Ausschnitt:

Idealismus ist also eine Weltanschauung, die die Welt als vernünftig betrachtet und deshalb erkenn- und gestaltbar. Wenn dies nicht stimmt, so gibt es in der Welt etwas der Vernunft grundsätzlich Disparates und das würfe uns auf den Zustand des stoischen, skeptischen oder unglücklichen Bewusstseins zurück.


Aber wir sind noch nicht auf der Stufe des Freiheit und Vernunft verbürgenden Staates. Verfolgen wir den Weg des Selbstbewusstseins weiter:

2.3 Stoizistisches, skeptizistisches und unglückliches Bewusstsein.

Als abstraktes Gegenteil des Eigensinns findet sich das Selbstbewusstsein im Denken frei – damit kann es sich von allen Abhängigkeiten des Lebens frei halten und sich „aus dem Wirken wie dem Leiden, in die einfache Wesenheit des Gedankens“ zurückziehen (HW 3: 157). Allerdings wird es dabei selbst leblos. Dies wird das stoische Bewusstsein genannt. „Die Freiheit des Selbstbewußtseins ist gleichgültig gegen das natürliche Dasein…“ (ebd.: 158), sein Denken ist jedoch nur reines, abstraktes Denken „ohne die Erfüllung des Lebens“ und seine Freiheit ist „nur der Begriff der Freiheit, nicht die lebendige Freiheit selbst“ (ebd.). Sie fangen bald an „Langeweile zu machen“ (ebd.: 159).

Das, was das stoische Bewusstsein außen vor lässt, die „undenkbare Wirklichkeit“ (Römpp 2008: 95), wird für das skeptische Bewusstsein zum Anlass, dieses Anderssein nur negativ zu enthalten, es zu vernichten. Das skeptische Selbstbewusstsein ist sich seiner selbst fest bewusst, aber es kann sich nicht durch Beziehungen auf anderes inhaltlich bestimmen, sondern es ist „nur eine schlechthin zufällige Verwirrung, der Schwindel einer sich immer erzeugenden Unordnung.“ (HW 3: 161). In dieser Unordnung versteht es sich selbst auch nur als einzelnes, zufälliges Bewusstsein. Es wird so eine „bewußtlose Faselei“ (ebd.: 162).

„Wird ihm die Gleichheit aufgezeigt, so zeigt es die Ungleichheit auf; und indem ihm diese, die es eben ausgesprochen hat, jetzt vorgehalten wird, so geht es zum Aufzeigen der Gleichheit über; sein Gerede ist in der Tat ein Gezänke eigensinniger Jungen, deren einer A sagt, wenn der andere B, und wieder B, wenn der andere A, und die sich durch den Widerspruch mit sich selbst die Freude erkaufen, miteinander im Widerspruche zu bleiben.“ (HW 3: 162-163)

Das Bewusstsein entzweit sich so in sich selbst, es wird zum unglücklichen Bewusstsein. „Herr“ und „Knecht“ sind nicht mehr in unterschiedenen Selbstbewusstseinen sondern in einem. In ihm zeigt sich der Widerspruch zwischen dem Allgemeinen (dem nur denkbaren Begriff) – dem das stoische Bewusstsein anhing – und den einzeln vorkommenden Dingen – die für das skeptische Bewusstsein wesentlich waren. Ein Teil des Bewusstseins hält sich an den Begriff, will unabhängig vom Einzelnen sein, der andere klammert sich ans Einzelne und will es gestalten. (Ludwig 1997: 110 f.) Der Kampf der beiden entzweiten Anteile gegeneinander bringt jedoch keine Befriedigung, denn er erzeugt den Gegensatz nur immer wieder neu. Dieser zeigt sich als Gleichzeitigkeit, aber Unversöhntheit des gedankenlosen Fühlens und einer unendlichen Sehnsucht und des Gedankens, der nur Unwesentliches in sich fasst.

„Sein Denken als solches bleibt das gestaltlose Sausen des Glockengeläutes oder eine warme Nebelerfüllung, ein musikalisches Denken, das nicht zum Begriffe, der die einzige immanente gegenständliche Weise wäre, kommt.“ (HW 3: 168)

Das unglückliche Bewusstsein entspricht dem vereinzelten Einzelnen, der noch nicht über seine Lage reflektiert; er ist zwar begehrend und arbeitend, er findet Fähigkeiten und Kräfte in sich, aber als „fremde Gabe“ (HW 3: 171). Als einzeln in der Wirklichkeit Tätiger, bleiben für ihn die Extreme zwischen der Tätigkeit und der passiven Wirklichkeit erhalten. Wir sehen vor uns „nur eine auf sich und ihr kleines Tun beschränkte und sich bebrütende, ebenso unglückliche als ärmliche Persönlichkeit“ (ebd.: 174).

Einen Ausweg aus dieser Lage findet der unglückliche, in sich zerrissene Einzelne in der Aufopferung seiner Einzelheit und darin, seinen Willen „als eines nicht einzelnen, sondern allgemeinen“ (ebd.: 176) zu sehen. Was bedeutet es nun, sich als einzelnes Bewusstsein allgemein zu verhalten? Es bedeutet, Vernunft zu haben, sich vernünftig zu verhalten. Vernünftiges Denken bedeutet, das allgemeine Denken auf das ihm gegenüber stehende Gegenständliche der Welt zu beziehen, das darin gleichzeitig einzeln und allgemein ist. (Römpp 2008: 96). Dies setzt voraus, dass die einzelnen Gegenstände und Ereignisse „innerlich vernünftig und deshalb vernünftig zu verstehen bzw. zu erklären“ (ebd.) sind. Zur Vernunft bei Hegel schreibt sein Kommentator Erdmann: „In der Welt ist „Vernunft“ heisst (objectiver) Zusammenhang.“ (Erdmann 1864: 4 § 7,1) Dies bedeutet nicht, dass die Zerrissenheit aufgehoben wäre, aber die Vernunft findet eine Einheit in der Zerrissenheit. Vernunft setzt „absolute Entzweiung zu einer relativen herunter“ (HW 2: 22).

Als Vernunft schlägt das bisher negative Verhältnis zu dem Anderssein in ein positives um (HW 3: 178). Das vernünftige Selbstbewusstsein begreift, „daß alle Wirklichkeit nichts anderes ist als es“ (ebd.: 179). Dies wird erreicht durch die Reflexion; in dieser erkennt das Selbstbewusstsein, dass das Andere keine Wirklichkeit neben sich ist (ebd.: 181), sondern – wenn es vernünftig ist – mit ihm übereinstimmt. Indem die Welt vernünftig ist, kann die sie erkennende Vernunft sie nur als mit sich identisch erfahren, sie „ist gewiß, nur sich darin zu erfahren.“ (ebd.: 179).

„Die Vernunft ist die Gewißheit des Bewußtseins, alle Realität zu sein“ (ebd.: 179) – dies nennt Hegel ausdrücklich Idealismus. Idealismus ist also eine Weltanschauung, die die Welt als vernünftig betrachtet und deshalb erkenn- und gestaltbar. Wenn dies nicht stimmt, so gibt es in der Welt etwas der Vernunft grundsätzlich Disparates und das würfe uns auf den Zustand des stoischen, skeptischen oder unglücklichen Bewusstseins zurück. Wir wären höchstens im Sinne einer abstrakten Freiheit frei. Ludwig betont in seinem Kommentar, dass der Idealismus letztlich auch bedeutet, dass Realität durch das Bewusstsein gesetzt werden kann, dass auch widrigen Umständen nicht die letzte Seinsmacht zuerkannt wird (Ludwig 1997: 121).


Später dann mehr…