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„Wir haben allerdings den sozusagen hoffnungsvollen Zustand, daß wir Langeweile haben. Und daß sie sich ausbreitet. […] Ein Zeichen von Humanum und Humanität im Menschen, daß sie Saturiertheit besitzen können und daß die Saturiertheit verblüffenderweise ein Negativum sein kann. Nicht im Dienst einer herrschenden Klasse, sondern genau im Dienst einer Bewegung. Und der negative, oder auch: der positiv gebrauchbare Ausdruck der Saturiertheit reflektiert sich psychologisch als Langeweile. Und darin läge nun ein Umschlagpunkt, der methodisch mit dem Umschlagpunkt, den Marx Projizierte, verwandt sein kann.

Der von Marx projizierte Umschlagpunkt ist eine völlige Entmenschung, Verdinglichung, Enthumanisierung des Proletariats, ist der Tiefpunkt des Menschlichen. Tiefer geht´s nicht mehr als zu dem Zustand, den die arbeitende Klasse ursprünglich in England und dann überall besitzt und besitzen wird. Es hat sich gezeigt: das stimmt nicht ganz; es gibt keine Verelendung und kein Fortschreiten zu diesem Tiefpunkt hin derart, daß dann mit dialektischer Notwendigkeit der Umschlag entsteht […].

An die Stelle des ökonomischen Tiefpunkts wird nun der humane Tiefpunkt gesetzt, der dann nicht mehr auf die arbeitende Klasse beschränkt ist. […]

Und wir haben den Zustand von Langeweile, der erst der Anfang von Barbarei ist, und nicht nur ein Anfang von Barbarei, sondern auch ein dialektisches Element, das den Umschlag enthält, daß man es nämlich in diesem Zustand nicht aushält auf die Dauer.“

(aus: Bloch, Ernst: Über ungelöste Aufgaben der sozialistischen Theorie. Ein Gespräch mit Fritz Vilmar. (1965) In: Gespräche mit Ernst Bloch. Hrsg. von Rainer Traub und Harald Wieser. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1980, S.78-95. S. 90-90.)

P.S.:
Ja, man hält es wirklich nicht aus. Leider gibts aber noch andere Auswege…, z.B. das Saufen. Gerade wurde bekannt, dass die Krankenhauseinweisungen wegen Volltrunkenheit bei Jugendlichen seit 2000 um 170 % angestiegen sind.

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