Dies ist eine Fortsetzung meiner Zusammenfassungen aus den „Sonntagslektüren“, herausgefordert auch durch die Kommentare von Stefan Mz. Ich möchte aufklären, was für ihn so mystisch scheint („Die Suche nach dem »Mehr« im (Mehr-)Wert hört sich für mich mystisch an, sorry.“). Unsere Differenz besteht m.E. darin, dass ich in Momenten der kapitalistische Entwicklung, speziell auf der Seite der Arbeit, noch Chancen für etwas Emanzipatives, Kapitalismusüberschreitendes sehe, was Stefan nicht mehr als fortschrittlich ansieht („Auf der Grundlage der Wertverwertung sind Kämpfe immer bloß immanente Kämpfe.“). Als wichtiger Verwies dient hier ein Buch, das ich teilweise als Kopie von Hans B. bekam: Wilfried Glißmann/Klaus Peters: Mehr Druck durch mehr Freiheit. Die neue Autonomie in der Arbeit und ihre paradoxen Folgen. (VSA-Verlag Hamburg 2001).

Wilfried Glißmann geistert schon lange durch unsere Texte und Mails, vor allem zitieren wir öfter seine Erfahrung als IBM-Betriebsrat: „Es gilt das Motto: ‘Tut was ihr wollt, aber ihr müßt profitabel sein’“. Damit wird ausgedrückt, dass die alten Herrschaftsformen, die von Anweisung und Kontrolle geprägt waren, abgelöst wurden durch neue Formen der indirekten Steuerung, bei denen die Arbeitenden selbst unternehmerisch denken und handeln müssen. Dadurch entsteht ein innerer Widerspruch, nämlich zwischen dem Interesse, meine Arbeitskraft so teuer wie möglich verkaufen und dafür so wenig wie möglich arbeiten zu wollen und dem Interesse, meine Arbeit unternehmerisch nach außen gut zu verkaufen. Der Widerspruch zwischen den früher in unterschiedlichen Menschengruppen wirkenden Interessen, denen der Arbeiter und denen der Kapitalisten, verlagert sich in die Individuen, in je mich selbst. Quer dazu läuft noch das sachliche Interesse, meine Arbeit einfach gut zu machen. Dabei dominiert erst einmal das Interesse der herrschenden Gesellschaft: Ich verstehe mich eher als Unternehmerin meiner Arbeitskraft als als weiterhin und verstärkt Ausgebeutete. Natürlich bin ich weiterhin nur Lohnarbeiterin und der Mehrwert fällt den Kapitaleignern zu. Aber je mehr ich inhaltlich selbst über den unternehmerischen Erfolg meiner Arbeit bestimme, desto leichter fällt die Selbst-Täuschung, die diesen Ausbeutungsprozess verleugnen möchte um das Selbstbewußtsein nicht zu verletzen. Wilfried Glißmann schreibt dazu: „Meine Selbst-Täuschungen entstehen von selbst, aber das Durchbrechen meiner Selbst-Täuschungen erfordert meine aktive Auseinandersetzung damit.“ Und er ergänzt: „Ich muss es selber tun, aber ich kann es nicht allein.“ (siehe „Bildet Gruppen!“)

Klaus Peters setzt ihn seinem Beitrag „Freiheit und Selbsttäuschung“ (S. 142-158) hier an. „Von selbst“ sind wir ohnmächtig den gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnissen unterworfen. Es kommt darauf an, diese Ohnmacht zu überwinden und uns aus den Selbst-Täuschungen herauszuarbeiten. Der erste Schritt dabei ist, zu erkennen, dass es eine Selbsttäuschung ist. Dazu war einst einmal das „Kapital“ von Marx gedacht. Zwar geht es von der Tatsache aus, dass das Kapital sich alle Lebensregungen unterworfen hat. Aber die marxsche Theorie ist nicht lediglich eine theoretische Bestätigung in Form einer Verallgemeinerung des Tatsächlichen, sondern sie deckt als kritische Theorie jene Grundlagen, jene Begründungen für diese Tatsachen auf, die veränderbar sind, die uns eine Basis für aktiv eingreifendes Handeln geben. Wir können die Tatsachen nicht einfach wegdenken, aber wir können ihre Fundamente untergraben, wenn wir sie denn – mehr oder weniger tief unter der Oberfläche vergraben und verdeckt – entdeckt haben. Es ist Tatsache, dass unsre „eigne gesellschaftliche Bewegung […] die Form einer Bewegung von Sachen“ haben, unter deren Kontrolle wir stehen, statt sie zu kontrollieren (MEW 23: 89). Diese Form der Bewegung von Sachen erleben wir alltäglich und sie kann uns entmutigen. Nicht jedoch, wenn wir dahinter die eigene gesellschaftliche Bewegung erkennen. Wenn wir erkennen, dass unsere eigenen produktiven Kräfte es sind, die zu Produktivkräften des Kapitals werden (MEW 26.1: 365), so stehen sie uns nicht mehr fremd und unvermittelt gegenüber, sondern es verweist darauf, dass wir sie uns zurückerobern können. Es sind längst und schon immer unsere, es kommt nur noch darauf an, ihre Enteignung durchs Kapital rückgängig zu machen.

Marx zeigt, wie das Eigene zum Fremden wird. Nicht um diese Enteignung und Entfremdung zu bestätigen. Sondern um aus dem Fremden das Eigene zurück zu gewinnen. Zuerst theoretisch und dann auch praktisch. Oder gedanklich während der praktischen Erfahrungen.

Nicht weil die Arbeit auch nur Moment des Kapitals ist, ist die Arbeiterklasse uninteressant geworden. Sondern weil das Kapital auch nur vergegenständlichte Arbeit ist, kann sich lebendige Arbeit aus dieser Vergegenständlichung befreien. Es geht letztlich um die Unterscheidung dieser beiden Interpretationsweisen. Einige Marx-Interpreten bevorzugen die erste. Alles ist wertförmig, nichts weist darüber hinaus. Das bestätigt nur den Fetisch, die Oberfläche, die Erscheinung. Das ist richtig, aber nicht die ganze Wahrheit. Es verdoppelt theoretisch den notwendigen Schein der Zirkulationsebene, schreitet aber nicht fort zum Begreifen der wesentlichen Differenz als Grundlage des Ganzen. Denn gerade weil die Arbeit Moment des Kapitals ist, ist sie das Besondere, dessen qualitative Gegensätzlichkeit das Ganze speist, weshalb das Ganze auch diese Besonderheiten, diese Gegensätzlichkeiten notwendigerweise mit reproduziert.

Wem diese Formulierungen zu kompliziert sind, macht es die fortgeschrittene Realität inzwischen einfacher, weil die Wirklichkeit des Kapitalismus diese Zusammenhänge inzwischen sichtbar macht. Die oben beschrieben neuen Herrschaftsformen sind nur deshalb notwendig geworden, weil geknechtete und gezwungene Arbeitskräfte nicht mehr die erforderliche Arbeitsleistung in der erforderten Qualität erbringen können. Sie sind nicht kreativ und nicht eigenständig kooperativ. Ohne diese Anforderungen an sehr viele Arbeitende funktioniert die komplex-verflochtene und hochproduktive Arbeit im Kapitalismus aber nicht mehr. Vor über 20 Jahren begannen deshalb die Bemühungen um neue Selbstorganisations-Managementmethoden, und obwohl vieles auch wieder zurückgenommen wurde und weltweit viele taylorisierte Arbeiten durchgeführt werden, sind die Kernprozesse durch selbstorganisierte, weitgehend selbst bestimmte, kreative und kooperative Arbeitsstile gekennzeichnet. Wer sich selbst um die Vermarktung der Produkte „seiner“ Firma sorgt, hat nicht mehr den eigenen Chef als Feindbild – sondern er leidet direkt und akut unter wirtschaftlichen Krisen des Gesamtsystems. „Während die Arbeitnehmer es früher nur mit dem Kapitalisten zu tun hatten, haben sie es jetzt mit dem Kapitalismus zu tun“ – schreibt Klaus Peters in „Statt eines Nachworts“. Natürlich wird ideologisch weiterhin ein personifizierende Feindbild aktiviert – aber tendenziell kann bewusst werden, dass es das Gesamtsystem der kapitalistischen Produktionsweise ist, das unseren eigenen Bedürfnissen auch nach einer vernünftigen Arbeitsweise, nach Sinn und Zweck in der angestrengten Arbeit, nach kooperativen Gemeinschaftserfolgen usw. vom Gesamtsystem frustriert werden und dies kann Folgen haben.

Wenn ich mich richtig erinnere, kam am Ende der DDR eine mächtige Menge Frust aus dem Widerspruch: „Ich will meine Arbeit gut machen, weil ich mich in ihr entfalten will – aber ich kann es nicht, weil die Arbeitsorganisation nicht funktioniert und Mangel an allem herrscht!“ Wir sollten deshalb nicht nur in jene Bereiche der „Keimformen“ schauen, in denen uns von vornherein neue Arbeitspraxen entgegen kommen, sondern auch im scheinbar „Alten“ das Neue zu erkennen suchen.

Dieter Sauer erinnert in einem ebenfalls im VSA-Verlag erschienenen Buch „Arbeit im Übergang. Zeitdiagnosen“ (2005) an den Marxschen Satz: „Die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform ist […] der einzige geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung“ (MEW 23: 512). Dieser Satz steht bei Marx nach der Beschreibung der Anforderungen an „den Wechsel der Arbeiten und möglichste Vielseitigkeit der Arbeiter als allgemeines gesellschaftliches Produktionsgesetz“. Hier haben wir m.E. ebenfalls so etwas wie eine „doppelte Funktionalität“, wie sie die Freie Software hat (also: für das herrschende System funktional zu sein, ABER wesentlich darüber hinaus zu weisen). Diese beiden Aspekte stehen nun nicht einfach nebeneinander, sondern sie wirken gegensätzlich, ja widersprüchlich. Es geht um die „Nichtidentität zwischen der Systemlogik des Kapitals und dem historischen Prozeß der Formung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens“ (Sauer). Bei uns hieß das mal „Widerspruch von Selbstentfaltung und Verwertungszwang“.

Diese Entfaltung ist nach Dieter Sauer „gefährdert“. In meinem Konspekt nach dem ersten Lesen schrieb ich missverstehend: „gefährliche Entfaltung“. War dieses Missverstehen vielleicht eine unbewusste Richtigstellung? Tatsächlich geht es doch darum, diese Entfaltung gefährlich für den Kapitalismus zu machen! Auch Sauer orientiert darauf, „die Qualität der Arbeit in ihrer Eigensinnigkeit gegenüber marktzentrierten Ansprüchen und Steuerungsformen in Stellung zu bringen“ und „ihren Eigensinn weiter zu entfalten, der nicht nur Sand ins Getriebe der Kapitalverwertung zu streuen vermag, sondern auch transitorische Perspektiven über den Kapitalismus hinaus aufscheinen lässt.“

Dass dies nicht auf die traditionellen Praxis der Arbeiterbewegung, die zwar berechtigterweise, aber nicht kapitalismusüberschreitend nach mehr Anteil am Mehrwert, also um weniger Ausbeutung, kämpft und auch nicht auf eine Praxis des Machtkampfs um die Steuerungshebel am gleichbleibenden Mechanismus verweist, sollte sich von selbst verstehen. Aber die reale und alltägliche Arbeitswelt birgt eben MEHR als „bloß immanente Kämpfe“.

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