Ausschnitt:
Hegel erkennt, dass „die Welt des Individuums nur aus diesem selbst zu begreifen“ ist (HW 3: 232).

„Sicherlich, es muß das Beste
Irgendwo zu finden sein.“ (Faust II)


Wir folgen nun dem Weg der „Gestalten des Bewusstseins“ (HW 3: 80).
Nach Georg Lukács können wir diese Bewusstseinsgestalten auch als menschliche Schicksale interpretieren, wie sie in der Geschichte durchlebt wurden – aber eben noch nicht als erkannte Geschichte. Es kommt nun darauf an, diese Geschichte „als etwas von den Menschen selbst gemeinsam Gemachtes“ zu erkennen (Lukács 1986: 538).

Dabei überspringe ich die ersten Gestalten – das sind jene, in denen für das Bewusstsein die Gegenstände in der Form der sinnlichen Wahrnehmung gegeben sind (HW 3: 82-92), jene, in denen sie wie ein Ding mit Eigenschaften erscheinen (ebd.: 93-107) und jene, in denen sie etwas als Kraftäußerung erkennen (ebd.: 107-136). Sie sind wichtig, um zu verstehen, wieso wir tatsächlich von uns selbst ausgehen müssen, wenn wir etwas über die Welt wissen wollen. Sie zeigen, dass die Art, wie wir die Welt zuerst erfahren, in der sinnlichen Wahrnehmung – und auch den späteren Auffassungen der Dingheit bzw. der Kraftäußerung – in sich widersprüchlich sind und nicht der „Weisheit letzter Schluss“ sein können.

2. Gestalten des Bewusstseins
2.1 Selbstbewusstsein, Leben und Individualität

Als Ergebnis erfährt das Bewusstsein, dass es Selbstbewusstsein ist. Es war schon immer Selbstbewusstsein – auch als es für sich selbst noch die (hier ausgelassenen) Vorstufen Sinnliche Gewissheit, Wahrnehmung und Verstand durchlief –, es wusste es vorher aber noch nicht (nur wir als „Beobachter_innen“ wussten es und verfolgen mitlesend seine Selbsterkenntnis). Das heißt, es weiß, dass es seinen Gegenstand weiß. Es hat sich sozusagen innerlich verdoppelt: Es ist es selbst (Ich bin Ich), aber auch das Wissende über den Gegenstand (Ich bin, der über den Gegenstand weiß, der also nicht der Andere ist). Selbstbewusstsein ist „wesentlich die Rückkehr aus dem Anderssein“ (HW 3: 138).
Wissen ist dabei keine Beziehung zwischen dem Menschen und dem Gegenstand, sondern zwischen dem Menschen und dem Gewussten über den Gegenstand, dies ist keine äußere Beziehung, sondern eine innere Selbstunterscheidung, Selbstbeziehung.

Wenn das Selbstbewusstsein nun näher erfahren will, was es ist, muss es sich praktisch verhalten. Anders ausgedrückt: Es ist nicht nur ein neutraler, auszuhaltender Unterschied, dass Ich mich als Selbst weiß und gleichzeitig als unterschieden vom Anderen, sondern es wird zum treibende Widerspruch, ich will die Einheit mit ihm herstellen, „Begierde“ entsteht. (vgl. HW 3: 139) Das Andere stört den reinen Selbstbezug, deshalb soll es aufgehoben werden. Das Selbstbewusstsein muss sich nun doch nach außen verhalten, es entwickelt Begierden und einen Willen. Es zeigt sich – mindestens – als Lebendiges. Als Begehrendes erlebt sich das Selbstbewusstsein als einzelnes und auf ein äußeres Objekt bezogen (HW 10: 215 425 Zusatz).

Zum Prozess des Lebens gehört, dass es eine Entzweiung gibt: die lebende Gestalt ist bestimmt als unterscheidbar gegenüber Anderem, sie ist selbständig und sie erhält sich durch Stoffwechsel:

„Diese an sich seiende Bestimmtheit der Art, die nunmehr auch existiert, läßt sich mit Anderem ein, unterbricht dieses Einlassen aber auch und neutralisiert sich nicht mit demselben, sondern erhält sich im Prozesse, welcher indessen durch es und sein Anderes bestimmt ist.“ (HW 9: 335-336)

Hier, wo tatsächlich äußere Einwirkungen ins Spiel kommen, wo rein innere Beziehungen und Prozesse nicht mehr ausreichen zur Bestimmung, entsteht die Individualität. Indem jeder Organismus „Andere[s] in sich setzt“ (HW 3: 142), bildet es sich als Individuelles heraus. Heute würden wir von Autopoiesis sprechen, davon, dass ein lebender Organismus seine Grenze (und damit sich selbst) selbst setzt und nicht nur passives Wechselwirkungsprodukt ist wie die Produkte chemischer Reaktionen.

„Der Individualität des chemischen Körpers kann sich eine fremde Macht bemächtigen; das Leben hat aber sein Anderes an ihm selbst, es ist eine abgerundete Totalität in sich, – oder es ist Selbstzweck.“ (Enz. II: 339)

Diese Individualität hat später auch im Geistigen eine ungeheure Bedeutung. Hegel erkennt, dass „die Welt des Individuums nur aus diesem selbst zu begreifen“ ist (HW 3: 232). Das bedeutet auch, bereits die grundlegende Möglichkeitsstruktur menschlichen Verhaltens zu erfassen. Die Kritische Psychologie sieht es als unaufhebbare Möglichkeit des Individuums an, „angesichts jeder aktuellen Einschränkung/Bedrohung immer in irgendeinem Grad die Freiheit [zu haben], seine Bedingungsverfügung zu erweitern oder darauf zu verzichten.“ (Holzkamp 1983: 370). Bei Hegel heißt es etwas allgemeiner: „[D]er Einfluß der Wirklichkeit, welche als an und für sich seiend das Individuum erhält durch dieses absolut den entgegengesetzten Sinn, daß es entweder den Strom der einfließenden Wirklichkeit an ihm gewähren läßt oder daß es ihn abbricht und verkehrt.“ (HW 3: 232)

In der Entwicklung des Selbstbewusstseins ist es dahin gelangt, vom Gegenstand als dem seinen zu wissen. Aber, wie Hegel in der „Enzyklopädie“ erklärt, es weiß das noch nicht – nur wir als die äußeren Beobachter wissen es (HW 10: 213)


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