Bei der Frage nach dem Ausweg aus dem Kapitalismus und „Keimformen“ einer nichtkapitalistischen Produktionsweise steht natürlich ganz zentral die Frage: Was kennzeichnet den Kapitalismus und was ist deshalb zu negieren?

Historisch hat sich gezeigt, dass die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und deren Verstaatlichung nicht ausreicht, um eine nichtkapitalistische Produktionsweise zu etablieren. Dies war im traditionellen Marxismus als „historische Mission“ der Arbeiterklasse bekannt. Als Begründung dafür lernten wir einst in „Staatsbürgerkunde“ und ML (Marxismus-Leninismus):

  • Die Akl ist die Hauptproduktivkraft;
  • sie ist quantitativ besonders stark, sie ist auch besonders konzentriert und organisiert;
  • sie hat ein Interesse an der Eroberung der Existenzbedingungen und sie kann sich nur befreien, wenn sie die Ausbeutung überhaupt abschafft.

Dass diese „Mission“ nicht dauerhaft von Erfolg gekrönt war, kann mehrere Ursachen haben:

  1. a) Die Theorie und Praxis der Arbeiterklasse waren richtig, aber die Gegner waren (noch) zu stark und die Konterrevolution hat gesiegt.
  2. b) Die Theorie war richtig, aber in der Praxis wurden Fehler gemacht, die letztlich zum Misserfolg führten. Hier gibt es dann noch unterschiedliche Theorieinterpretationen. Für die einen gibt es dann noch unterschiedliche Theorieinterpretationen. Für die einen war gerade das Nicht-Durchsetzen des Wertgesetzes im realen Sozialismus das Problem, für die anderen war noch zu viel Wertvergesellschaftung im Sozialismus.
  3. c) b) verweist schon darauf, dass die Theorie selbst keine eindeutigen Schlüsse zulässt und in sich widersprüchlich ist.

Bei c) wird nun angesetzt in der weiteren Theorieentwicklung. Eine Position besteht darin, dass das Setzen auf die Arbeiterklasse wohl keinen Ausweg bietet. Die Mission der Arbeiterklasse ist verbunden mit der Mehrwertfrage. Da auf die Arbeiterklasse nicht mehr zu hoffen ist, wird auch die Mehrwertfrage als uninteressant zurück gestellt. Der Kampf gegen Ausbeutung, also darum, mehr Anteil am Mehrwert zu erhalten, wird als kapitalismusimmanent konstatiert. Die Grundlage des Systems, die Wert-Vergesellschaftung, bliebe dabei unangetastet.

Alles ist Wert und Moment des Kapitals

Diese Theoriekonstruktion bezieht sich zu Recht auf Marx. Im „Kapital“ zeigt dieser, dass alle Erscheinungen der kapitalistischen Ökonomie lediglich Momente der Reproduktion des Kapitals als „automatischem Subjekt“ (MEW 23: 169) sind. Statt „Kapital“ kann man deshalb auch beim Hauptbegriff „Wert“ bleiben, denn „die Bewegung, worin er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung, also Selbstverwertung“ (ebd.).

Der Kapitalismus wird somit bestimmt als „Wert-Vergesellschaftung“ zum Hauptmerkmal des Kapitalismus und bei Marx weitergeführte Analysen zum Mehrwert etc. werden als unwichtig zurück gestellt. Die darauf basierende „wertkritische“ Theorie braucht das „Kapital“ Band I also eigentlich nur bis zur Seite 170.

Drei Schritte der Dialektik

Da in der Struktur des Marxschen Werks „Das Kapital“ noch viel Hegel drin steckt, wird die Bedeutung dieser Reduktion des Marxschen Werkes vor allem dann deutlich, wenn man die Struktur von Hegels „Logik“ kennt. Alles beginnt hier mit der Feststellung des jeweiligen Gegenstands. In einem ersten Erkenntnisschritt wird ausgesagt, was der Gegenstand ist. Dieses „was er ist“ wird in der einfachsten Weise ausgesagt: als abstrakte Identität. Wir wollen wissen, was der Begriff für Lebendiges ist? Nun, einfacherweise erst einmal „Leben“. „Leben an sich“, noch völlig unkonkret, abstrakt. Im weiteren Verlauf schreitet die Erkenntnis aber fort dazu, das was wir erkennen wollen, in seinen Beziehungen zum Umfeld und in seiner inneren Differenzierung aufzunehmen. Lebendiges teilt sich auf in Pflanzen und Tiere und so weiter… und Leben ist das Gegenteil vom Tod. Unendlich viele Bezüge lassen sich hier aufzählen. Dabei lassen sich auch zwei Ebenen unterscheiden: Wesen und Erscheinung. Es zeigt sich, dass allem Lebendigen bestimmte Merkmale gemeinsam sind. Lebendig sind Einheiten, die durch „Stoff- und Energieaustausch mit der Umwelt sowie Fortpflanzung und Wachstum“ gekennzeichnet sind. Speziell durch die Fortpflanzung kommen wir dann darauf, dass Lebendiges sich vor allem dadurch von anderen Dingen unterscheidet, dass die einzelnen Lebewesen sterben und darauf die Entwicklung der Gattungen beruht. Leben und Tod bedingen einander. Es gibt kein Leben ohne Tod und keinen Tod ohne Leben. Gleichzeitig sind Leben und Tod aber auch Gegensätze. In dieser Gleichzeitigkeit von Identität (eins nicht ohne das andere) und Gegensätzlichkeit liegt der Widerspruch von Leben und Leben selbst ist der sich bewegende, existierende Widerspruch. Wenn wir Leben als sich bewegenden Widerspruch begriffen haben, haben wir – entsprechend der Hegelschen Dialektik – die höchste Weise der Erkenntnis erreicht und die Wahrheit, begriffen.

Arbeitskraft und Mehrwert

Nun waren die Vorformen dieser begriffenen Wahrheit, also die einfache, abstrakte Identität und das Aufzeigen der vielfältigen Beziehungen nicht falsch, aber sie waren noch nicht die ganze Wahrheit. Strukturell gesehen ergeben sich diese „Zwischen-Wahrheiten“ letztlich aus der höchsten Form der Wahrheit. Wenn wir diese haben, haben wir alles – aber um zu ihr zu kommen, müssen wir auch durch die Zwischenschritte hindurch. Wir sollten aber nicht schon bei einem Zwischenschritt stehen bleiben, sondern nach dem Mangel dieser Sichtweisen suchen, nach in ihnen vorhandenen Widersprüchen, die wir erst in der höheren Form weiter begreifen können. Deshalb folgt bei Marx im „Kapital I“ auf S. 170 auch das Kapitel „Widersprüche der allgemeinen Formel“. Gerade diese Widersprüche führen dazu, dass innerhalb der Zirkulationssphäre, wo es wirklich nur um abstrakte Gleichheiten geht, die Herkunft des Mehrwertes, um die es ja bei der „Selbstverwertung des Werts“ geht, nicht aufgeklärt werden kann. Durch diese Frage kommt Marx schließlich zur Erkenntnis einer wesentlichen Besonderheit der Ware Arbeitskraft. Für das die Ware Arbeitskraft kaufende Kapital hat die Arbeitskraft einen besonderen Gebrauchswert: nämlich mehr Werte herstellen zu können, als sie zu ihrer eigenen Reproduktion braucht (ebd.: 181 ff.).

Für Marx ist also der Übergang zur Sphäre der Produktion, in der gerade der Schein der abstrakten Identität aus der Zirkulationssphäre überwunden wird, bedeutsam. Es ist eben doch nicht jede Ware wie die andere, jeder Wert wie der andere, sondern die Ware Arbeitskraft mit dem Gebrauchswert, Mehrwert schaffen zu können, ist eine „wesentliche Verschiedenheit“ (MEW 42: 21). Obgleich es aus Perspektive der zuerst genannten abstrakten Identitätssichtweise natürlich stimmt, dass Mehrwert auch nur Wert und Arbeit im Kapitalismus auch nur ein Moment vom Kapital ist, so deutet die gesamte Struktur der marxschen Arbeit darauf hin, dass die volle Wahrheit erst später entwickelt wird und auf diesen späteren Teil nicht einfach verzichtet werden kann, weil die Arbeiterklasse historisch die Erwartungen nicht erfüllt hat.

Kritik statt Verdoppelung des Scheins

Im Falle der marxschen Theorie über den Kapitalismus enthält ein Stehenbleiben bei der abstrakten Identität eine besondere Falle: Es verhindert eine Form von bestimmter Kritik, von bestimmter Negation. Es wird erkannt, dass für Arbeiter ihre „eigne gesellschaftliche Bewegung […] die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren“ (MEW 23: 89) hat. Und es wird erkannt, dass der Wert als „automatisches Subjekt“ (ebd.: 169) sich alle anderen Faktoren unterwirft. Immer wieder zeigt es ja Marx an vielen Stellen: Das Kapital ist eine Totalität, bei der eine bestimmte Produktion „allen übrigen und deren Verhältnisse daher auch allen übrigen Rang und Einfluß anweisen, daß „eine allgemeine Beleuchtung“ herrscht, „worin alle übrigen Farben getaucht sind und… sie in ihrer Besonderheit modifiziert““ (MEW 42: 40). Der Marxsche Begriff von Einheit betont jedoch gerade dass „über der Einheit […] die wesentliche Verschiedenheit nicht vergessen“ werden darf (ebd.: 21).

Die Beschränkung auf das Identitäre, mit-sich-identisch-Bleibende wäre typisch für systemtheoretische Zirkulationstheorien. Obwohl im Kapitalismus „der Austausch […] dazu fortging, die Produktion selbst dem Tauschwert zu unterwerfen“ (MEW 42: 183), ist es die Aufgabe von kritischer Theorie, nicht diese Verkehrung zu reproduzieren und ihre Erscheinungen beschreibend zu verdoppeln, sondern aufzudecken, dass alle Zirkulation „das Phänomen eines hinter ihr vorgehenden Prozesses“ (ebd.: 180) ist und in diesem ihren Grund hat. Wie Camilla Warnke verdeutlicht, nimmt eine Zirkulationsperspektive ihre Momente als gegeben an. Erst in der Sphäre der Produktion „tut sich der Widerspruch auf“ (Warnke 1977: 43): „Für das revolutionäre Marxsche Anliegen, die Keime des Untergangs der bürgerlichen Gesellschaft in deren eigenem Bewegungsgesetz aufzufinden, war der Ausgang von der Charakterisierung der Ware als Element also unbrauchbar, weil er durch diesen immer nur auf Verhältnisse der identischen Reproduktion gestoßen wäre. Zu anderen Ergebnissen führt der Ansatz, die Ware in ihrer widersprüchlichen Natur aufzufassen: nicht als einfache Identität, sondern als Identität miteinander vermittelter Gegensätze, als Einheit von Tauschwert und Gebrauchswert. In dieser Sicht wird die Ware über ihren Gebrauchswert in ihren „Grund“, in die Produktionssphäre zurückgeführt, und in dieser zeigt sich, daß nicht Gleichheit, Gleichgewicht und identische Reproduktion die Bewegung der kapitalistischen Produktionsweise regieren, sondern Ungleichheit, Ungleichgewicht und erweiterte Reproduktion.“ (Warnke 1977: 61)

Die Marxsche Theorie ist ja nicht irgend eine, vielleicht die beste beschreibende Darstellung der kapitalistischen Wirklichkeit. Nein, sie will den notwendigen Schein, den das Leben im Kapitalismus erzeugt, kritisch durchdringen und Verkehrungen aufdecken, die auf der Oberfläche nicht einfach abzulesen sind: „Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin die Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klarzuwerden suchen, sind sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich zu ihrer innern, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff.“ (MEW 25: 219)

Schon innerhalb der Wertformanalyse der Ware zeigt Marx, welche Verkehrungen sich besonders an die Äquivalentform der Ware hängen. Der Gebrauchswert der Ware (B) in Äquivalentform wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts der Ware (A) in relativer Wertform (MEW 23: 70); die konkrete Arbeit (der Ware B) wird zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit (der Ware A) (ebd.: 72) usw.. In dieser „verkehrten“ Erscheinungsform gehen die Waren in den Austausch und erscheinen als gleich und werden praktisch als gleich behandelt. Diese Gleichheit beruht jedoch auf der Ungleichheit und im Bereich dieser Ungleichheiten finden wir auch die „wesentliche Verschiedenheit“, auf die es bei aller erscheinenden Gleichheit ankommt.

Den Mehrwert betrachtet Marx tatsächlich primär unter dem Gesichtspunkt der rein quantitativen Vermehrung des Werts. Mehrwert ist dann der „Überschuß des Werts des Produkts über die Wertsumme seiner Produktionselemente“ (MEW 23: 226); er ist bestimmt als quantitativer Betrag DG in der Kapitalzirkulationsformel G – W – G + ΔG. Marx nimmt damit den Standpunkt des „automatischen Subjekts“ ein und reproduziert die notwendigerweise verkehrt erscheinende Wirklichkeit. Ja, der Kapitalismus nimmt den Mehrwert nur als quantitative Wertvergrößerung. Ist dies aber die ganze Wahrheit, die in der Theorie steckt? Volker Braun erinnerte schon die Gewi-Leute in der DDR. „Es genügt nicht die einfache Wahrheit“. Schauen wir einmal genauer auf die Begründung der Besonderheit der Arbeitskraft.

Mehrwert ist mehr als Wert

Marx schreibt zum Arbeiter: „Er als Person muß sich beständig zu seiner Arbeitskraft als seinem Eigentum und daher seiner eignen Ware verhalten, und das kann er nur, soweit er sie dem Käufer stets nur vorübergehend, für einen bestimmten Zeittermin, zur Verfügung stellt, zum Verbrauch überläßt, also durch ihre Veräußerung nicht auf sein Eigentum an ihr verzichtet.“ (MEW 23: 182, vgl. auch MEW 26.1: 373) Und weiter: „Aber er [der Arbeiter] hat die Möglichkeit, ihn [den Akt] von vorn anzufangen, weil seine Lebendigkeit die Quelle, worin sein eigner Gebrauchswert bis zu einer gewissen Zeit, bis er abgenutzt ist, stets wieder von neuem sich entzündet und dem Kapital stets gegenüberstehn bleibt, um denselben Austausch von neuem zu beginnen.“ (MEW 42: 208) Dies ist schon deshalb interessant, als sich hier eine Analogie zu den Universalgütern herstellt, die sich nach Lohoff und Meretz unter anderem dadurch von anderen Gütern, die durch ihre Produktion für den Austausch zur Ware werden, unterscheiden, als sie keinem „Händewechsel“ unterliegen.

Dazu kommt aber noch etwas, was die Universalgüter nicht haben: Subjektivität. Arbeiter produzieren den Mehrwert nicht, weil sie irgendwie das physikalische Energieerhaltungsgesetz umgehen könnten, nein, was sie zusetzen über die physikalisch-chemische Energie hinaus, ist wesentlich ihre Subjektivität. Und damit haben wir die wesentliche Verschiedenheit, die die treibende Widersprüchlichkeit begründet. Marx selbst hatte die Arbeitskraft/ das Arbeitsvermögen bestimmt als „Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert“ (MEW 23: 181). Um diese geht es in ihrer qualitativen Besonderheit, aus ihnen kann innerhalb des Arbeitsprozesses jene Potenz für das über den Kapitalismus Hinaustreibende kommen.

Damit ist die Ware Arbeitskraft Eigentum einer Person, die wenigstens potentiell mehr sein kann als Eigentümerin der Arbeitskraft. Die kapitalistische Praxis und Theorie verleugnet die nicht verkauften Persönlichkeitsanteile; diese Verleugnung ist theoretisch zu kritisieren, und die nicht arbeitkraftförmigen Persönlichkeitsanteile praktisch zu entbergen und zu stärken. Die Arbeitskraft als „Anlage des lebendigen Individuums“ (MEW 23: 185) verwirklicht sich „durch ihre Äußerung, betätigt sich […] in der Arbeit“. Als Beziehung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit enthält die Arbeitskraft jeweils mehr Anlagen, als aktuell verwirklicht sind. Die Entwicklung dieser aktuell nicht verwirklichten Anlagen ist als Bestandteil des „Mehr-Produkts“ zu verstehen, umso mehr, als in Arbeit der arbeitende Mensch „zugleich seine eigene Natur“ (MEW 23: 192) verändert und auch im Kapitalismus die Produktion Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozess ist, also der Arbeitsprozess nicht im der Verwertungsprozess vernichtet wird (MEW 23: 201). Der Grund für das Entstehen des „Mehr“ in den Arbeitsprodukten, d.h. den reproduzierten gesellschaftlichen Verhältnissen, der reproduzierten Arbeitskraft und den erzeugten Gütern besteht letztlich in der „Vermehrung der Produktivkraft der lebendigen Arbeit“ (MEW 42: 257) – und diese ist nur auf den ersten, abstrakten Blick reduzierbar auf das in Geld (ΔG) ausdrückbare Kapitalwachstum.

Literatur neben Marx, MEW:

Warnke, Camilla (1977): Gesellschaftsdialektik und Systemtheorie der Gesellschaft im Lichte der Kategorien der Erscheinung und des Wesens. In: Heidtmann, B., Richter, C., Schnauß, G., Warnke, C., Marxistische Gesellschaftsdialektik oder „Systemtheorie der Gesellschaft“? Berlin. S. 25-68.
Siehe auch im selben Band Artikel von Bernhardt Heidtmann.

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