depression

Auch wer sich nicht für Fußball interessiert, weiß seit einigen Tagen, wer der deutsche Nationaltorwart war. Inzwischen wundern sich die Journalisten selbst darüber, dass auch so viele Nicht-Fußball-Interessierte sich ausgerechnet um diesen einen von fast 10 000 Suizid-Opfer pro Jahr trauern. Dabei haben sie diesen Hype selbst erst produziert und ich würde mir wünschen, um jeden anderen Menschen würde ebenso getrauert wie um Robert Enke.

Dass das Thema Depression dabei ins Gespräch kommt, ist gut. Depression ist eines der häufigsten Krankheitsbilder; sie kostet viele, viele Lebensjahre und es ist auch erwiesen, dass nicht nur die Nachweisbarkeit sich in den letzten Jahrzehnten stark verbessert hat, sondern auch die Anzahl der von Depression betroffenen Menschen steigt und steigt.

Dabei wird es immer schwerer, in unserer von Stress, Daueranspannung, Zwangsdynamik und –flexibilität gekennzeichneten Zeit zuzugeben, dass man dieser Hetze nicht gewachsen ist.

Wer nicht mit beschleunigt, sondern mit konstanter Geschwindigkeit voran kommen würde, fällt immer weiter zurück. Umso mehr fallen jene zurück, die für eine gewisse Zeit quasi „erstarren“. Sie können sich nicht zurücklehnen, neue Kräfte sammeln – sie quälen sich weiter im Hamsterrad, bis sie morgens nicht einmal mehr aus dem Bett kommen. Erstaunlich ist eigentlich nicht die hohe Zahl der Depressionen, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der die meisten von uns diese Überhastung durchhalten.

Wenn den Depressiven die Fähigkeit zu Freude und Sinnhaftigkeit verloren geht, so haben sie nur verlernt, sich zu täuschen. Der Job, die Familie, das Hobby… der prekäre Überlebenskampf oder der Arbeitsstress. All dies lässt viele von uns innerlich leer zurück… Ob nun krankhaft oder nicht: Es wird Zeit, dass wir gesellschaftliche Verhältnisse einfordern, die uns diese Hetze nicht mehr aufzwingen. Zwar wird niemand gezwungen, Spitzensportler zu werden, aber wir alle, die wir in allen Lebenslagen unsere eigene Gehetztheit besser ertragen, wenn wir Triumphe oder Abstürze auf diese Leute projizieren, brauchen mehr wirkliche Selbstbestimmung durch Freiheit zur Muße, zu Entspannung, zum Abstand-Nehmen und zu einem Nicht-immer-funktionieren-müssen…

Ich denke, es kommt nicht nur darauf an, die von Depression betroffenen Menschen schneller zum Arzt zu schicken. Ich höre seit Tage ständig deren Versprechen: „Diese Krankheit ist behandelbar“. Aber heilbar ist sie auch dann nicht immer. Die größte Herausforderung wird sein, diese Problematik nicht nur auf spezialisierte Bereiche der Gesellschaft abzuschieben, diese Menschen nicht abzuschieben, ihre Angehörigen nicht allein zu lassen.

In den 70erm muss es in der BRD mal ein Netzwerk vorwiegend politisch links-alternativer Menschen gegeben haben, die sich mit dem Problem der psychiatrischen Erkrankungen bzw. persönlichen Problemsituationen beschäftigt haben, auch um eine Alternative zur zumindest damals häufig unerträglichen Zwangspsychiatrisierung zu schaffen. Davon scheint nichts mehr übrig geblieben zu sein.

Ich weiß nicht, wie weit eine Art „erweiterte Familie“ helfen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass in jeder kulturellen, sportlichen, familiären oder freundschaftlichen Gruppe mindestens eine Person mit größeren psychischen Problemen lebt oder als Angehörige betroffen ist, ist sehr, sehr groß. Wissen wir davon? Wie gehen wir damit um?

Abgesehen von diesen naheliegenden, eher praktischen Fragen, über die ich in diesem Zusammenhang nachdenke, hatte ich – damals auch aus gegebenem Anlass – mal eine eher theoretische Zusammenfassung zum Thema geschrieben, allerdings gibt’s die nur auf Englisch:

Einen Lesehinweis habe ich noch: Es gibt gerade (noch) ein Sonderheft der „Psychologie heute. compact“ zum Thema „Depression“. Wer einen guten Überblick über das Thema möchte, ist damit sicher gut bedient.

Advertisements