Es geht weiter mit einem Lesebericht des Heftes „Neue Technik und Sozialismus“:

Technologie im Kapitalismus

Angesichts wichtiger krisenhafter Umstrukturierungen im real existierenden Kapitalismus der beginnenden 80er Jahre wurde besonders intensiv über die Rolle von Wissenschaft und Technik diskutiert. Es wurde konstatiert, dass wohl erstmalig dauerhaft durch die Computerisierung mehr Arbeitsplätze vernichtet werden als neu geschaffen (Holland, S. 40). Und während Holland vermutete, dass es zu keiner Produkterneuerung kommen kann, sondern nur zu Neuerungen bei Produktionstechniken und –prozessen (S. 41), sah Altvater in den Neuen Medien auch künftige neue Märkte (S. 48).

Taylorismus und Automation im Kapitalismus als Feld widersprüchlicher Tendenzen

Schon für den Taylorismus muss nicht nur festgestellt werden, dass der Arbeiter „durch seinen Arbeitszeit zugerichtet“ wurde: „er konnte in sehr wenig Zeit die paar Bedienungen „lernen“, die unendlich wiederholt werden mußten, um die Maschinenarbeit zu ergänzen. Seine Tätigkeit war nicht mehr durch das zu erreichende Ziel geleitet, sondern durch ein Schema, das einige beschränkte Bewegungen beschrieb. Auf diese Weise verausgabt der Arbeiter seine Arbeitskraft, er ist aber nicht mehr für sein Geschöpf verantwortlich. In diesem technologischen System wird der Mensch wenig gefordert, mit dem geringsten Teil seiner Fähigkeiten.“ (Bourdet, S. 24) Diese Arbeitspraxis, die ich im „Unterrichtstag in der Produktion“ genau so erlebte, obwohl dort durch eine umfassende Bildung der entfremdende Effekt aufgehoben werden sollte, bestärkte auch meinen Wunsch (bevor ich auf die Idee kam zu studieren), wenigstens in der Landwirtschaft arbeiten zu wollen, wo das direkte Arbeitsziel, z.B. beim Melken, noch handfester zu spüren war.

Trotzdem, und das ist jetzt das Spannende: auch diese tayloristische Produktion braucht aktiv mitwirkende Arbeitskräfte, nicht wirklich nur lebendige Rädchen im Getriebe. Das zeigt sich z.B. darin, dass „Dienst nach Vorschrift“ eklatant störende Auswirkungen hatte. Obwohl der Taylorismus eine „Fremdvergesellschaftung des Arbeiters durch eine Kaste von Herrschenden darstellt“ (S. 25), beruht er auf einer „unsichtbaren Selbstverwaltung der Arbeiter.“

Für die Technologieentwicklung waren die beginnenden 80er Jahre aber besonders deshalb interessant, weil sich damals die heute herrschenden neuen Organisationsmethoden der Produktion mit vor allem informationstechnischen Mitteln abzuzeichnen begannen. So wird bereits für den Beginn der 70er Jahre ein Paradigmenwechsel zur sog. „PIA-Strategie“ aufgezeigt. Diese neue Strategie, mit PIA = „Produkte in Arbeit“, sollte mehr Automation und eine striktere Zeitplanung verbinden. Schon damals begann der Abbau der Lager und die Produktion erst auf Abruf durch den Verbraucher. (Björkmann, Lunqvist, Himmelstrand, S. 20).

Automation

In ihren Beiträgen skizzieren Frigga und Wolfgang Fritz Haug die Debatten um die Automatisierung. Während im linken Mainstream (z.B. A. Gorz) angenommen wurde, dass Automation vor allem zu einer Dequalifikation der Arbeit führe und deshalb primär zu bekämpfen sei, setzten Frigga und Wolfgang Fritz Haug auf die Widersprüchlichkeit solcher Prozesse. Der von ihnen kritisierte und sogenannte „Verelendungs-Diskurs“ begründet sich zwar aus der Selbstinterpretation der Automationsarbeiter, die ihre alte Erfahrungskompetenz verlieren (S. 35) und empirischen Untersuchungen, die sich speziell aus Untersuchungen über Menschen in sog. „Lückenbüßertätigkeiten“ (wie Locher_innen…) speisen (S. 30). Tatsächlich wissen es an dieser Stelle die Unternehmer besser: „Die alte Vorstellung aus den USA, daß ein Bediener ein halber Idiot sein könne, ist Grimms Märchen…“ (zit. S. 31).

Das „Projekt Automation und Qualifikation“ (PAQ) setzte deshalb dem Verelendungsdiskurs den Selbsttätigkeits-Diskurs entgegen (S. 30). Dementsprechend rückt der Arbeiter in eine strategische Position ein, weil sich folgende Merkmale der neuen Arbeitsweise durchsetzen:

  • Verwissenschaftlichung des Verhältnisses zur Produktion
  • Relationierung einzelner Handlungen und Phänomene auf den Gesamtprozess
  • Optimierungsdenken (bei gleichzeitiger Bedienung einander z.T. widersprechender Minimierungs- und Maximierungsparameter, z.B. Minimierung von Zeit und Energie bei Maximierung von Qualität)
  • entsprechende kommunikative Kompetenzen (S. 31-32).

Während der Verelendungsdiskurs annimmt, dass wegen der Sinnlosigkeit der Arbeit die Orientierung auf Lohn und Warenkonsum zunimmt, dass also die Wahrnehmung der Gesellschaftlichkeit nicht mehr auf Arbeit, sondern auf der Konsumsphäre beruht, muss auch gesehen werden, dass die neuen Möglichkeiten der Selbsttätigkeit auch etwas für damalige Zeiten völlig Neues erzeugten. Das Neue als „kulturelle Mutation“ (Gorz) zeigte sich z.B. bei den „zwanghaften Programmierern“, bei denen die Arbeitstätigkeit nicht primär wegen dem Arbeitsdruck, sondern einfach wegen der Faszination ihres Tuns das gesamte Leben übergreift. Das betrifft inzwischen nicht mehr nur solche Ausnahmen, sondern meiner Erfahrung nach ist es vor allem dieses wirkliche inhaltliche Interesse an den Arbeitsergebnissen und die selbstorganisierte innerbetriebliche Kooperation, die viele Mitarbeiter_innen im ingenieurstechnischen Bereich darauf verzichten lässt, ihre Arbeits(über)stunden genau abzurechnen. Wenn die Arbeit gut erledigt ist und ein paar nette Gespräche mit Kolleg_innen stattgefunden haben, ist die Zufriedenheit so groß, dass die Überstunden nicht als geopferte Lebenszeit erscheinen.

Frigga Haug betonte:

„Die Automatisierung ist eine Produktionsweise, die zu ihrer Bewältigung des selbstbestimmten, gesellschaftlich verantwortlich planenden, im Kollektiv sich selbstbewußt engagierenden Produzenten bedarf.“ (S. 14)

Plotke (S. 57) schildert Merkmale der damals neu entstehenden Technologien, die mit sozialen Organisationsformen zusammen hängen:

  • Flexibilität
  • Dezentralisierung
  • Anti-Autoritarismus
  • Pluralismus
  • Offenheit.

Daraus ließen sich durchaus Hoffnungen schöpfen:

„Die Vervollkommnung der Produktivkräfte durch Automation und EDV tendiert zur Abschaffung der Herrschaft weniger Menschen über die vielen; die „Herrschaft über Menschen“ macht dann der „Verwaltung von Sachen“ durch ein qualifiziertes Kollektiv von Arbeitern Platz, das den Weg zur Selbstverwaltung öffnet.“ (Bourdet, S. 26)

Speziell mit den „multi-funktionalen Heim-Computer-Systemen“ wurden Hoffnungen verbunden:

„Solch ein Kommunikationssystem würde offenbar bedeutende Möglichkeiten für die gesellschaftliche Entwicklung enthalten, in der Bildung, in der Arbeit und in der Zirkulation. Zugleich würde es viele Formen von politischem und industriellem Geheimnis in Frage stellen und das Eigentum an Ideen (Formeln, Prozessen etc.) untergraben…“(Plotke, S. 58)

Aus dem Eindruck heraus, dass die Automationsdebatte aus den 80er Jahren leider nicht angemessen weiter betrieben wurde, schrieben Stefan Meretz und ich vor 10 Jahren einen Beitrag fürs „Argument“, der leider nicht zum Druck kam, aber online verfügbar ist:

Morgen berichte ich über:

Literatur:

  • Neue Technik und Sozialismus. Argument-Sonderband AS 95, Berlin 1982. Beiträge zur Konferenz „Sozialismus, Wissenschaft, Technologie, Entwicklungsstrategien“ in Cavtat.
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