Obwohl ich ja das Scheitern in Kopenhagen schon vor Tagen erwartet hatte und ich dann gestern nicht überrascht war, hat es mich doch stärker getroffen, als ich vermutete. Das Scheitern von Kopenhagen ist ein tiefer geschichtlicher Einschnitt. Niemand kann mehr daran glauben, dass es schon irgendwie gelingen wird, die Gefahren zu umschiffen. Niemand kann mehr daran glauben, dass die Regulierungsformen wie die UNO es schon regeln werden. Niemand kann mehr übersehen, dass der geschichtliche Prozess in Bewegung gekommen ist – keiner, den wir noch selbst aktiv steuern, sondern einer, der erstmals in der Geschichte für die gesamte Zivilisation eine Abwärtsbewegung einleiten kann. Auf dem Oberdeck der „Titanic“ spielt das Orchester noch bis zum Schluss – aber das Leck ist geschlagen und die ersten, wie immer die Ärmsten und Unbeachteten, ersaufen…

Ich habe gestern über die offenbarten Interessengegensätze geschrieben. Die USA haben zu diesem Thema nichts zu sagen, China spielt den Großen Mann und Europa kann seine eigene mangelnde Umsetzung einer angemessenen Klimapolitik hinter ihrer Vermittlerrolle verstecken. Was bedeuten nun diese Interessengegensätze?

Es geht primär um die Verteilung und Struktur des Energieverbrauchs. Energieverbrauch ist eng mit Entwicklung, Fortschritt und Wohlstand verbunden. Zumindest bis zu einem gewissern Maß. Die folgende Abbildung zeigt, dass bis zu einem Wert von ca. 50 GJ/Kopf der „Index menschlicher Entwicklung“ stark vom Energieeinsatz ansteigt, danach aber auffällig weniger. Trotzdem verbrauchen eine Menge hochentwickelter Länder bereits viel mehr Energie pro Kopf der Bevölkerung, als es der Wohlstandssteigerung zuträglich wäre. Um eine bessere Einordnung zu ermöglichen, sei noch angegeben, dass Nordamerikaner im Jahr 2003 327,6 GJ, Europäer 145,8 GJ und Inder 21,6 GJ Energie verbraucht haben.


Pro-Kopf-Energiereinsatz und der Index menschlicher Entwicklung (Human Development Index) aus: Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderung (WBGU)(2003): Welt im Wandel. Energiewende und Nachhaltigkeit. S. 25.

Nun können wir uns fragen, wieviel Energieverbrauch für die irdische Atmosphäre verkraftbar ist. Prof. Hans-Peter Dürr (2003), geht davon aus, dass ca. 40-50 TW Energie(leistung), die letztlich von der Sonneneinstrahlung herrühren, in der Biosphäre „umlaufen“. Es wird eingeschätzt, dass durch menschliche Aktivitäten keine Störung in diese Bilanzen hineingebracht werden darf, die ca. 20 % des natürlichen Wertes übersteigt. Das wären dann ca. 9 TW. Umgerechnet auf die Anzahl der Menschen auf der Erde können auf diese Weise jedem Menschen 1,5 kW Energie zur Verfügung stehen – das entspricht dem Niveau der Energienutzung eines Menschen in der Schweiz um 1969. Gegenwärtig nutzen Mitteleuropäer jedoch 6 kW und US-Amerikaner 11 kW – während die Chinesen ausgehend von 800 W ihren Wert gerade stark erhöhen und die ärmsten Menschen dieser Erde die Bilanz mit nur 80 W pro Person beeinflussen.
(Mehr dazu in einer Studie von mir ab Punkt 3.1.)

Es geht also darum, dass die Entwicklungsländer einerseits als erste unter dem Klimawandel leiden, den der jahrzehntelange Energieverbrauch der jetzt entwickelten Länder hervor gerufen hat, dass sie andererseits aber noch etwas „Luft zur Entwicklung“ brauchen.

Der Dreh mit den versprochenen Wirtschaftshilfen für die Entwicklungsländer besteht sicherlich in dem Deal, dass man sich erhofft, dass für die gegebenen Gelder gleich auch wieder regenerative Energieversorgungstechnik in den Industrieländern gekauft wird.

Daran zeigt sich wieder, dass die hoch entwickelten industrialisierten, d.h. die kapitalistischen Kernländer, durchaus auch mal Synergieeffekte von Ökologie und Ökonomie zu nutzen bereit sind. Das betrifft auch die Hoffnung auf Elektromobilität. Allerdings tun sie keinen einzigen Schritt in Richtungen, die Profitmöglichkeiten abschneiden könnte. Gerade Angela Merkel und schon Gerhard Schröder, als angebliche Vorreiter im Bereich ökologischer Technologiepolitik, wichen gegenüber der Autoindustrie immer zurück.

Dahinter steckt eine ganz einfache Logik: Gemacht wird, was Profit bringt und alles, was den Profit schmälern könnte, wird abgelehnt. Da das alle machen, riskieren sie für ihre Einzelinteressen das Ganze der ökologischen und klimatischen Stabilität. Da sie alle gemeinsam am Profit hängen (und am damit versprochenen, immer weniger erfüllten Wohlstandsversprechen), müssen sie notwendigerweise konkurrieren – wenn nicht um die Ressourcen, dann um die „Rechte“ zur Verschmutzung und Aufheizung der Atmosphäre.

Es kommt also darauf an, hinter den Interessengegensätzen gerade die gemeinsame Wurzel zu durchschauen und letztlich radikal zu beseitigen: das Profitinteresse auf Basis der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Zum Abschluss auch heute was, was lustig sein könnte, wenns nicht so traurig wär…

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