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Das Wort „Mensch“ wurde als Adjektiv (männisch) ab 1594 dem „mann“ zugeordnet, aber ab dem 15. Jahrhundert auch schon bezogen auf Frauen verwendet.

Die einfache Frage, was Menschen sind, ist eine der kompliziertesten und die Antwort darauf begründet jeweils das wesentliche Fundament einer Weltanschauung. Ernst Bloch zitiert häufig Aussagen, die die Frage, was Menschen sind, an ihrem Unterschied zu Tieren festmacht. Dadurch ergeben sich einige Fähigkeiten, die das Menschsein durchaus kennzeichnen. Gerade aus dem Festhalten der Unterschiede zu den Tieren wird sich das entscheidende Merkmal des Menschseins als „Nicht-Festgehaltensein“ heraus stellen.

Der arbeitende Mensch

  • Menschen stellen Werkzeuge her: „Erst der Mensch ist das werkzeugmachende Tier, hat den Nagel zur Feile, die Faust zum Hammer, die Zähne zum Messer gesteigert.“ (PH: 731)
  • Menschen arbeiten: „Der Mensch ist dasjenige, was noch vieles vor sich hat. Er wird in seiner Arbeit und durch sie immer wieder umgebildet. Er steht immer wieder vorn an Grenzen, die keine sind, indem er sie wahrnimmt, er überschreitet sie. Das Eigentliche ist im Menschen wie in der Welt ausstehend, wartend, steht in der Furcht, vereitelt zu werden, steht in der Hoffnung, zu gelingen.“ (PH: 284-285)

„Der Mensch und seine Gesellschaft formt derart eine andere Umwelt um sich als die ihm biologisch zugeordnete; er bringt mit seiner Arbeit einen Zuschuß und Umbau ins Vorhandene oder zu ihm hinzu.“ (PH: 1239)

Daraus folgt:

  • „Die Tiere sind mit sämtlichen Handlungen und Empfindungen in ihr fixes Gattungswesen und dessen Umwelt eingebaut: der Mensch kann sich darüber hinausheben.“ (PH: 1238)
  • „Das Tier ist fertig, wenn es die Art erhalten kann, beim Menschen fängt mit der Pubertät erst die entscheidende Entfaltung an. Das Tier ist in seine Umgebung tatsächlich wie hineingepresst, und diese ist wieder, mit einer Entsprechung bis zur Mimikry, auf seinen eigenen Bauplan eingetragen; der Mensch verändert seine Umwelt durch Arbeit, er selber wird erst durch diese Mensch, nämlich Subjekt der Weltveränderung.“ (PH: 1238 f.)

Der sich verändernde Mensch

Da, wie eben festgestellt, das Verändern-Können das Wesen des Menschseins ausmacht, gilt dies auch für sich selbst: Er verändert sich ständig selbst, so dass keine Form seiner Verwirklichung „festgehalten“ werden kann und als „Dies ist der Mensch“ festgestellt werden kann.

„So ist der Mensch die reale Möglichkeit alles dessen, was in seiner Geschichte aus ihm geworden ist und vor allem mit ungesperrtem Fortschritt noch werden kann.“ (PH: 271)

„Der Mensch ist invariant gerade als das sich usque ad finem stets überschreitende Wesen.“ (Bloch TLU: 261, vgl. Bloch LM: 362) (usque ad finem = „bis zum letzten Atemzug“)

Der noch entfremdete Mensch

In den letzten Jahrtausenden lebten fast alle Menschen unter Verhältnissen, in denen sie ausgebeutet und geknechtet werden. Menschen lebten als Sklaven und Herren, als Proletarier und Kapitalisten – aber all dies erklärt nicht, was „ein Mensch“ ist:

„Die Menschen sind nicht Sklaven, aber auch nicht die Herren, nicht Leibeigene, aber auch nicht Feudale, nicht Proletarier, aber gewiß nicht Kapitalisten. Was sie sind, ist in der Arbeitsteilung der bisherigen Klassengesellschaften nicht deutlich geworden.“ (SO: 514)

Solange Menschen unter Verhältnissen leben, in denen sie ihre eigenen Lebensbedingungen nicht bewusst gestalten können, sondern unter persönlichen oder sachlichen Herrschaftsverhältnissen agieren, sind die Menschen noch nicht aus ihrer „Vorgeschichte“ (Marx MEW 13: 9) heraus getreten. Zwar entsteht der gesellschaftliche Zusammenhang immer nur im Handeln der Menschen, aber solange die Individuen nicht selbstbewusst und kooperativ diese Verhältnisse gestalten, stehen sie ihren eigenen Möglichkeiten „entfremdet“ gegenüber. Zwar weiß man oft nicht genau, was genau wie anders sein könnte, aber „Etwas fehlt…“ .

“Was ist der Mensch? Dasjenige, was zwar noch nicht weiß, was es ist, doch wissen kann, was es, als sich entfremdet, sicher nicht ist und deshalb so falsch nicht bleiben will, wenigstens nicht soll. (Bloch AOP: 18)

Das zeigt sich individuell auch daran, dass es „in jedem Menschen einen wie auch immer durchkreuzten Willen [gibt], der unabhängig zu sein wünscht und nicht untertan.“(PH: 1134)

Für die Arbeiterschaft lehnt Bloch jeden „Proletkult“ ab, aber „sie lehrt grade radikal in ihrer völligen Entmenschung, daß es bisher noch kein menschliches Leben gegeben hat, sondern immer nur ein wirtschaftliches, das die Menschen umtrieb und falsch machte, zu Sklaven, aber auch zu Ausbeutern.“ (Sp: 31)

Der zu findende Mensch

Das, was nicht entfremdet wäre, ist noch nicht bekannt, denn „denn der Mensch ist etwas, was erst noch gefunden werden muß.“ (Sp: 2) Es gibt nichts „ahistorisch Zugrundeliegendes und Erzgewisses“ (NR: 219), sondern nur „utopisch Unvorhandenes und Geahntes“. Dieses Geahnte bleibt aber nicht unbestimmt. Bloch bemüht einen Vergleich:

„Aber, fährt Kant fort, wie das Kind im Mutterleib bereits Lunge und Magen habe, obwohl ihm diese Organe doch gar nichts taugen, in seinem Zustand, so besäße auch der Mensch, obzwar ins Arge dieser Welt Eingeschlossen, dennoch Organe, seiner höchsten Bestimmung, seiner andren Bürgerschaft.“ (Sp: 133)

Bloch lässt es eher im Vagen, ob man dem Erreichen von „Heimat“ eine bestimmte Gesellschaftsform wie den Kommunismus zuordnen kann. Auf jeden Fall liegt das Ziel nicht im Unerreichbaren und es gibt „Gestalten eines relativen Anhaltens“ (SO: 488). Auch nach der Aufhebung der kapitalistischen Entfremdungsformen wird das Menschsein nicht fest-gestellt sein.

„Wobei wichtig ist, daß gar nicht gesagt werden kann, was der Mensch ist, weil er eben am stärksten drängend von allem, was es gibt, sich nicht hat, sondern wird.“ (Bloch EM: 172)

Der Mensch ist weiterhin und immer „wesenhaft von der Zukunft her bestimmt.“ (PH: 3)

Der Mensch an der Front der Welt

Letztlich ist auch die Materie „nach Möglichkeit“ und „in Möglichkeit“ (PH: 238 ff.). Der Mensch ist – zumindest seit der Entstehung der Menschheit im Universum – das Subjekt der Weltveränderung (Bloch PH: 1239). Die auch technische Naturveränderung gilt Bloch nicht grundsätzlich als notwendiges Übel, sondern als Möglichkeit, mit welcher sich die Natur selbst entfaltet. Naturveränderung will, wie Bloch es beschreibt: „Gesellschaft wie Natur in die Angeln heben“ (Bloch PH: 287). In einer befreundeten Naturbeziehung kann die Natur durch die menschliche Arbeit bisher ungeahnte Naturmöglichkeiten entfalten und ihr gilt, „dass im Menschen der Hebel sei, von dem die Welt aus technisch in ihre Angel zu heben sei“ (Bloch PH: 801). Durch die Veränderung von sich, der Natur und der Gesellschaft sind die Menschen jene aktiven Faktoren, mittels derer die Welt sich derzeit wesentlich verändern kann.

„Wir Menschen stehen an der Front des Weltprozesses, und wenn wir den subjektiven Faktor, der wir sind, den Faktor der Tat, die sich mit uns selbst verwirklicht, nicht einsetzen, dann allerdings entsteht nichts.“ (Bloch 1976: 144)

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