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Heimat wird in Wikipedia umschrieben als „Gesamtheit der Lebensumstände, in denen ein Mensch aufwächst“. Gleichzeitig ist dieses Wort nicht nur biographisch in die Vergangenheit zu projizieren, sondern:

„Als Gegenüber der Fremde wird Heimat im utopischen Sinne auch als der erst noch herzustellende Ort in einer Welt jenseits der Entfremdung verstanden“ (ebd.).

Die Kategorie „Heimat“ bei Ernst Bloch meint wesentlich diese zweite genannte Bedeutung. Jenseits der Entfremdung, nicht fremd – dies sind die wichtigsten inhaltlichen Bedeutungen des Heimatbegriffs.

Heimat als Gegenbegriff zur Fremde

Heimat ist für Ernst Bloch „ein philosophischer Begriff gegen die Entfremdung.“ (Bloch TLU: 220) Sie ist jene „Welt…, wo das Objekt nicht mehr behaftet ist mit einem ihm Fremden“ (Bloch 1974a: 76) Hier findet das menschliche Individuen zur „Identität des zu sich gekommenen Menschen mit seiner für ihn gelungenen Welt“ (PH: 368).

Heimat ist noch nicht

Da die bisherigen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung gekennzeichnet sind, ist diese Identität des in der ihm angemessenen Welt zu sich gekommenen Individuums nirgendwo erreicht, aber in der Zukunft tendenziell erreichbar. Die Heimat wird somit zum utopischen Totum und meint „jene Freiheit, jene Heimat der Identität, worin sich weder der Mensch zur Welt noch aber auch die Welt zum Menschen verhalten als zu einem Fremden.“ (PH: 241)

Dabei fließt der Prozess der Entwicklung nicht automatisch in diese Richtung, sondern er kann entweder Alles erreichen oder im Nichts enden. Das „Alles“ besteht in der„besiegelte(n) Erfüllung der Utopie oder (dem) Sein wie Utopie“ (PH: 364) – in der Heimat. Es ist möglich, das Alles, die Heimat zu erreichen – ebenso möglich ist aber auch die „besiegelte Vereitelung der Utopie“ (PH: 364); das „Nichts“. Angesichts der heute deutlich werdenden Klimawandelszenarien, bei denen ernsthaft auch mit einem Ende der menschlichen Zivilisation auf unserem Niveau gerechnet werden muss, bekommt diese philosophische Aussage ein besonderes Gewicht.

Solange die Menschheit als Zivilisation ihre eigene Entwicklung nicht so gestaltet, dass alle Menschen menschlich leben können und die Naturveränderung sich nur als vergeudender Missbrauch äußert, befindet sie sich noch in ihrer eigenen „Vorgeschichte“ (vgl. Marx MEW 13: 9).

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor der Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (Bloch PH: 1628)

Noch niemand war tatsächlich da, außer in Wünschen, Träumen und Ahnungen. Aber dass wir in diesen oft übersehenen, geleugneten Weisen schon immer da waren und sind, weist Bloch vor allem in seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ umfassend nach.

Bloch ermahnt dazu, das Erbe der Vergangenheit, besonders das revolutionäre, das utopienerfüllte, nicht zu verleugnen und jenen zu überlassen, die es als „Waffe der Reaktion“ (EZ: 16) missbrauchen. Dies gelingt auch bei dem für Blut-und-Boden-Ideologie gebrauchten Wort „Heimat“ nicht durch den Verzicht seiner Verwendung, sondern durch das Heraufbringen seiner tieferen, seiner progressiven Bedeutung, aus der heraus sich die Missdeutung dann verdeutlicht:

„Da heißt es also sozusagen, daß man gern zurückkehren möchte an den Kurfürstendamm oder irgendwohin in eine Kleinstadt. So darf Heimat nicht verstanden werden. Das landet im Spießertum und nicht in einer revolutionären Inwendigkeit, die auswendig geworden ist…“ (TLU: 220)

Heimat als Aufgabe

In der Heimat, der nicht mehr fremden Welt der nicht mehr entfremdeten Menschen, kann die wirkliche Geschichte der Menschheit beginnen. Die Aufgabe besteht jetzt darin, die Vorgeschichte abzuschließen und die Welt zu unsrer Heimat zu machen. Das bedeutet nicht einfach eine expansionistische Ausbreitung in den Weltraum hinein, sondern einen qualitativen Wandel unserer Verhältnisse, der zwischenmenschlichen wie auch jener zur uns umgebenden Natur.

„Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“ (PH: 334)

Wohin uns dieser Weg führt, wie die befreite Welt genau aussieht, wissen wir noch nicht. Aber dieses Nicht-Wissen sollte uns nicht beängstigen. Wenn wir uns dafür einsetzen, befinden wir uns auf dem Weg „nach Hause… wo du noch niemals warst“ (Sp: 81). Es geht in Richtung auf das stets Gemeinte“, „urvertraut“, wenn auch in einem „Sprung zum Niegewesenen“.

Der weitverbreiteten Skepsis, der Angst vor dem Neuen kann begegnet werden durch eine Uminterpretation des vor uns liegenden Weges: Es geht nicht hinein uns Unbekannt-Fremde – sondern ins Erträumt-Heimatliche. Und wenn ein Weg, der beispielsweise von realer Politik begangen wird, fühl- und erkennbar eben nicht in dieses Heimatliche führt, dann kann es tatsächlich nur ein Irrweg sein.

… „Wohl dem, der sich unter vorhandenen oder vorgemachten Stillungen nicht diesen appetitus verlegen läßt.“ (Sp: 81).

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