Immer noch aus dem Heft „Neue Technik und Sozialismus“:

Technologie als Machtfaktor

Wissenschaft und Technologie erfordern ab einem gewissen Entwicklungsstand ganz enorme gesellschaftliche Aufwendungen. So schätzte R. Tomovic (für die beginnenden 80er Jahre) ein, dass erst ein Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 3000 Dollar die Mittel für eine unabhängige Entwicklung einer kompletten Technologie für Kfz, verarbeitende oder pharmazeutische Industrie aufbringen kann. (S. 83) Dadurch entsteht eine „technologische Macht“, durch die die „großen und militärisch-industriellen Komplexe“ eine Übermacht gewinnen, die stärker wirkt als die „Herrschaft durch Eigentum oder militärische Eroberung“ (ebd.: 84).

Wenn ein Faktor F als „Faktor technologischer innovativer Macht“ gebildet wird, der als Quotient des Bruttosozialprodukts eines Landes im Vergleich zum Bruttosozialprodukt eines anderen Vergleichslands berechnet wird, so ergeben sich (für 1980) folgende Faktoren:

F (Jugoslawien) = F (Österreich) = 1, F (BRD) = 11,3 und F (USA) = 41. (S. 87)

Ein Vierteljahrhundert später hat sich übrigens gar nicht so viel geändert (für 2005):

F (Österreich) = 1, F (BRD) = 9,4 und F (USA) = 43.

Daraus begründen sich die Entwicklungskapazitäten der Länder: Während es für Jugoslawien oder Österreich möglich war, „einzelne Technologien mittlerer Komplexität“ zu entwickeln, kann die Bundesrepublik Deutschland Spitzentechnologien verbessern, aber die USA kann sie entwickeln.

Warum es im Sozialismus nicht klappte mit der Technologieentwicklung

Macello Cini machte in seinem Beitrag darauf aufmerksam, dass es John D. Bernal im Jahr 1939 gelang, so ziemlich alle wichtigen wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen voraus zu sagen (Kernenergieentwicklung, Elektronik mit Computern, Biologie). Allerdings irrte er fundamental, weil er annahm, dies würde im sozialistischen Lager geschehen. Nachdem Cini beschrieben hatte, in welcher Weise speziell in den USA im Verlaufe des 2. Weltkrieges sich Wissenschaft, Technik, Militarisierung und Annäherung der Wissenschaft an Produktionsabläufe entwickelten, wird auch deutlich dass es genau diese Triebkräfte in den sozialistischen Ländern nicht gab.

„Demnach ist es nur verständlich, daß dieselbe wissenschaftliche Entwicklung im gesellschaftlichen Umfeld des Typs der UdSSR nicht-homogen und fremd sein mußte, wo Massenproduktion von Information als Ware nie als gesellschaftliches Ziel akzeptiert wurde, und wo sogar die Steigerung der Produktivität der Arbeitskraft für die Produktion materieller Güter nie Vorrang besessen hat.“ (Cini, S. 78)

Auch Janos Farkas analysiert ausführlich die Unterschiede bezüglich der Triebkräfte der Technologieentwicklung in den sozialistischen und den kapitalistischen Ländern (S. 79 ff.).

Andere Entwicklungsmodelle für die Welt

Als in der DDR der Slogan von Ulbricht: „Überholen ohne einzuholen“ längst der Lächerlichkeit preisgegeben worden war, stand das westlich-kapitalistische Entwicklungsmodell längst unter Kritik. Bereits vor 30 Jahren war es ziemlich offensichtlich, dass schon aus ökologischen Gründen das amerikanische Konsummuster nicht weltweit verallgemeinerbar sein kann. Es ging schon damals um eine „neue Definition der Produktivität“ (Espinosa, S. 90).

Besonders für die sog. unterentwickelten Länder wurden verschiedene Konzepte von „Angepasster Technologie“ oder „Self-Reliance“ entwickelt und praktiziert. Von Dieter Ernst wird 1982 das Konzept der „Angepaßten Technik“ (Appropriate Technology) kritisiert, weil es zu defensiv modernes wissenschaftlich-technisches Wissen tabuisiert und die gesamtgesellschaftliche Koordination unterschätzt. (S. 100 f.) Er betont die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Lernprozesses.

Die beliebte Unterstützung sog. „angepaßter Technologie“ für die sog. unterentwickelten Ländern durch die sog. entwickelten Länder wurde auch deshalb mit besonderem Mißtrauen betrachtet, weil man darin „einen versteckten Versuch der westlichen Länder sieht, den industriellen Muskel zu schwächen, den die Entwicklungsländer allmählich aufbauen“ (Anil Agarwal, zitiert von Trputec, S. 122). Zu Wort kommt auch Samir Amin, der sich vehement für eine „Abkopplung vom System der Bewertung der Arbeitskraft“ in einem Lande ausspricht (S. 153). Dem widerspricht Theotonio dos Santos mit der Position, dass die Herrschaft das Wertgesetzes auf internationaler Ebene für ein einzelnes Land nicht völlig durchbrochen werden kann.

„Es wäre gefährlich, a priori die Arbeitszeit als Wertmaßstab und Ausdruck der Preise zu negieren. Es ist nicht möglich, rein politische Austauschformen für den Agrar- und Industriesektor zu schaffen.“ (S. 154).

Dass Samir Amin die Politik der Roten Khmer in Kambodscha als „victorious strategy“ bewertete sollte zu denken geben.

Insgesamt wird in dieser Debatte die Position vertreten, dass Technologie weder durch eine rein technische Eigenentwicklung bestimmt wird, noch der Profitlogik untergeordnet werden kann. Es gehe deshalb eher nicht um die Frage: „Welche Art von Technologie?“, sondern um die Frage: „Technologie – für wen und für welchen Zweck?“.

Diese Frage steht immer noch nicht im Mittelpunkt der Entscheidungen, nirgendwo. Deshalb wohl ist dieses alte Buch noch so aktuell…

Literatur:

  • Neue Technik und Sozialismus. Argument-Sonderband AS 95, Berlin 1982. Beiträge zur Konferenz „Sozialismus, Wissenschaft, Technologie, Entwicklungsstrategien“ in Cavtat.
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