Ausschnitt:

Der Menschheitsbeglücker, der Revolutionär ist für die Anderen auch nur ein einzelner Anderer, der sich gegen sie richtet. Nicht nur das „starre Gesetz“, sondern es stehen nun „die Herzen der Menschen selbst seinen vortrefflichen Absichten entgegen und zu verabscheuen“ (HW 3: 278). Er hatte die starre Ordnung nur als „tote Wirklichkeit“ genommen – aber nun zeigt sie sich als „von dem Bewußtsein aller belebt“ (ebd.: 279).


Wir sind immer noch beim einzelnen Selbstbewusstsein, dass inzwischen aber vernünftig geworden ist. Das bedeutet, dass das Andere, die Welt nicht mehr als entgegengesetzt angenommen wird, sondern in ihm wird dieselbe Vernunft angenommen wie in sich selbst. Deshalb hat die Vernunft „die Ruhe gegen sie empfangen und kann sie ertragen“ (HW 3: 179) Dies wird vom „Vernunft-Bewusstsein“ (Römpp 2008: 97) vorerst noch als natürlicher Zustand hingenommen, noch nicht als Ergebnis einer Entwicklung begriffen (was wir als Beobachter_innen wissen).

Die nächste Stufe ist die „beobachtende Vernunft“ (HW 3: 185 ff.), was die Art und Weise meint, die Welt nach Kriterien einzuteilen und auf Begriffe zu bringen (Römpp 2008: 99). Es geht also nicht mehr nur um die sinnliche Wahrnehmung, sondern die Suche nach der Vernunft in der Welt, nach ihrem Wesen, ihrer Allgemeinheit. Auf dieselbe Weise verhält sich das vernünftige Selbstbewusstsein nun gegen sich selbst und entdeckt „logische und psychologische Gesetze“ (ebd.: 226). Auf diesem Web versucht sich die Vernunft in den Einzelheiten der empirischen Wirklichkeit zu finden (Römpp 2008: 101). Diese empirische Wirklichkeit wird dabei aber ihrer Unmittelbarkeit enthoben, die Gegenständlichkeit gilt nur noch als Oberfläche, „deren Inneres und Wesen es selbst ist“ (HW 3: 263). Dass der Gegenstand nichts Fremdes mehr ist, ist ihm eine „innere Gewißheit“, d.h. es ist an sich (ebd.). Aber nun muss es noch für es werden, die Vernunft bleibt nicht beobachtend (d.h. das allgemeine Wesen im Einzelnen erkennend), sondern sie wird tätig. Das heißt, es reicht nicht aus, etwas als in der Welt als an sich vernünftig zu begreifen, sondern das vernünftige Selbstbewusstsein muss auch „seine Wirklichkeit im anderen fordern und hervorbringen“ (ebd.).

Vorausgesetzt ist dabei noch, dass das vernünftige Selbstbewusstsein unmittelbar als Einzelnes existiert (HW 3: 268). Wenn es in dieser Form nach Verwirklichung strebt, sieht es das andere, die vorgefundene Wirklichkeit, wiederum zuerst als etwas von seinem individuell-einzelnen Zweck getrenntes (ebd.: 269). Aber es will seine Wirklichkeit im andern hervorbringen.

2.4 Die Lust, das Gesetz des Herzens und die Tugend

Auf dem Weg der Erfahrung, in der Welt sich selbst wieder zu finden, durchläuft das Selbstbewusstsein zuerst die Stufe der Lust.

„Es stürzt also ins Leben und bringt die reine Individualität, in welcher es auftritt, zur Ausführung. Es macht sich weniger sein Glück, als daß es dasselbige unmittelbar nimmt und genießt.“ (HW 3: 271)

Hier geht es nicht mehr nur um die Befriedigung der organisch bedingten Begierde, sondern um das Wissen darum, dass es mir Genuss bereitet, den Apfel zu essen, bzw. mit der Welt in Wechselwirkung zu treten. Dabei wird das Selbstbewusstsein jedoch abhängig von der Welt und deren „harten […] Wirklichkeit“ (ebd.: 273) und es erlebt deren „leblose Notwendigkeit“ (ebd.: 274). Es erlebt die „unbegriffne Macht der Allgemeinheit, an welcher die Individualität zerschmettert wird“ (ebd.). Von daher wird nun eine Vermittlung zwischen der Lust und der Notwendigkeit gesucht:

„Das Vermittelnde müßte das sein, worin beide Seiten eins wären, das Bewußtsein also das eine Moment im anderen erkennte, seinen Zweck und Tun in dem Schicksale und sein Schicksal in seinem Zwecke und Tun, sein eigenes Wesen in dieser Notwendigkeit.“ (HW 3: 274)

Aber so weit ist das Selbstbewusstsein und sind wir noch nicht.

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