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„[…] Das südliche Leben hat noch nicht die künstlichen Umwege des Nordens. Wie bei uns nur noch Luft zum Atmen, so nahe ist hier noch vieles als „Gut“ da. Muß nicht erst mühselig erarbeitet oder beständig wach erhalten werden.

Folglich vertraut man im Süden, wenn nicht einander, so den Dingen. In Neapel lag ein Auto defekt, Schrauben, Klopfen hilft nichts. Der Chauffeur nimmt zuletzt nur ein kleines Stück Holz vom Weg, setzt es ins Getriebe ein, und der Wagen läuft. Oder hoch über Neapel ist eine Wasserleitung geplatzt, dicht daneben liegt ein Schienenpaar, völlig nutzlos, Rudiment aus einem vergessenen Bahnbau. Nun fließt das Wasser aus der geplatzten Leitung seit Jahren in die Schienenstränge, diese leiten es den Berg hinab und ganz unten, in einem ausgedorrten Viertel, schießt es auf die Straße, als Brausebad. Auch Defekte haben so ihr Gutes alles paßt noch zueinander, hilft sich aus. Die Menschen nehmen es so selbstverständlich hin, wie es gegeben scheint, in dieser ungereizten Natur.

Dabei nun erinnert man sich an einen jungen Erfinder zu Hause, Was der gerade fühlt, wenn ihm ein Plan gelingt. Er baut Kältemaschinen, diese erzeugen Temperaturen, wie sie auf der Erde nicht vorkommen; gewisse chemische Verbindungen gelingen nur im künstlichen Kälteraum. Hat der Ingenieur aber Glück, springt aus zusammengekoppelten alten, konstruierten neuen Modellen plötzlich eine Maschine mit wirklichem Effekt, so geschieht ein Sonderbares an ihm: er freut sich nicht nur etwa, sondern in seiner Freude ist Angst, irgendein schwer bestimmbares Mißbehagen […].

Der Vergleich mit dem so leicht reparierten Auto, mit dem gnädigen Defekt an der neapolitanischen Wasserleitung ist lehrreich. Dort hilft und erfindet ein Stück Natur gleichsam selbst noch mit, läßt gerade aus Defekten und Ruinen neues, gar nicht so neues Leben blühen. Dagegen der nordische Ingenieur holt zusätzliche Kraft oder gänzlich neue Kombinationen aus der Natur heraus, bricht und quantifiziert zu diesem Zweck jeden altorganischen Zusammenhang, bis seine Maschine im entlegendsten Raum steht, ja grade dort lebt, arbeitet gelingt, wo es überhaupt keinen natürlichen Takt mehr gibt. […]“

(Ernst Bloch: Fabelnd denken. Essayistische Prosa aus der „Frankfurter Zeitung“. Tübingen: Klöpfer & Meyer Verlag. 1997. S. 13-14, Fett von A.S.)

  • Zum Thema Technik/Technikkritik wird grad eine Materialsammlung für eine Veröffentlichung zusammen gestellt
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