Im Glossar des Buches „Freie Menschen in Freien Vereinbarungen – Gegenbilder zur EXPO 2000“ haben wir geschrieben, dass Selbstorganisation praktisches Handeln ist, „das auf eine möglichst weitgehende Eigenständigkeit gegenüber den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zielt“ (S. 153). Die Rahmenbedingungen haben wir im Abschnitt: „Die Herrschaft der „schönen Maschine““ (S. 31 ff.) beschrieben. Dabei zitierten wir beispielsweise die Süddeutsche Zeitung:

„Herrscher über die neue Welt ist nicht ein Mensch, sondern der Markt. […]
Wer seine Gesetze nicht befolgt wird vernichtet.“

Genau diese Logik liegt nicht nur den spekulativen Finanzmärkten zugrunde, sondern auch der realen Produktion, soweit sie durch kapitalistische Eigentums- und Machtverhältnisse bestimmt ist. Und nun kommen wir in ein Dilemma, das wir vor 10 Jahren an dieser Stelle noch unterschlagen hatten:

Wir können nicht einfach nur jene Selbst-Organisierung, die von unserem autonomen individuellen „Selbst“ ausgeht mit der Bezeichnung „Selbstorganisation“ auszeichnen. Genau genommen ist gerade auch der Automatismus der Marktlogik eine Form von gesellschaftlicher Selbstorganisation. Das „Selbst“, das sich dabei organisiert, ist die Kapitalvermehrung. Kapital in Form von Geld, Produktionsmitteln und gekaufter lebendiger Arbeit wird in Bewegung gesetzt, um mehr Kapital zu erzeugen, den sogenannten Mehrwert, der dann die Formen von Profit und Zins annehmen kann. Die Formel für diesen Prozess ist

K -> W -> K+D K (wobei K = Kapital, W = Ware, D K = erzielter Mehrwert).

Reguliert wird dies u.a. über den oben genannten Markt (indem die Akteure seiner Logik folgen müssen, bzw. indem durch politisches Handeln seine Funktionsfähigkeit immer wieder hergestellt wird). Das Kapital vermehrt sich scheinbar selbst und durch diesen Prozess dieser Selbstbewegung, der natürlich durch menschliche Akteure bewusst oder unbewusst, gewollt oder sogar auch ungewollt, in Gang gehalten wird, werden unsere Arbeits- und Lebensbedingungen reguliert und vorstrukturiert. (Wer das genauer verstehen will, kann sich z.B. an den Kapital-Lesekursen, die es in vielen Orten gibt, beteiligen).

Es ist natürlich mehr als berechtigt, das individuelle Selbst gegen dieses verselbständigte gesellschaftliche „Selbst“ stark zu machen. Allerdings reicht es auch nicht aus, nur über das Freiwerden des individuellen „Selbst“ gegen die gesellschaftliche Form der Verselbständigung zu reden und sich dafür einzusetzen. Jedes menschliche Individuum, auch das freie, ist ein gesellschaftliches Wesen und Gesellschaftlichkeit ist nichts dem Einzelnen Äußerliches, sondern steckt quasi „in ihm drin“. Die Frage ist nur, welche Form der Gesellschaftlichkeit – herrschaftliche oder freiheitliche.

Der Begriff „Selbstorganisation“ wurde seit den 70er Jahren für das Entstehen und Aufrechterhalten von Systemen ohne äußeren Zwang, sondern durch „Selbst“- Strukturierungsprinzipien eingeführt, wobei ganz unterschiedliche Systemzusammenhänge solche Verhaltensweisen zeigen. Es geht um langreichweitige geordnete Strukturen, die nicht einfach nur durch die Summe des Verhaltens der Teile der Struktur erklärt werden können. Der Begriff Selbstorganisation kennzeichnet dabei Prozesse, bei denen „durch das kooperative Wirken von Teilsystemen […] komplexe Strukturen des Gesamtsystems“ entstehen (Ebeling, Feistel: Physik der Selbstorganisation und Evolution, Berlin 1986; mehr zur Selbstorganisationstheorie). Ein immer wieder genanntes Beispiel ist die Musterbildung in einer erhitzten Pfanne mit Öl, wobei die sog. „Benard-Zellen“ entstehen (siehe Wikipedia).

Die Ordnungsstruktur ist viel größer als die Reichweite der einzelnen kleinen Flüssigkeitspartikel. Die Bewegung dieser Partikel erzeugt einerseits die Struktur – andererseits folgt die Bewegung auch der einmal in Gang gesetzten Struktur. In der stabilen Phase wird dieser Prozess aufrecht erhalten. Aber auch die erstmalige Entstehung solch einer Struktur wird Selbstorganisation genannt. Wenn wir das mit Prozessen in der Gesellschaft vergleichen, so werden hier so gegensätzliche Phänomene wie die Aufrechterhaltung der Struktur z.B. durch Herrschaft und die kreative Neustrukturierung, sprich Revolution, mit demselben Begriff bezeichnet.

In der Gesellschaft basiert das Leben in allen Zeiten auch auf großräumigen Strukturen, aber diese müssen nicht immer Herrschaft bedeuten. Ernst Bloch nennt jene übergreifenden Strukturen, die Ausbeutungsfreiheit und menschliche Würde sogar erst garantieren, eine „Ordnung der Freiheit“ (Experimentum Mundi, S. 196).

Solche Ordnungen der Freiheit kennen wir aus der Praxis freier Menschengruppen, die sich selbst Regeln geben, um beispielsweise Gemeingüter wie Wasserressourcen ohne Übernutzung oder kriegerische Auseinandersetzungen langfristig gemeinsam nutzen zu können.. Wir kennen sie aus den Absprachen von Menschen, die sich weltweit organisieren, um Freie Software oder freie Kulturgüter (Creative Commons) zu erzeugen. Es geht also letztlich um freien Vereinbarungen von Menschen in freien Kooperationen. Eine globale vernetzende freie Kooperation zwischen allen produzierenden und konsumierenden Menschen kennen wir noch nicht. Diese zu schaffen wird die Herausforderung der nächsten Jahrzehnte sein.

Solch eine Struktur ist nur dann ein Fortschritt gegenüber den jetzigen Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen, wenn es eine Ordnung der Freiheit wird. Dazu muss sie auch die Forderung der Zapatistas erfüllen, dass es ein Raum sein, der Platz für viele unterschiedliche Räume hat. Es muss jene Ordnung sein, die den individuellen „Selbst“-en gerade die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung gibt, bei der jedes Selbst auf die anderen angewiesen ist, aber keins sich auf Kosten anderer verhält. In diesem Sinne wird es eine neue Verflechtung der gesamtgesellschaftlichen und der individuellen Verhaltensmöglichkeiten geben. Jedes individuelle „Selbst“ ist umso vollständiger entwickelt, je reichhaltiger seine sozialen Beziehungen sind. Diese sozialen Beziehungen haben dann aber einen anderen Charakter als die bisher erlebten. Bisher waren gesellschaftliche Ordnungsprinzipien eher Zwangsprinzipien in dem Sinne, dass entweder direkt persönliche Herrschaftsverhältnisse (Sklaverei, Leibeigenschaft, Lehnsabhängigkeit, patriarchale Unterdrückung, Unterordnung der Kinder unter Eltern) festgeschrieben sind (vor- und nebenkapitalistische Herrschaftsverhältnisse) oder sich die Kapitalvermehrungslogik (K -> W -> K+DK) ziemlich blind gegenüber und abgekoppelt von den individuellen Beweggründen des Handelns (und den natürlichen Bedingungen) durchsetzt.

Diesen Formen der gesellschaftlichen Organisation setzen wir nun eine Selbst-Organisierung entgegen, bei der auch die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge durch bewusstes Handeln von Menschen hergestellt werden. Bisher wurde uns oft eingeredet, dass so etwas nur in kleinen Menschengruppen, in denen sich alle persönlich kennen, möglich sei und größere Komplexe andere „Institutionen“ brauchen, die das gesellschaftliche Miteinander vermitteln (Herrscher, Geld/Kapital, Staat). Natürlich können nicht weltweit alle Menschen mit allen anderen Menschen in Kontakt stehen, auch nicht mit allen, mit denen sie vielleicht wirtschaftlich durchaus zu tun haben. Aber es gibt Vermittlungsformen, bei denen alle Menschen direkt über ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse miteinander verhandeln können. Diese neue Produktionsweise wird heute oft unter dem Begriff „Peer-Produktion“ diskutiert.

Die Menschen müssen dann gleichberechtigt (peer) sein und das heißt unter anderem, dass nicht nur einige im Besitz der wichtigen Lebensgrundlagen (Wasserressourcen, Land etc.) und der wichtigen Produktionsmittel (Fabriken, Maschinen etc.) sein dürfen, sondern die jeweils betroffenen Menschen müssen selbst eine ausreichende und gleichberechtigte Verhandlungsmacht haben, um zu koordinieren, wer auf welche Weise was tut, um eigene, gemeinsame oder die Bedürfnisse von anderen zu befriedigen. Das beginnt beim Plan zum Kloputzen und Abwaschen in der WG und endet letztlich bei der internationalen Debatte darüber, ob die Menschheit künftig Ressourcen in die Raumfahrt oder bestimmte Forschungsrichtungen stecken will, zu der sie nur gemeinsam beitragen können. Nichts davon darf mehr durch persönliche Herrschaft und/oder scheinbar sachlich-sachzwanghafte Kapitalvermehrungsstrukturen vorher bestimmt sein.

Unsere heutigen Versuche, im Alltag so weit wie möglich selbst organisiert im Sinne der Definition im „Gegenbilder“-Buch zu leben, sind damit einerseits ein Vorgriff auf die menschliche Wirtschafts- und Lebensweise nach dem Kapitalismus, andererseits ist diese Lebensweise gleichzeitig ein wichtiges Mittel, diesen Kapitalismus zu überwinden: Dazu müssen sich letztlich genügend Menschen beteiligen (ohne dazu gezwungen zu sein, sondern eben autonom selbst-bestimmt) und dazu müssen wir auch noch grundlegende Barrieren für eine freie Entscheidung aller Menschen nieder reißen wie vor 20 Jahren die „Mauer“. Diese Barrieren stehen nicht ganz so offensichtlich in der Landschaft herum wie die Mauer, aber die internationale Praxis zur Verteidigung und Wiedererringung von Commons (Gemeingütern) ist eine wichtige Bewegung in diese Richtung. Dass sich die jetzigen Machthaber bei der Verteidigung ihrer Macht genau so zaghaft anstellen wie die DDR-Herrschenden, ist leider zu bezweifeln. Umso wichtiger ist es, genau zu überlegen, wie wir erfolgreich handeln können, ohne unsere Prinzipien aufzugeben. Befreiende und emanzipative Selbstorganisierung darf sich nicht von den individuellen Handlungsgründen abheben und verselbstständigen – obgleich auch sie gesamtgesellschaftliche neue Strukturen der Koordinierung erzeugen muss. Dann erst werden die „Selbste“ von Individuen und umfassenderen Strukturen ihres Handelns sich nicht mehr gegeneinander verselbständigen.

Dieser Text entstand als Ergänzung für eine Veröffentlichung zur Selbstorganisation im Alltag

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