Ja, es ist wieder losgegangen. In Jena wurde heute nach einer Demonstration wieder ein Hörsaal besetzt. Das nebenstehende Bild ist (auch etwas größer) aus einem Bericht im Internet. (auch zum Pfeffersprayeinsatz der Polizei).

Ich muss gestehen, dass mich diese Nachricht über den Umweg „Ernst Bloch -> Recherche über Utopien -> gelandet bei „Radio Utopie“ -> Bericht über Jena“ erreicht hat. Ich hab mir dann mein Fahrrad geschnappt und bin die kurze Strecke „rüber zur Uni“. Dort hab ich dann über Bekannte erfahren, dass Elmar Altvater gerade mit einem Vortrag beginnt und bin dann noch dorthin…

In dem besetzten Hörsaal erlebte ich dann gerade eine Aussprache mit der Unileitung. Die Problematik mit dem Polizeieinsatz schiebt diese von sich – die Polizei hätte von selbst gehandelt, wahrscheinlich im Versuch, die Demonstration auf der öffentlichen Straße zu halten. Warum sie verhinderte, dass Studenten ihre Uni betreten konnten (auch welche, die zu einer Vorlesung wollten), konnte hier nicht geklärt werden.

Weiterhin wurde darauf verwiesen, dass die Unileitung gesprächsbereit ist und z.B. offen dafür, einen Raum als „Freiraum“ für die Studierenden zur Verfügung zu stellen. Ich habe den Eindruck, die Studierenden brauchen jetzt erst einmal selbst Zeit, um herauszufinden, was sie wollen. Auf der Demo wurde ein Redebeitrag gehalten, den ich hoffentlich noch bekomme, um ihn zu posten. Die Frage wird einfach sein, wie weit der Horizont der Proteste reicht. Schon im Sommer schrumpften die Forderungen bald auf einen „Freiraum“ zusammen, die bildungs- und gesellschaftspolitische Brisanz wurde nicht weiter entfaltet.

In der „jungen welt“ gibt es heute eine „selbstkritische Einschätzung“ der Bildungsstreike u.a. von Peter Grottian (leider nicht online). Besonders in der öffentlichen Wahrnehmung ist es nicht erreicht worden, dass die Einschränkung des Bildungs“ideals“ auf rein kommerzielle Verwertungsprozess im Zuge der sog. Bologna-Reformen zum Hauptthema wurde. Jetzt sollten „anspruchsvollere Ziele“ in Angriff genommen werden. Es geht um die Forderung nach Aussetzen der Prüfungsordnung, das Abschaffen des „Turboabiturs“ und des Sechs-Semester-Bachelors, die Forderung nach einem mindestens fünfjährigen Studium mit 15prozentigen Zeitressourcen und eine „neue Debatte über exemplarisches Lehren und Lernen“.

War es exemplarisch, dass am selben Abend Elmar Altvater als Gast eines Forschungskolloquiums über die Ursachen und Folgen der gegenwärtigen Krise referierte? Wer es noch nicht wusste, konnte lernen, wie die Hypotheken- und Konsumkredite zum einen die sinkende Lohnquote für die Menschen erträglicher machte, aber gleichzeitig das Fundament für Schuldenpapiere wurden, die dann „innovativ“ zu angeblich werthaltigen Kreditbündeln zusammen gefasst und gehandelt wurden (Subprime-Kredite). Zusammen mit „kreativem Umgang der Banken mit Eigenkapital“ (billige Kreditaufnahmen zum Zweck der Erzielung höherer Profite bei tendenzieller Überschuldung) und „Vertuschungen“ der wirklichen Werte der Kredit-Bündel über Rating-Agenturen war der „finanzgetriebene Kapitalismus“ beinahe perfekt.

Das „beinahe“ führte in die größte Krise des Kapitalismus, größer als jene von 1929. Trotzdem konnten die Nationalstaaten, vor allem in der Bundesrepublik, das Übergreifen des Krisenfeuers in das reale Leben noch einigermaßen verhindern. Abgesehen von der Zunahme des Welthungers und ökologischen Zerstörungen gibt es verschiedene geopolitische Auswirkungen.

Bei der Suche nach neuen tragfähigen Innovationsschüben allerdings – und dass die Abwrackprämie keine solche initiierte, ist ziemlich klar – ist wenig in Aussicht. Neue sog. „lange“ oder „Kontratjew-Wellen“, die sich auf Erneuerbare Energien, oder Biotechnik oder persönliche Dienstleistungen (Bildung, Gesundheit) stützen könnten, scheinen nicht wirklich zu funktionieren (leider konnte das nicht genauer ausgeführt werden: Es ist interessant, ob und inwieweit diese Ansätze oder ob nicht zu neuen tragfähigen „langen Wellen“ werden können.)

Und Elmar Altvater wäre nicht Altvater, wenn er nicht immer wieder die „Grenzen des Umweltraums“ genannt hätte. In ihnen sieht er letztlich eine wichtige Begründung, warum die reale Ökonomie die in der Finanzwirtschaft aufgebauten Forderungen grundsätzlich nicht erfüllen kann. Neben diesen stofflichen und ökologischen Grenzen sieht er auch noch „wertmäßige Grenzen“ in naher Verwandtschaft mit dem Marxschen tendenziellen Fall der Profitrate.

Er nennt das, was nun zu tun ist, an diesen krisenhaften Grenzen des Kapitalismus, „Konversion“. Es gab eine „Konversion“ in Ablösung der fordistischen Produktionsweise in einigen Gebieten, und der Begriff wurde im Bereich der Ablösung von Rüstungsproduktion bekannt. Etwas ähnliches muss jetzt mit unserer Wirtschaft passieren. Ob nun im Rahmen eines „New Green Deal“ oder strikt antikapitalistisch, wurde nicht so deutlich.

In der Diskussion wurde dann klar: Nein, die Realwirtschaft kommt nicht davon, sie ist viel zu sehr mit der Finanzökonomie verwoben. Ja, die Krise ist nur kurz und nur scheinbar „überwunden“ – die neuen Hypotheken- und anderen Blasen werden platzen und dann werden die Nationalstaaten keine Steuerungshebel mehr in der Hand haben (Zinsen wurden jetzt schon auf Null gesenkt).

Als ich das Gebäude verließ, sah ich dass im besetzten Hörsaal immer noch diskutiert wurde. Im Nachhinein wird mir klar: Solange solche Veranstaltungen nur durch zufällige Besucher zusammen kommen, solange die streikenden Studierenden den Altvater nicht zu sich holen, um die Bildungsmisere im Licht der Krisenanalyse zu diskutieren und solange die Professoren danach nicht zu den streikenden Studierenden, sondern in die Gaststätte gehen, läuft es noch nicht rund mit den Bildungsprotesten…

Bild aus Berlin:

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