Ich möchte hier noch einen Redebeitrag von der Demonstration zur Eröffnung der Bildungsproteste nachtragen.

„Hartz4 muss weg“ rufen die Stimmen der Vielen, Armen und Ausgeschlossenen. „Zurecht!“, sagen wir; erwartet sie doch nur Schikane und Terror in den Tempeln der Elendsverwaltung. Den Unsrigen wird verwert, ihre Bedürfnisse nach Essen, Ausgehen, Reisen und Leben zu verwirklichen, indem ihnen die dazu notwendigen Mittel verweigert werden. Ihnen wird untersagt, ihre freie Zeit sinnvoll nutzen, sie zu genießen und sich zu entspannen. Damit werden die verbliebenen Reste der Freude am Leben bekämpft, für die triste Normalität des kapitalistischen Weiter-So.

Was dabei beständig unterdrückt wird, sind unsere Potentiale die Verhältnisse anders – besser! – zu gestalten. Unsere Energien werden auf Antragsformulare und unsinnige Qualifikationen zum Selbstmanagement gelenkt. Zugerichtet für eine Gesellschaft, in der wir es eh nie zu etwas bringen werden. Wir werden aktiviert und in Bewegung gehalten, damit wird uns nicht gegen sie wenden. Freilich gelingt es ihnen nie vollkommen, uns auf Kurz zu halten. Wir driften beständig ab, aufgrund unserer Spontaneität und unserer Faulheit, unserer Sehnsüchte und Ängste. Diese Gegenwart ist eure Zukunft – ob ihr es jetzt glauben möchtet oder nicht.

Die Verbitterung über diese Zustände ist überall zu spüren. Sie entkräftet uns und lässt uns einsam in der Traurigkeit verharren. Illusionslos klagen wir nur noch an; appellieren an die höchsten Mächte und bitten um Gnade. Das Schlimmste dabei ist: Die Perspektive einer befreiten Welt zerbricht in der Alltäglichkeit unserer Existenz. Wir drohen die Gewissheit über unsere eigentliche Stärke zu verlieren. Was zurück bleibt sind leere Schatten.

Wir haben beschlossen, diese Zustände nicht länger hinzunehmen, Partei für unsere Sache zu ergreifen und dem Ganzen etwas entgegen zu setzen. Wir haben begonnen uns zusammenzuschließen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Wir fangen an, eine neue Sprache zu erfinden, die uns über unsere Begierden und Hoffnungen erlaubt zu reden. Weder halten wir das Unhaltbare noch länger aus, noch wollen unser Leben weiter in dieser Weise fristen. Wir rufen euch zu – schließt euch an!

Was wir damit aussprechen, sind keine wissenschaftlichen Analysen. Wir liefern euch keine Argumente für Debatten mit unseren Gegnern. Wir sprechen zu euch als Freunde und Genossinnen, in der Hoffnung gehört zu werden. Und was wir euch mitzuteilen haben, sind unsere alltäglichen Gewissheiten. Gewissheiten, die offenkundig sind. Freilich gibt es Menschen, die sich für uns interessieren. Sie nennen uns Prekarier oder Überflüssige (was sie natürlich nicht böse meinen). Doch anstatt über uns zu reden, fordern wir sie – und euch alle – auf, gemeinsam mit uns zu kämpfen.

Nun sagen wir: „Hartz4 heißt Hochschulzugang“. Das ist nicht nur subversiv, sondern auch konsequent, wenn wir mit unserer Logik an die Sache heran gehen. Denn wir wollen unsere Zeit sinnvoll nutzen, um unsere Potentiale auch wirklich entwickeln zu können. Wir wollen gemeinsam experimentieren und kommunizieren und zwar an Orten, die für alle da sind. Diese Orte existieren zwar bereits, nur sind sie verborgen, im Geheimen. Ihre Zugänge sind verstellt. Wir müssen ausbrechen! Wir werden aus unseren Verstecken entfliehen, um sie an der Öffentlichkeit mit allen teilen zu können.

Wir sagen: Ein Mensch braucht nicht mehr Befähigung als Hartz4 um studieren zu können. Über die Kräfte verfügen wir alle, der Wille zur Bildung ist auch da – er muss nur befreit werden. Unsere Qualifikationen sind unsere Erfahrungen. Wir haben einander so viel zu geben, an Standpunkten und Bedürfnissen, an Kenntnissen und Geschicklichkeiten. In Zukunft warten viele wunderschön-neue Einsichten auf uns. Wir wollen uns gegenseitig kennen lernen und von einander lernen; wir wollen uns aneinander reiben und unsere Konflikte austragen dürfen. Wir wollen die Commune als commune Uni. Erst dort werden die Überschüsse produziert und fühlbar, die uns alle nach vorne bringen.

Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Als verschmähte Kinder dieser Gesellschaft wissen wir sehr genau, dass wir Geld zum (Über-)Leben brauchen. Geld, welches uns natürlich zusteht, doch welches uns vorenthalten wird. Es eignen sich die Wenigen an, die auch nur selten was Vernünftiges damit anzufangen wissen. Da wir nicht genug haben, müssen wir unsere Körper und Geister opfern – als Hilfskraft oder Kellnerin – um auch nur halbwegs über die Runden zu kommen. Unsere eigentlichen Interessen sind wir gezwungen beständig zu verraten, wollen wir auch morgen noch im Seminar sitzen dürfen und nicht schon auf der Wartebank des Leistungsbetreuers.

Wir sagen also: Für anderthalb tausend gehen wir auch weiter studieren, und zwar was wir wollen und so lange wie wir wollen. Das ist unser Kompromissangebot. Der einzig legitime Maßstab sind unsere Bedürfnisse. Kein Arbeitsmarkt und kein Staat kann uns unser Tempo des Lernens vorschreiben. Wir brechen diese Vorschriften ohne hin jeden Tag, ob als Schulschwänzer oder als Studiumsabbrecherin. Was wir dabei aber nicht ertragen, sind die einschränkenden Wirkungen. Uns wird Geld gekürzt oder das spätere Weiter-Lernen untersagt. Wir wollen beides – Zeit und Geld und wir wollen die Vielfalt der Menschen an der Uni treffen. Wir wollen eine Uni für alle und von allen. Und wir wollen davon Leben können. Deshalb sagen wir: „Hartz4 heißt Hochschulzugang“!

und:
„Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“

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