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Ernst Bloch nimmt an, dass die Welt sich in einem entwicklungsgeschichtlichen Prozess hinein ins Offene befindet. Dieser offene Prozess bewegt sich in das „Noch Nicht“ hinein – in das Noch-Nicht-Gewordene in Richtung auf ein unentfremdetes Leben von Menschen in der Welt. Dieser Weg erfolgt nicht richtungslos; obwohl grundsätzlich das Ziel nicht im Vorhinein bekannt sein kann, sondern erst im Prozess herausprozessiert wird, leuchtet es dem Handeln voraus. Die Welt ist voller Möglichkeiten, und sie kann durch aktives Handeln verändert werden.

Schon bevor sie verwirklicht ist können Menschen sich solch eine lebenswerte Zukunft vorstellen. Sogar die Tagträume weisen darauf hin; in Märchen und vor allem in der Musik und in anderen Kunstwerken verdichten sich Ahnungen in Richtung des möglichen Neuen und wirken so als „Vor-Schein“. Da die Kunst „ihre Stoffe, in Handlungen, Situationen wie Gestalten zu Ende“ treibt (Prinzip Hoffnung, S. 947, vgl. auch Experimentum Mundi, S. 196), entsteht ein „ästhetischer Vor-Schein“ am „Horizont des Wirklichen“ (ebd.: 948).

„Hier wird belichtet, was gewohnter oder ungestumpfter Sinn noch kaum sieht…“ (Bloch Prinzip Hoffnung, S. 247)

Der Vor-Schein ist nicht „bloßer Schein“ im Sinne eines Truggebildes, sondern er hat eher Verwandtschaft mit der Bedeutung von „Schein“ als göttliches Licht, das von Gott her auf die Welt und den Menschen geworfen wird bei Meister Eckhart (nach Klein 2007). Dies gilt nach Bloch auch für den „schönen Schein“, der durch Kunstwerke verkörpert wird (insofern Kunstwerke sich der Darstellung des Schönen widmen, was heute auch nicht mehr selbstverständlich ist). Für Ernst Bloch vermittelt Schönheit und Erhabenheit die Ahnung künftiger Freiheit (Prinzip Hoffnung: 250).

„Künstlerischer Vorschein ist überall dort nicht nur bloßer Schein, sondern eine in Bilder eingehüllte, nur in Bildern bezeichenbare Bedeutung von Weitergetriebenem, wo die Exaggerierung und Ausfabelung einen im Bewegt-Vorhandenen selber umgehenden und bedeutenden Vor-Schein von Wirklichem darstellen, eine gerade ästhetisch-immanent spezifisch darstellbaren.“ (ebd.: 247)

Aber auch die scheinbar nur pessimistischen und nihilistischen Werke in Zeiten des gesellschaftlichen Übergangs wie „Warten auf Godot“ beinhalten gerade durch den „mangelnden Vor-Schein“ (Experimentum Mundi, S. 198) die Beharrung auf ihm. Brechts Theaterstücke dagegen sind ein „zielbewußtes Durchprobieren dramatischer Weg- und Lösungsmodelle (ebd.: 198 f.).

„Mit ruhelosen Modellbildungen des noch ausstehend Rechten, durchgeprobt im offenen Reich der Möglichkeiten als einer experimentell versuchbaren.“ (ebd.: 199)

Wer sich dafür interessiert, wie Ernst Bloch solch einen Vor-Schein des Möglichen in allen Kunstsparten aufspürt, sei besonders auf sein großes Werk „Das Prinzip Hoffnung“ verwiesen.

siehe auch

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