahrung: die Beziehung zwischen Individuen und Gruppen bzw. der Gruppen und der Gesellschaft.

Wenn ich herumfrage, warum jemand noch in einer (meist linken) Partei ist, so liegt die Begründung selten in der politischen Wirksamkeit, sondern darin, dass die Person sich in der konkreten Parteigruppe, in der sie aktiv ist, wohl, anerkannt und wirksam fühlt. Wenn ich frage, worin bei anderen eine ständige nagende Unzufriedenheit herkommt, so oft daher, dass sie sich einsam fühlen und sie ihre politische Widerständigkeit als Einzelne nicht in Anschlag bringen können gegen eine scheinbar übermächtige Gesellschaft.

Ich selbst erlebe auch immer wieder, dass ich zwar mit vielen Menschen übers Internet Kontakt habe, auch in überregionalen Netzwerken unterwegs bin… aber ich genieße meine tiefe Verankerung in der Zukunftswerkstatt Jena. Hier hole ich mir inhaltliche Anregungen und Selbstvertrauen, Trost und Unterstützung.

Ernst Bloch schreibt der Freundschaft die Funktion des Ersatzes der Gesellschaft zu; sie ist deren „bessere Gartenform“.

„Was Gerechtigkeit nur fordert, das leistet ohne Zwang die Freundschaft; sie bewirkt jene Eintracht, worin eine Verletzung der gegenseitigen Rechte nicht mehr vorkommt; also selbst zum Gedanken an Gerechtigkeit kein Anlaß mehr ist.“ (Prinzip Hoffnung: 1131)

Gruppen, die auf freundschaftlicher Verbundenheit beruhen, können das in uns bewahren und stärken helfen, was dem Verwertungszwang der kapitalistischen Verhältnisse widersteht. Als atomisiertes Individuum, ganz allein, ist es viel schwerer, dem zu widerstehen, der Anpassungsdruck führt entweder zur Assimilation oder zum wirklosen Rückzug in die verbitterte Isolation.

Die Hauptfunktion und –tätigkeit von Gruppen besteht in der Aufrechterhaltung eines vertrauensvollen Gesprächs über (nicht nur, aber wesentlich auch) politische Themen, in denen ein Gegendruck gegen die bedrückende Agitation von außen aufrecht erhalten werden kann. Nein, wir brauchen die Kernenergie nicht für die Energieversorgung; Nein, Erwerbslose müssen nicht zur Arbeit gezwungen werden… Nein, Nein, Nein… für diese vielen NEINs eine Rückenstärkung und die ebensovielen WARUMs eine ständige Diskussionsbasis sollen diese Gruppen sein.

„Was not tut, wäre ein kontinuierliches Gruppenleben als persönlicher Lebensmittelpunkt der Beteiligten, Gemeinschaft, eine libertäre und gewaltfreie Kultur, die sich verbreitert und ein daraus entstehendes kommunikatives Milieu, das sich der Manipulation widersetzt.“ (The Lamia, gwr)

Wenn wir zentralisierende, hierarchische, individualitätsunterdrückende Organisationsstrukturen ablehnen, so müssen wir andere Strukturen aufbauen, menschliche, freundschaftliche und in ihnen neue Verhaltensweisen ausprobieren und einüben. Wenn noch nicht als Produktionsgemeinschaften in einer neuen Gesellschaftsform so dort, wo es uns heute schon möglich ist, im Kleinen und Unscheinbaren. Gelebte andersartige Praxis ist beinah immer Widerstand.

Natürlich können derartige menschliche Kontakte auch den gesellschaftlichen Druck so abfedern helfen, dass er nicht mehr drückt, nicht mehr als Last empfunden wird und die Gegenwehr abstumpft. Saufkumpels und Nazirotten meinen auch, sie wären die besten Freunde. Auch vor Vereinsmeierei und Gruppenegoismus gegen andere ist eine Gruppe nicht automatisch abgesichert.

Ebenso kann das Verharren in fauler Harmonie die individuelle Entwicklung abwürgen; es wäre im Gegenteil wichtig, gerade in solchen Gruppen zu lernen, konfliktfähig zu werden, sich individuell zu öffnen für Kritik und neue Anregungen, die das Vertraute auch in Frage stellen. Wo, wenn nicht hier, haben wir einen sozialen „Spiegel“, vor dem wir uns nicht fürchten müssen.

Allerdings weht der Zeitgeist ziemlich gegen solche Gruppenbildung. Individualisierung, Flexibilisierung, Mobilisierung und Virtualisierung herrschen vor. Jeder muss ständig auf dem Sprung sein, organisiert sich minütlich übers SMS – längerfristige und stabile Bindungen zerreißen in der ständigen Anspannung, die einerseits von außen übergestülpt wird, aber andererseits auch freiwillig aufrecht erhalten wird.

Vielleicht müssen wir auch lernen, dem zu widerstehen, was uns an den schnellebigen Lebensbedingungen heute reizvoll erscheint. Die Vielfalt der Internetkommunikation zurück fahren. Termine längerfristig vereinbaren. Ruhe zum Lesen zur Vorbereitung einer späteren Diskussion finden. Dieser Blog hat auch deshalb so lange Lücken in der Zeitreihe, weil ich immer wieder darum kämpfe, mehr Zeit für Tiefe und längerfristige Themen zu finden. Also, weg mit der Internetverbindung… und überlegt, mit welchen Leuten vor Ort mal wieder ein Käffchen fällig wäre…

und viel Spaß dabei!