Ein Bekannter aus alten „Wende“-Zeiten schickte mir vor einigen Tagen einen Text mit Gedanken zu emanzipatorischer politischer Bildung. Dabei stehen im Zentrum seiner Überlegungen Subjekte als Personen, also die menschlichen Individuen. Und es geht „um die Deblockierungen des individuellen Zugangs zum jeder Person eigenen emanzipatorischen Potential – die jedoch nur in der wirklichen und wahrhaftigen Begegnung des ICHs mit dem DU ermöglicht werden kann.“

Wichtig ist ihm dabei vor allem die „Aufhebung ideologischer Blockaden oder die Überformungen der eigenen Energien, … die nahe legen, alles Elend, alle Not und Ängste seien erst zu überwinden, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse umgestürzt würden“.

Im Kampf für diese Umstürzung könnten viele Linke möglichst viele und anstrengende Kämpfe austragen oder in eine Opferrolle verfallen.

Dem wird eine andere Sichtweise gegenüber gestellt:

  • Die Person kann ihren je eigenen Lebenssinn nur in sich selbst aus sich selber heraus finden;
  • „Der Mensch ist als freies Individuum und als gesellschaftliches Wesen von Natur her zur Freiheit angelegt. Um sein Wesen, seine Potenzialität zu entfalten, bedarf er nicht der politischen Ideologien.“
  • „Die Kraft zum freien Leben entspringt nicht der äußeren Welt, sondern das Feuer des kreativen, Welt erschaffenden Wesens entspringt der geistigen Dimension der Person, hier liegt auch der tiefste Grund ihrer Würde.“

Emanzipatorische politische Bildung soll nun hier ansetzen. Es geht nicht mehr darum, „hyperaktiv in politischen Aktionen und in möglichst vielen politischen Gremien zu organisieren“, sondern „es geht um Selbstreflexivität, um individuelle Reifung, um „Herzensbildung“, um menschliche Wärme und Ausstrahlung, um gelebte „Menschenliebe“, um die höheren Dimensionen menschlicher Dialogfähigkeit.“ Sonst besteht die Gefahr, dass „die als Befreier tätigen Personen… durch ihr so verstandenes Revolutionshandwerk in der Tiefe ihrer geistigen Person zerstört“ werden. Dies betrifft natürlich die politischen Bildner selbst auch wesentlich.

Ich denke, damit sind wichtige Erfahrungen und Gedanken für emanzipative Politik festgehalten – gleichzeitig haben sie aber auch eine bedenkliche Schlagseite.

Wichtig ist m.E. eine genauere Diskussion des Verhältnisses von Individuen zur gesellschaftlichen Mitwelt. Einerseits wird oben angesprochen, dass die Beziehung zu einem DU wesentlich ist – andererseits impliziert das Bild mit den blockierten inneren Potentialen eine Vorstellung, nach welcher es einerseits eine Person mit einem inhärenten Potential gibt, ohne dass die Historizität oder Bedingtheit dieses Potentials thematisiert würde und dass dieses Potential andererseits, z.B. durch Ideologien, blockiert wird. Nicht explizit genannt aber wahrscheinlich gemeint gelten wohl auch die gesellschaftlichen Verhältnisse als Blockade. Dies ist aus meiner Sicht aber eine undialektische Trennung von Individuum und Gesellschaft, von „Innen“ und „Außen“.

Tatsächlich besteht in der Linken oft nur eine vage Vorstellung über die Dialektik dieser Beziehungen, oft wird an eine gesellschaftstheoretische Großtheorie wie den Marxismus eine Theorie des Individuellen, wie die Psychoanalyse nur „angepappt“. Eine fundiertere und differenziertere Konzeption zu diesen Themenstellungen bietet aus meiner Sicht vor allem die Kritische Psychologie nach Klaus Holzkamp. Im Text „Was macht das Menschsein aus?“ werden einige Vorgehensweisen und Begriffe dafür vorgestellt.

Diese vertiefende (leider auch nur mit einiger Anstrengung anzueignende) Konzeption verhindert ein allzu abstraktes Gegenüberstellen von „inneren Potentialen“ und „übergestülpten Ideologien“. Das abstrakte Gegenteil von etwas, das man ablehnt, führt meist in Sackgassen. Im Fall des Rückbezugs auf individuelle Potentiale entstehen Anschlussstellen ins Esoterisch-Mystische („sondern das Feuer … entspringt der geistigen Dimension der Person….“), was aus meiner Sicht solch eine Sackgasse darstellt.

Mehr zu diesen anthropologisch-allgemeinen Grundlagen siehe u.a.:

Das Thema „Politische Bildung“ ist auch für uns ein Dauerbrenner seit Jahrzehnten. Eigentlich machen wir in unserer Außenwirksamkeit ja vor allem dieses. Deshalb war es natürlich auch des öfteren Thema unserer Selbstreflexion und das letzte aufgeschriebene Ergebnis steht unter:

Dieser Text entstand damals im Zusammenhang mit der Thematisierung gewerkschaftlicher und anderer Erwachsenenbildungsarbeit. Bei diesem Thema kommt noch Frigga Haug als wichtige Ideengeberin dazu (bes. das Buch „Lernverhältnisse“). Hier werden auch „Versteinerung“ und „Lernwiderstände“ thematisiert. Diese werden aber nicht einfach nur konstatiert und kritisiert, sondern es geht darum zu begreifen, inwieweit diese unter den gegebenen Bedingungen für die Menschen auch Sinn machen. Nur so werden die Individuen auch als Subjekte sogar ihrer „Lernwiderstände“ erfasst und nicht einfach als Personen mit „Blockierungen“ als Objekte unseres entblockierenden Einwirkens.

Im Text gibt es noch die Erkenntnis, dass es dem Autor „aussichtslos (erscheint), auf Organisationen mit einer antiemanzipatorischen sozialautoritären organisationspolitischen Tendenz zu vertrauen“. Das sehe ich als selbstverständlich an. Es gibt in vielen politischen Zusammenhängen erkennbare systemimmanente Logiken, in denen diese Art Emanzipation, wie wir sie wollen, grundsätzlich nicht praktizierbar ist. Letztlich spielt sich zwar noch einiges in solchen Strukturen ab – aber als weltpolitisch wirksamer werden sich andere neuartige Bewegungs- und Organisationsstrukturen erweisen. Mit welchen Mitteln in diesen Bewegungsstrukturen daran gearbeitet wird, Dominanzen von Führenden, von Ideologien oder sich verselbständigenden Strukturen zu verhindern, kann z.B. nachgelesen werden in:

Diese Fragen werden uns noch lange und immer wieder beschäftigen. Wer sich nicht in eine Nische zurückzieht, wird auch immer wieder mit antiemanzipatorischen Verhaltensweisen konfrontiert werden und auch wir selbst sind niemals völlig frei davon. Deshalb ist es gut, wenn wir uns immer wieder über dieses Thema austauschen und dafür kann ich dem Autor des Textes, den ich als Ausgangspunkt nahm, nur danken…

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