Nun haben wir das Desaster, den Eklat, den klimapolitischen SuperGAU – Der UN-Klimagipfel von Kopenhagen muss als gescheitert betrachtet werden. Die Schuld wird einerseits der ungeschickten Verhandlungsführung zugeschrieben, andererseits steht China als der große Buhmann da, so dass die Enttäuschung über Obama dahinter fast verschwindet. Die Europäer können sich sogar fast brüsten – sie erscheinen bloß als wenig glückreiche, aber bemühte Vermittler.

China hat sich hier wohl erstmals deutlich als Weltmacht positioniert und die Entwicklungsländer haben sich gemeinsam empört über die Versuche, sie über den Tisch zu ziehen. In dem berühmten „Buch“, das den Untergang der Menschheit beschreibt, werden diese politischen Häkeleien aber wohl nur als Fußnoten erscheinen.

Ich befürchte, die Ent-Täuschung ist immer noch nicht groß genug. Die Ursachensuche erfolgt immer noch nur auf der Oberfläche. Verhandlungspolitik ist Interessenpolitik und Interessen sind nach wie vor primär von den Interessen der Ökonomie bestimmt. Hier ist es auch nicht übersichtlicher. Teile der Wirtschaft haben Lunte gerochen, dass sie mit ökologischer und regenerativer Energietechnik neue Märkte gewinnen können. Diese Kapitalfraktion ist aber zu klein, um einen wirklichen Push in diese Richtung auszulösen. Außerdem besteht in den reichen Industrieländern auch von der Bevölkerung her so gut wie gar keine Bewegung. Autoverkehrsorientiert sind alle Schichten, auch die Ärmeren hängen existentiell an der Fortführung einer wachstumsorientierten Wirtschaft und die Reicheren können ihr Gewissen mit etwas mehr Öko in der Lebensweise freikaufen.

Insofern wäre es ein Wunder gewesen, wenn in Kopenhagen ausreichende Klimaziele beschlossen worden wären. Wer seine Hoffnungen auf diese Art Repräsentationspolitik gerichtet hat, ist mit Recht enttäuscht worden. Jetzt müssen wir anfangen, die richtigen Fragen zu stellen:

Kann man wirklich glauben, dass die notwendigen Klimagasreduktionsziele mit einem auch noch profitablen Technologiewechsel hin zu regenerativen Energien und Elektromobilität erreichbar sind, ohne unsere Wirtschafts- und Lebensweise ernsthaft in Frage zu stellen?

Dies müssen sich auch viele von denen fragen lassen, die mit Forderungen an die Politik herangetreten sind. Es wäre natürlich einfacher, die Politiker hätten sich breitschlagen lassen, hinreichende Beschlüsse zu erwirken und wir könnten dann einfach im Rahmen ihrer Erfüllung auch die notwendigen weitreichenderen Veränderungen diskutieren und realisieren. Aber so einfach ist es nicht und war es nie.

Die klimapolitische Aktivität muss von vornherein die radikalsten Fragen stellen, Antworten im weitreichenden Horizontbereich zu entwickeln und dann die wirkliche Bewegung immer weiter in diese Richtung zu treiben.

Sogar in einem Tagesschau-Interview wurde deutlich geäußert:

„Zunächst müssten wir uns fragen: Wie wollen wir eigentlich leben? Wie soll die Gesellschaft der Zukunft aussehen? Was soll sie den Leuten bieten? Worauf können wir ohne Not, sogar mit Gewinn an Lebensqualität, verzichten? Und was sind eigentlich die Prioritäten, die wir gesellschaftlich setzen? Ist die kurzfristige Erhöhung des Lebensstandards auf Kosten aller kommender Generationen unsere Priorität? Oder ist die Priorität die Sicherung des Überlebens der kommenden Generationen? Ich würde die Fragestellung immer umdrehen und nicht fragen: Was können wir vom gegenwärtigen Status Quo mit Gewalt retten? Sondern: Wie haben wir den Status Quo so zu verändern, damit eine gute Gesellschaft entsteht?“ (Harald Welzer)

Genau diese Konsequenz ist es wohl auch, die zu verstockten Kommentaren in den Blogs eher konservativer Zeitungen zum Ergebnis von Kopenhagen führt. Es wäre ja noch schlimmer, wenn weltwelt wirklich endlich die Augen aufgemacht würden, wenn weltweit endlich mal ein existentielles Problem zu mehr Gemeinsamkeit führen würde, wenn weltweit eine für alle neue Wirtschafts- und Lebensweise entwickelt würde. Es würde uns ja aus unserer Selbstgerechtigkeit reißen.

Für den Philosophen des „Prinzips Hoffnung“, Ernst Bloch, ist die Hoffnung die „menschlichste aller Gemütsbewegungen und nur Menschen zugänglich.“ Aber Hoffnung wäre auch nicht Hoffnung, wenn sie nicht enttäuschbar wäre. Der suchende Entwicklungsprozess der Menschheit kann noch zu einer neuen Stufe der Erfüllung führen – aber er kann auch endgültig vereitelt werden. In der Lebenszeit von Ernst Bloch, der die Weltkriege, den Faschismus und den realen Sozialismus als wirklich entmutigende Prozesse durchleben musste, war diese Vereitelung noch nicht besiegelt, immer noch konnte auf ein möglicherweise kommendes Besseres gehofft werden. Die menschliche Zivilisation bewegt sich inzwischen hart an der Grenze zur Vereitelung. Keine der vielen Hoffnungen auf eine neue Form der Gesellschaft nach dem Kapitalismus ging auf. Und diesmal können wir uns nicht wie einst die Zeitgenossen von Thomas Müntzer trösten mit der Formel: „Die Enkel fechtens besser aus.“ Wir zerstören in vielen Gebieten der Welt bereits jetzt das Leben von ihren Großeltern und Eltern. Und jene Enkel, die es schaffen geboren zu werden, werden genug zu tun haben, auf einer ökologisch desaströs zerstörten Erde überhaupt noch zu überleben.

Irgendwann wird es dann aus kleinen Überlebensgebieten heraus auch wieder zu neuen kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen kommen. Insofern ist der historische Optimismus immer noch nicht kaputtbar. Aber es wäre doch verdammt schade um uns, unsere Kultur und alles, was wir verlieren. Aber eigentlich tut es uns heute auch nicht so wirklich leid um die zigtausenden, die durch unsere Wirtschafts- und militärischen Aktivitäten leiden und sterben, noch um die Zerstörung des Kulturguts der Malediver oder der Menschen auf Tuvali oder die Inuit oder der Nomaden in den auftauenden Tundren. Am Tag des Scheiterns des Klimagipfels läuft das vorweihnachtliche Business als usual, das neueste Supertalent wird gekürt und Kopenhagen verschwindet langsam wieder aus dem Fokus der Aufmerksamkeit der Medien.

Um in diesen happy Alltag einzustimmen, sei hier ein kleines Video (von Extra 3 des NDR) von empfohlen.

Und wen das immer noch nicht aufgemuntert hat, geht’s hier weiter.

Und hier noch was…

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